Mauerfall: 80 Frankfurter beim Ost-West-Austausch in Heilbronn
Mehr als 80 angereiste Frankfurter und annähernd 50 gastgebende Heilbronner nutzten da die Chance, um sich über ihre Erfahrungen in 30 Jahren Einigungsprozess auszutauschen. „Die mehrstündigen Diskussionen wurden auf einem hohen Niveau geführt. Sie weckten Neugier“, zog Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke ein erstes Fazit. Gemeinsam mit FrankfurterInnen wie Karin Muchajer, Anneliese Böttcher, Klaus Kuke, Hans-Georg Winter, Ralf Parkner und Hans-Joachim Grund, aber auch mit Bürgermeister Claus Junghanns, Kämmerin Corinna Schubert und Kulturdezernentin Milena Manns weilte der OB von Freitag bis Sonntag in Frankfurts Partnerstadt. Auf der Dialogveranstaltung am Samstag stand vor allem die Frage im Raum: Wie wollen wir, die Deutschen aus Ost und die Deutschen aus West, künftig miteinander leben?
In kleinen Kreisen wurde diskutiert. So saßen die Frankfurter Heidemarie Langisch, Hans-Joachim Lutz sowie Swetlana und Klaus Baldauf mit den beiden Heilbronnerinnen Ellen Müsing und Liselotte Denner zusammen. Heidemarie Langisch, über viele Jahre Geschäftsführerin beim sozialen Träger PeWoBe, kam mit der etwas schüchternen Ellen Müsing über das Thema Kinder ins Gespräch. Beide Heilbronnerinnen meinten später lakonisch, nach dem Mauerfall hätte man ruhig einen Teil des guten Kinderbetreuungs-Systems der DDR übernehmen können. „Hat man aber nicht“, bedauerte die promovierte Erziehungswissenschaftlerin Liselotte Denner. Sie wurde auf einem Bauernhof im Württembergischen groß. „Meine Herausforderung war, die Bildungsangebote zu nutzen. Das war ein Stück Arbeit.“ Heidemarie Langisch, lange Jahre auch Chefin des Eurocamps am Helenesee ("meine Herausforderung"), erzählte mit lachendem Gesicht, dass sie Heilbronn „ein Kind geklaut“ habe. Der Hintergrund: Manuela Demel aus Heilbronn besuchte das Eurocamp, studierte dann an der Viadrina – blieb an der Oder und ist nun bei der PeWoBe leitende Mitarbeiterin.
Klaus Schumann ("Ich bin Jung-Senior. Rentner klingt so, als wäre man untätig") lebt seit Januar 1970 in Frankfurt. Der einstige Produktionsleiter im Halbleiterwerk bedauerte, dass auf diesem Treffen der Partnerstädte kaum junge Leute zu sehen waren. Er selbst hatte vor genau 30 Jahren, Mitte Februar 1990, Heilbronn besucht. „Ich war im hiesigen Robert-Mayer-Gymnasium, sprach mit dem Rektor. Drei Monate später war eine Schüler-Delegation in Frankfurt.“
Kaum junge Teilnehmer
73 und mit Schumann fast gleichaltrig ist Günter Steffen, in Heilbronn einst Chef der IHK. Er mache sich Sorgen „um den Graben“, der Deutschland-Ost und -West noch immer trenne. Ja, man sollte die Chance zu Diskussionen wie hier und heute nutzen und – da habe Klaus Schumann recht – „vor allem die jungen Leute ins Boot holen.“ Warum, fragte er auch, habe der Veranstalter nicht Pädagogen aus Heilbronn eingeladen? „Sie hätten das Thema Deutsche Einheit im Unterricht vermitteln können.“
Deutsch-DeutscheBegegnungen
Im Jubiläumsjahr der Deutschen Einheit werden bis Mai 2020 von der Bundesregierung 16 Begegnungen zwischen deutsch-deutschen Partnerstädten organisiert. Nach Heilbronn und Frankfurt sind Flensburg und Neubrandenburg an der Reihe. Eine Kommission – bestehend aus 22 Personen aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur sowie Zivilgesellschaft – begleitet die Veranstaltungen. Ihre Ergebnisse bilden die Grundlage für politische Handlungsempfehlungen. ⇥red

