Am Montag nach dem Mauerfall wurde in der Redaktion des "Neuen Tag" herumgedruckst. "Und, warste auch schon drüben?", hätten sich Kollegen verlegen zugeflüstert, erinnert sich Bernd Röseler, damals 29 und Redakteur für Landwirtschaft, heute im Medienhaus der Märkischen Oderzeitung, die aus der SED-Parteizeitung "Neuer Tag" hervorging. Röseler war am Tag zuvor in Westberlin gewesen, war mit Freunden vom Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße fasziniert die Mauer westwärts entlang bis zum Tiergarten spaziert. Diese ersten Westerfahrungen der DDR-Bürger gab der "Neue Tag" in der Montagsausgabe in einer Randnotiz wieder, Titel: "Mehr als vier Millionen Visa erteilt".
Nicht herumdrucksen musste sein Kollege Dietrich Schröder, gleiches Alter, ebenso Genosse. Vom Mauerfall-Trubel hielt Schröder sich fern. Erst am 1. Dezember fuhr er nach Westberlin. Sein Leben habe sich damals um seine sechs Monate alte Tochter gedreht, sagt Schröder, MOZ-Redakteur. Aber die Flucht ins Private bot sich für ihn auch an. "Ich hatte damals das diffuse Gefühl, dass es mit der DDR zu Ende geht. Und ich war nicht begeistert", sagt er. Seit er 1985 in Moskau studiert und den Geist von Glasnost und Perestrojka gespürt hatte, hoffte er, dass sich endlich auch das DDR-Regime veränderte.
Die Drucker brachen zuerst auf
Anders als in der Redaktion waren die Gespräche an jenem Montag in der Druckerei: "Bei uns war Westberlin das Thema", sagt Jörg Krause, damals 22 und Setzer, heute Grafiker der MOZ. Auch er hatte am Sonntag eine selige Runde von Kreuzberg bis zum Kudamm gedreht. Tränenreich, denn Familie Krause war zwischen Ost und West zerrissen, nicht nur geografisch.
Die Arbeiter der Druckerei waren überhaupt die ersten, die aufbrachen in die neue Zeit. Produktionsleiter Karl-Heinz Stietz war bereits aus der SED ausgetreten. Schon am 9. November hatten in der Nachtschicht Arbeiter gefehlt. Jörg Krause, der Spätschicht hatte, erinnert sich, wie der Schichtleiter durch die Halle stürzte und rief: "Wo soll ich jetzt die Leute hernehmen?" Um halb 12 war Andruck für die 200 000 Exemplare zählende Auflage. Krause und die anderen ahnten, dass das Fehlen der Kollegen mit der verschwurbelten Mitteilung Günter Schabowskis zur neuen Reiseregelung, die "nach seiner Kenntnis sofort, unverzüglich" gelten sollte, zusammenhing. Irgendjemand hatte das bereits in der Druckhalle verkündet, erzählt Krause.
Bei Dietrich Schröder, der am 9. November ebenfalls Spätschicht gehabt hatte, im Büro des Korrekturlesers in der Druckhalle, kam das jedoch nicht an. Über einen Flaschenzug nahm er die Druckfahnen von den Setzern aus der Druckhalle entgegen. Gegen halb zehn kam die Meldung rein, doch Schröder verstand nicht, was sie bedeutete. Der Nachrichtenchef fragte ihn: "Was machen wir damit?" Sie setzten die "Neue Reiseregelung" auf Seite 1 in die Randspalte, neben das Foto vom Treffen von Egon Krenz und dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau – aus journalistischer Sicht ein großes Versäumnis, diese Sensation nicht groß ins Blatt zu bringen, räumt Schröder ein. Am nächsten Tag machte er mit Frau und Kind einen Ausflug ins Schlaubetal. Erst am Abend hörte er, was in Berlin los war.
Blättert man durch die Ausgaben des "Neuen Tag" im Oktober und November 1989, liest man schon von "Wende", von Protesten, Gesprächsforen, Erneuerung. Die 35 000er-Demo in Frankfurt am 1. November bekam jedoch nur einen kleinen Artikel auf Seite 1 unten, die Alexanderplatz-Demo vom 4. November ist immerhin Aufmacher. Doch es dominierten weiterhin Verlautbarungen der SED-Führung. Fast täglich Egon Krenz auf dem Titel, am 10. November erscheint auf drei von 12 Seiten ein Referat des ZK-Chefs. "Zu der Zeit hat man das tatsächlich gelesen", sagt Bernd Röseler. "Ich hab gehofft, dass die jetzt mal was Vernünftiges beschließen", sagt Dietrich Schröder. Röseler hoffte auch auf eine Perestrojka wie er sie 1987 bei einer Recherchereise in Weißrussland kennengelernt hatte, wo die Zeitungen schon von Verbrechen und von nicht erfüllter Produktion schrieben. Röselers Artikel-Serie dazu im "Neuen Tag" wurde jedoch abgebrochen. Als er dann im Oktober 1989 sah, wie sich Gorbatschow und Honecker beim 40. DDR-Geburtstag "kalt gegenüberstanden", schwand bei ihm die Hoffnung. Mit dem Mauerfall sei klar geworden, jetzt ließ sich nichts mehr zurückdrehen.
Für die meist linientreuen Redakteure des "Neuen Tag" öffnete sich plötzlich der Weg in den freien Journalismus. Überraschend und ohne, dass sie darum gebeten hatten. Die Forderung nach Pressefreiheit, die auf den Demonstrationen des Neuen Forums formuliert wurde – sie war nicht von den Redakteuren und Druckereiarbeitern vorgetragen worden. War Pressefreiheit trotzdem auch ihre Hoffnung?
"Wir hatten ja die Schere im Kopf. In der Zeitung ging es um die Erziehung des Volkes und wir waren eine gedrillte Mannschaft", sagt Bernd Röseler.
"Wir waren gelernte DDR-Bürger", sagt Jörg Krause.
"Ich war kein Umstürzler", sagt Dietrich Schröder.
Angst, was jetzt kommen mag
Einige, wie Krause, gingen zu den Demos, privat, aus Überzeugung oder Neugier. Während viele seiner Freunde bereits das Land verlassen hatten, wollte Krause zeigen: Ich bleibe.
An Angstgefühle wollen sich nur die Frauen erinnern, die damals im Haus waren. "Ich hatte Angst, schließlich waren wir die Parteizeitung. Die, die zu den Demos gingen, das waren die anderen. Wir kannten die nicht", sagt Ines Weber-Rath, damals kaum ein Jahr beim "Neuen Tag". Auch Evelin Dörschel, heute MOZ-Archivarin, war mulmig. "Vorm Volkszorn. Und dass es in Unruhen ausartet."
Am Montag nach dem Mauerfall war allmählich klar, dass die Revolution friedlich bleiben würde. Die Mitarbeiter des "Neuen Tag" gehörten zu ihren Gewinnern. Viele stürzten sich ins Geschehen und erfanden sich als Journalisten neu, frei nach der Devise: Gucken, was kommt, wie Ines Weber-Rath es formuliert. Zurückschauen war nicht angesagt. Die Wende brach sich auch im Blatt Bahn. Dietrich Schröder berichtete von der Demonstration der Kulturschaffenden. Ines Weber-Rath saß mit am Runden Tisch, das Neue Forum erkämpfte sich bald Platz für eigene Veröffentlichungen. Bernd Röseler wurde nach dem bald folgenden Abtritt der alten Chefredaktion Mitglied der neu eingesetzten unter Heinz Kannenberg, die später von den Redakteuren auch gewählt wurde. Mitte März 1990 verwandelte sich der "Neue Tag" in die Märkische Oderzeitung. "Es war die spannendste Zeit meines Lebens", sagt Röseler.