Mauerfall: Die Słubicer waren schon drüben

Eine große Pfütze, Container und eine Menschenmenge – der "Polenmarkt" 1989 in Westberlin zwischen der Brache ab dem Landwehrkanal bis zum Potsdamer Platz. 15 bis 20 Minuten lief Wojtek Wozniak 1989 vom Bahnhof Friedrichstraße hierhin zu Fuß.
WinterEs war 1989, die Mauer um die DDR war noch zu, die Słubicer aber hatten sie schon überwunden. Dass der „Polenmarkt“ zuerst ein Westberliner Phänomen war, hat mit der Reiseregelung in Polen zu tun. Die Grenze zwischen der DDR und der Volksrepublik war 1989 noch nicht visafrei passierbar, Westberlin aber stand den Polen offen, für 31 Tage – ohne Krankenversicherung und ohne Rückkehrsicherheit in DM, die für die Reise nach Westdeutschland galten. Man brauchte lediglich einen Pass, der war seit Anfang 1989 in Polen leichter zu erhalten. Und ein Ticket. „Wir haben natürlich getrickst, fuhren mehrmals auf einer Fahrkarte“, erzählt Wozniak. Die Transformation begann im Provisorium.
40 000 Polen täglich sollen Westberlin 1989 und 1990 besucht haben, auch viele Słubicer. Der „Polenmarkt“ hatte sich auf einer Brache am Potsdamer Platz gebildet, in der Nachbarschaft eines türkischen Markts. Verkauft wurde auf Decken und aus Tüten. Zigaretten, Kleidung, Uhren, Kunsthandwerk. „Und Teekannen“, wundert sich Wozniak.
Die Waren kamen meist aus dem „Pewex“, der polnischen Variante des „Intershops“ mit teuren hochwertigen Waren. In Słubice befand er sich am heutigen Plac Frankfurcki, hinter dem Collegium Polonicum, „Bermuda-Dreieck“ wurde der Ort genannt. „Im ‚Pewex’ kaufte man in harter Währung, also Dollar“, sagt Wozniak. Vor dem Geschäft tauschte man sie beim Devisenhändler ein, der Kurs eins zu 10 000 Złoty, schwarz natürlich. Für 5 Dollar, gut 9 DM, pro Stange kaufte Wozniak ein, meistens Camel, Marlboro. „Im Laden in Westberlin kostete eine Stange 45 DM, auf dem Markt ungefähr 30 DM“, rechnet er vor. Auch an Razzias erinnert sich Wozniak, aber die Polizisten kamen dem wilden Markttreiben nicht bei. Die Aura der westlichen Großstadt beeindruckte den jungen Mann, Wozniak schlenderte mit Freunden durch die Straßen. Man schaute Leute und Schaufenster an, brachte sich Deutsch bei, kaufte Süßigkeiten bei Aldi, Bier, einen Walkman und ging auf dem Rückweg gut und günstig in Ostberlin essen. Obwohl die DDR eigentlich nur für den Transit durchquert werden durfte. „Bestimmt hundert Mal bin ich so in Berlin gewesen.“
Man habe verschiedene Graustufen durchfahren, erinnert sich Anna Górska, die Anfang 1989 von Słubice aus ihren Bruder in Westberlin besuchte. "Polen war arm und grau, die DDR schon etwas farbiger und Westberlin war richtig bunt.“
1990 wurden die Zollkontrollen strenger. Wojtek Wozniak musste drei Mal zahlen. Der Berliner „Polenmarkt“ verschwand irgendwann und begann in Słubice und anderen Grenzstädten zu blühen, denn an der Oder war die Grenze inzwischen offen, die Einkaufstouristen kamen. Wozniak begann in seiner Heimatstadt vor dem Restaurant „Odra“ Zigaretten zu verkaufen, später handelte er auf dem großen Basar. So finanzierte er sich seine Ausbildung.
