Seit Ende Februar hat es in Frankfurt (Oder) keine Großveranstaltung mehr gegeben. Sieben Monate später ist das gesellschaftliche Leben in der Stadt aus dem Dornröschenschlaf erwacht. 560 Zuschauer kamen am Mittwoch zum ersten MOZ-Talk in diesem Jahr. Das Team des Kleist Forums hatte die Veranstaltung des Märkischen Medienhauses trotz strenger Hygieneauflagen möglich gemacht und in die Messehalle 1 verlegt.

Künstler und Publikum fanden in größerer Besetzung zusammen

„Ich brauche Euch und meine Musik. [...] Ich brauche Musik und Trommelwirbel“, sang Lilo Wanders, als sie zusammen mit Moderatorin-Kollegin Claudia Seiring das Publikum begrüßte. Mit ihrem musikalischen Statement sprach Lilo Wanders einer ganzen Branche aus dem Herzen, die besonders unter der Corona-Krise zu leiden hat – die der Kulturschaffenden. An Mittwochabend durften Künstler und Publikum nach langer Durststrecke wieder in größerer Besetzung zueinander finden. Auf beiden Seiten sah man an diesem Abend auch einige Tränen (des Glücks) in den Augen.
Sie sei „wahnsinnig stolz“, sagte Claudia Seiring mit Blick auf die Beschäftigten der Messe- und Veranstaltungs GmbH. Einige kamen sogar eigens aus der Kurzarbeit, um das Event auf dem Messegelände stattfinden zu lassen – um zu zeigen, dass es geht. „Es sind viele, viele gute Geister gewesen, die unbedingt wollten, dass es funktioniert“.
29. MOZ-Talk in der Frankfurter Messehalle

Unterhaltung 29. MOZ-Talk in der Frankfurter Messehalle

Mit Maske, Abstand und eingetütetem Mikro

Und es funktionierte. Mit Maske (die am Platz abgenommen werden durfte). Mit Abstand. Und mit eingetütetem, blauem MOZ-Mikro. Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, einer der bekanntesten Covid-19-Spezialisten des Landes, saß zunächst bei den gastgebenden Damen, der Entertainerin Lilo Wanders und der Journalistin Claudia Seiring, auf der CouchBevor er zwischen die beiden Ost-Rocker Dieter Birr von den Puhdys und Uwe Hassbecker von Silly trat, und alle drei gemeinsam den Hit aus den 70er-Jahren „Lebenszeit“ sangen. Die Couch erinnerte in ihrem schweren, wulstigen Lederbezug an die Ära des Psychotherapeuten Sigmund Freud. Aber hat eine Talk-Show in dieser Zeit nicht auch etwas Therapeutisches? Sprechen und Zuhören können über die Sorgen der Menschen in Zeiten der Pandemie.
„Wir haben auch Fehler gemacht“, sagt Schmidt-Chanasit. „Wir sind anfangs zu sehr mit Fachjargons herangegangen. Haben mit Begriffen wie ,Durchseuchung’ gearbeitet, ein Begriff, der im wissenschaftlichen Alltag normal sei, bei den Menschen jedoch eher Schrecken hervorgerufen hat. Und wir mussten dazulernen.“ Dass zum Beispiel auch Nichterkrankte das Virus weitergeben können, sei anfangs nicht bekannt gewesen. Der in Hamburg tätige Professor erklärt charmant, aber sachlich: „Was will das Virus? Es will gar nichts, es lebt von unseren Kontakten. Es ist da, weil wir da sind.“

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Ein Schnelltest für 10 Euro

Aber der Mediziner macht auch Hoffnung: An einem Zehn-Minuten-Schnelltest werde intensiv gearbeitet, so der Professor. Vier Millionen Tests könnten dann in der Woche vorgenommen werden. Und das Gute daran: er kostet nur etwa zehn Euro. Das nun sei auch ein Hoffnungsschimmer für alle Künstler und Kulturschaffenden. Denn dann seien auch wieder Veranstaltungen möglich, Künstler und Publikum könnten zügig vorab getestet werden. Und launig fügt Schmidt-Chanasit hinzu: „Der Negative darf rein, der Positive geht nachhause.“
Von solchem Optimismus ist der Sänger und Entertainer Andrej Hermlin etwas entfernt. Der Sohn des bekanntesten DDR-Lyrikers Stephan Hermlin leitet schon seit vielen Jahren eine Swing-Band, eigentlich ein Ballroom-Orchester, mit dem Hermlin in der ganzen Welt unterwegs ist und mit dem er sich dem Swing der 1930er-Jahre verschrieben hat. Es werde nichts mehr so wie es war, vermutet Andrej Hermlin, der mit seinen musizierenden und singenden Kindern Rachel und David nach dem ersten Auftritt auf der Couch Platz nahm.

Jeden Abend ein Mini-Konzert zuhause

Hermlin sieht diese Pandemie als eine Zeitenwende, eine Zäsur in der Geschichte der Menschen wie sie nur selten in einem Jahrhundert zu finden sei. Er und seine Familie retten sich in tägliche Mini-Konzerte, die sie über Facebook versenden. Doch die Freud’sche Couch mit ihren „Therapeutinnen“ Claudia Seiring und Lilo Wanders scheint die Stimmung aufzuhellen. „Vielleicht sollten wir in Flugzeugen singen und spielen, scherzt Hermlin. Da gelten ja die Abstandsregeln nicht“.

Hochseesegeln – garantiert coronafrei

Auch den früheren „Tatort“-Kommissar Boris Aljinovic hat es erwischt. Er flüchtete sich ins Zeichnen von Comics, womit er recht erfolgreich ist und etliche Ausstellungen hatte. Oder er geht Hochseesegeln – mit Sicherheit eine coronafreie Veranstaltung. Doch da würden andere Gefahren lauern. Zum Beispiel wenn der Wind nicht weht und der Diesel auf hoher See ausgeht. Und wenn man allein ist auf dem Atlantik, was ab und zu vorgekommen sei, dann müsse man einen eigenen Schlaf-Rhythmus finden. Und reden könne man dann nur noch mit den Delfinen.

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Segeln ist wie Bergsteigen, sagt Aljinovic: an richtiger Stelle entspannen und sich aufs Wesentliche konzentrieren. Dass Segeln ein elitärer Sport ist, will er nicht bestätigen. „Mein Boot kostet nur etwa so viel wie ein Kleinwagen“, sagt der sympathische Berliner Bühnenschauspieler. Ende Oktober wird Aljinovic mit seinem neuen Programm, einer szenischen Lesung der „Odyssee“ von Homer im Frankfurter Kleist Forum zu Gast sein. Am Ende zaubert er noch hinter der Freud’schen Couch eine Schwimmweste sowie Pfeil und Bogen hervor. Doch der Zyklop aus der Odyssee, den der fahrende, antike Held erledigen muss, wohnt nicht in der Frankfurter Messehalle, sondern im antiken Griechenland.

Der Höhepunkt: Ost-Rock mit Birr und Hassbecker

Erfahren, aber (noch) nicht antik, sind die beiden Helden, die den Höhepunkt der Show bildeten – eigentlich, so denkt der zunächst Ost-erfahrene Rock-Gänger, passen sie nicht zusammen. Dieter „Maschine“ Birr (Puhdys) und Uwe Hassbecker (Silly) schrieben dennoch Rockgeschichte. War „Maschine“ mit seiner Band und deutschsprachigen Texten einer der ersten, geradlinigen Rocker überhaupt, ging es bei Silly, wo Uwe Hassbecker noch immer spielt, auch politisch zwischen den Zeilen oft kritisch zur Sache – nicht zuletzt durch Texte von Werner Karma und Gerhard Gundermann.

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Auf der MOZ-Talk-Couch sitzen sie nun harmonisch nebeneinander und plaudern über die „Lebenszeit“, über ihre Anfänge und musikalischen Vorbilder. „Lebenszeit“ hieß auch eine der ersten Erfolgstitel der Puhdys aus den 1970er-Jahren. Und natürlich singen sie gemeinsam ein paar Songs, vorwiegend aus dem Puhdys-Songboook: „Und halten zueinander, auf Lebenszeit“. Das Saiteninstrumentarium ist beachtlich: sechs Akustik-Gitarren, eine Geige, ein Banjo und eine Mandoline werden ergänzt durch Sounds aus dem Computer. Damit kann man sich noch immer sehen und hören lassen. Mit „He, wir woll’n die Eisbär’n sehn“, ging es weiter im Mitsing-Modus und „Alt wie ein Baum“ lässt die Leute doch etwas zusammenrücken – zumindest emotional.

Am 16. Dezember 2020 geht es weiter

So wurde die Show auch in der großen Messehalle zu einem wärmenden Abend. Die thematische Begleitung mit passenden Arrangements der MOZ-Showband (Thomas Strauch, Jacek Faldyna und Søren Gundermann) sowie die Moderation von Lilo Wanders und Claudia Seiring sorgten für maßvoll gute Laune. Seiring: „Wir haben uns neun Monate nicht gesehen“. Wanders: „Wir hätten niederkommen können“. Der nächste MOZ-Talk findet am 16. Dezember statt. Bis dahin  könnte noch einiges passieren.