Kunst: Frankfurts offene Ateliers laden ein
Er beschreibt die junge Frau als „außerordentlich wissbegierig“. Innerhalb eines Jahre sog sie alles auf, was der Künstler ihr vermitteln konnte. Mittlerweile lebt sie in Kanada, leitet dort selbst Kurse. Mit Manfred Neumann steht sie nach wie vor in Kontakt, schickt ihm manchmal ihre Bilder und fragt ihn nach seiner Meinung. „In einer kurzen Zeit kann man eine Menge erreichen. Erstaunlich“, sagt der 81-Jährige.
Depot 9 hat vor allem Porträts
Solche Geschichten kann er zu jedem seiner Bilder erzählen. Ein Teil davon hängt in seinem Depot 9 genannten Atelier in der Berliner Straße. Es sind vor allem Porträts. Augen, die den Betrachtenden ansehen, Gesichter, die zu echten Menschen gehören. Zum Beispiel zu Pfarrer Heinz Bräuer (1916-2007), Ehrenbürger Eisenhüttenstadts, der in der „ersten sozialistischen Stadt Deutschlands“ Christen zu Gebet und Gottesdienst versammelte, obwohl damals kein Platz für Kirche vorgesehen war. „Man sieht das Leid und die Anteilnahme, welche Erfahrung er mit Menschen gemacht hat, wie er sich kümmerte“, beschreibt Neumann.
Wenn es am Sonnabend beim Tag des offenen Ateliers nicht allzu voll im Depot 9 ist, erzählt Manfred Neumann seinen Gäste gerne die eine oder andere Geschichte, die hinter seinen Bildern steckt. Von 11 bis 18 Uhr ist sein Atelier geöffnet, allerdings nicht ganz so einfach zu finden. Um in der Berliner Straße 14 (Altes Konsument, über der ehemaligen Sparkassen-Filiale) zu ihm in den 4. Stock zu gelangen, muss man den Eingang an der Hausrückseite nehmen. Im Haus befindet sich ein Fahrstuhl.
Depot 9 heißt der Ort, weil Neumann mit seinem Atelier seit 1966 neunmal in der Stadt umgezogen ist. Seit seinem 15. Lebensjahr beschäftigt er sich mit Malerei, machte erst eine Malerlehre, war dann an der Fachschule für angewandte Kunst, später an der Hochschule für bildende Kunst. Seit etwa drei Jahren arbeitet er in der Berliner Straße, seit bald 20 auf den Gerstenberger Höfen. Zum Teil seien die Künstler, die heute auf den Höfen arbeiten, Autodidakten. Was diese so kreieren, sei „gar nicht mal so schlecht“, lobt er, zeigt Richtung Kulturmanufaktur Gerstenberg (Kuma). Dort gebe es jetzt zwei Maler.
Christopher Kadetzki und Paul Banause sind die beiden, die ihre Ateliers am Sonnabend und Sonntag, jeweils von 12 bis 18 Uhr, ebenfalls öffnen, um Pleinair-, also Freiluft-Malerei, Streeatart und Malerei zu zeigen. Zu sehen sind ebenfalls ein paar Porträts. Etwa von einer Frau, die „Bock auf Bockwurst“ hat, wie die Bildunterschrift die Zuschauer informiert. „Wer nicht so in Stimmung ist für schwere, harte Themen“, so Paul Banause, sei bei ihm richtig. "Ich versuche, sanfte Themen, die ich ganz lustig finde, zu verarbeiten“, sagt er und zählt Bockwurst und Senf als Beispiele auf.
Kunst in Schallplattenformat
Das Gesicht der Frau ist auf 31,5 Zentimetern im Quadrat gezeichnet – Schalllplattenformat. Seine Vinyl-Cover-Serie hat Paul Banause angefangen, weil ein Rapper ihn darum bat, ein Cover für ihn zu gestalten. Mit der Zeit wurden es immer mehr. Besucher können P. Banause dieses Wochenende außerdem bei der Arbeit über die Schulter gucken, denn der junge Mann will einen Kumpel zeichnen. „Ich bin gespannt auf die Besucher“, sagt er.
Kollege Christopher Kadetzki beschäftigt sich aktuell wieder mehr mit Natur, dem Schlaubetal, nachdem seine jüngsten Bilder vor allem Stadtansichten zeigten. In der Kuma sind außerdem Bilder der kurdischen Malerin Lava Mouslam zu sehen, für die Kunst eine Brücke zwischen Kulturen und Gesellschaften ist. Wer sich nach Kunst- und Verkaufsausstellung, offenen Galerien und Ateliers sowie Vortrag (s. Infokasten) ausruhen will: Die Bar der Kuma ist geöffnet. An den 9. Tagen des offenen Ateliers nehmen in diesem Jahr so viele Künstlerinnen und Künstler wie nie zuvor teil.
Das Programm am Wochenende
Zehn Künstler stellen Sonnabend u. Sonntag, 10 - 18 Uhr, ihre Werke, die man auch kaufen kann, in der VHS aus. Vernissage: Sa. 10 Uhr, Gartenstr. 1. Dabei sind: Sabine Barber, Adam Czernenko, Tomasz Fedyszyn, Herdegen Fehlhaber, Evelin Grunemann, Margitta Gröschke, Michael Kurzwelly, Monika Leonhardt, Anna Panek-Kusz, Steffen Schmolke. Die Galerie B, Lindenstr. 4, und die Spectrum Galerie Kunigam, Baumschulenweg 48, haben Sonnabend u. Sonntag, 12 - 18 Uhr, geöffnet. Offene Ateliers gibt es zu denselben Uhrzeiten in der Lindenstr. 6. Dort können sich Besucher die Werke von Naoum Cheer, Sergej Luzewitsch, Axel Ohmert und Svetlana Tiukkel ansehen. Auch 12 - 18 Uhr öffnen an beiden Tagen Paul Banause und Christopher Kadetzki ihr Atelier, Ziegelstr. 28a. Manfred Neumann hat Sonnabend geöffnet (11-18 Uhr, Berliner Str. 14) und Günter Neubauer von Knobelsdorff an beiden Tagen, 10-18 Uhr, Siedlerplatz 1 in Rosengarten. Am Sonnabend, 16 Uhr, hält er einen Vortrag zum Thema "Das Aquarell". ⇥red

