MfS
: Was Stasi-Unterlagen über ein Freundschaftstreffen in Frankfurt berichten

Die DDR distanziert sich in den 1970ern immer mehr von Polen – darüber kann das „Treffen der Freundschaft“ nicht hinwegtäuschen.
Von
Jörg Kotterba
Frankfurt (Oder)
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  • Auf der Festtribüne an der Magistrale spricht Edward Gierek, bis zu seiner Absetzung 1980 Parteichef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Neben ihm links Egon Krenz und Erich Honecker.

    Auf der Festtribüne an der Magistrale spricht Edward Gierek, bis zu seiner Absetzung 1980 Parteichef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Neben ihm links Egon Krenz und Erich Honecker.

    Sammlung Jörg Kotterba
  • SED – KPdSU – PVAP: In einem großen Demonstrationszug durch die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder) wird bei einem Freundschaftstreffen 1977 der feste "Bruderbund" zwischen der DDR, der Sowjetunion und der VR Polen manifestiert.

    SED – KPdSU – PVAP: In einem großen Demonstrationszug durch die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder) wird bei einem Freundschaftstreffen 1977 der feste "Bruderbund" zwischen der DDR, der Sowjetunion und der VR Polen manifestiert.

    Sammlung Jörg Kotterba
  • Laut Stasi-Akte von 1980 arbeiteten in Frankfurts Katholischer Kirche vier Inoffizielle Mitarbeiter, in der Evangelischen Kirche sogar elf.

    Laut Stasi-Akte von 1980 arbeiteten in Frankfurts Katholischer Kirche vier Inoffizielle Mitarbeiter, in der Evangelischen Kirche sogar elf.

    Sammlung Jörg Kotterba
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Nach einem Volksaufstand werden zahlreiche Arbeiter verhaftet. Oppositionelle Gruppierungen gründen sich. Krakaus Erzbischof Karol Wojtyła wird 1978 Papst. Damit wächst der Einfluss der Katholischen Kirche. Vor 40 Jahren, im Sommer 1980, kommt in Polen eine Bewegung in Gang, die sich ab 31.  August 1980 Solidarnosc nennt und als Gewerkschaft unabhängig von der Ideologie der kommunistischen Partei ist. Das gab es in einem sozialistischen Land noch nie.

Die SED-Führung schaut seit Jahren besorgt zum Nachbarn. Um ein Zeichen zu setzen, organisiert sie vom 28. bis 30. Mai 1977 in Frankfurt ein „Treffen der Freundschaft zwischen der Jugend der DDR und der Volksrepublik Polen.“ Später heißt es im „Neuen Tag“, eine machtvolle Manifestation an der Friedensgrenze habe 150 000 Sozialisten aus beiden Ländern vereint und „unseren Bruderbund“ gestärkt.

40 IM arbeiten im Hotel in Frankfurt

Viel Arbeit wartet in dieser wirren Zeit auf die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Aus Kopien der Frankfurter Außenstelle der Jahn-Behörde geht hervor: Die Delega-tionsleiter und hochkarätigen Festgäste sollen im „Hotel Stadt Frankfurt“ untergebracht werden. Es melden sich aber auch ARD- und ZDF-Kamerateams sowie Journalisten von DPA und „Spiegel“ an, teilt MfS-Oberstleutnant Blümel am 26. Mai 1977 in einem internen Papier mit. Im MfS-Auftrag wird den BRD-Medienvertretern vom Hotel „eine abschlägige Antwort gegeben, da alle Zimmer belegt sind.“ Oberstleutnant Blümel ist Leiter der AG Auswertung und Information. Er warnt: Hartnäckig würden sich unter Jugendlichen des Bezirkes Frankfurt „Gerüchte über das Auftreten westlicher Beat-Gruppen“ halten. Zahlreiche junge Leute erklären, „auch außerhalb der Delegation nach Frankfurt (O) zu fahren.“ Leiter von Internaten in der Bezirksstadt berichten indes erleichtert, „dass das Treffen sich insofern für sie auszahle, da sie zusätzlich Mittel für Werterhaltung, Reparaturen und Erneuerungsarbeiten erhalten, die sie sonst nicht bekommen hätten.“

In einem vielseitigen Maßnahmeplan des MfS, Abteilung VI (Touristik), datiert vom 20. April 1977, legt Stasi-Hauptmann Ungibauer mit Blick auf das „Treffen der Freundschaft“ Kontroll- und Sicherheitsaufgaben für das „Hotel Stadt Frankfurt“ fest. Derzeit gäbe es aber „keine Hinweise, wonach der Gegner Angriffe auf das Hotel“ richtet.  Ungibauer gehe aber davon aus, dass oppositionelle DDR-Bürger vermehrt zu Hotel- und Festgästen Kontakt aufzunehmen versuchen. Deshalb werden zusätzliche Stasi-Leute für die Außen- und Innensicherung des Hotels eingesetzt. Außerdem gebe es in allen Leistungsbereichen des Objektes – von der Rezeption bis zum Barbereich – ein Netz von Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Die Zahl würde „dem derzeitigen Sicherheitsbedürfnis“ entsprechen. Das Personal sei „konspirativ so unter Kontrolle zu bringen, dass Provokationen und Angriffe gegen die sich im Hotel befindlichen  Delegationen verhindert werden.“

Von den knapp 160 Hotelangestellten, ist später Stasi-Akten zu entnehmen, arbeiteten mehr als 40 IM für die Staatssicherheit.

Logistisch eine Glanzleistung ist auch der MfS-Einsatzplan zur Verabschiedung der polnischen Parteidelegation am 29. Mai 1977 durch SED-Chef Erich Honecker. 40 Stasi-Leute in Zivil werden in Nähe der Friedensbrücke „Personenbewegungen unter Kontrolle halten.“ Weitere acht in Uniform verstärken die Kfz-Abfertigung und die Aus- und Einreise für Fußgänger.

Tausende DDR-Bürger verfolgten die Entwicklungen in Polen

Tausende DDR-Bürger verfolgen Ende der 1970er-Jahre voller Hoffnung, was sich im Nachbarland Polen ereignet. Immer mehr versucht die SED-Führung, alle Kontakte nach Polen zu beschneiden und nennt die Entwicklung im Nachbarland 1980  "gefährliche Konterrevolution“.

Kein Wunder, dass die Anweisungen der MfS-Bezirksverwaltung mit dem Hinweis „Vertrauliche Verschlußsache“ immer umfangreicher werden. Stasi-Major Heydel fordert am 26. August 1980 in einem Geheimpapier die „Abschöpfung“ von Verantwortlichen des Frankfurter Halbleiterwerkes (HFO) die gerade von einer Dienstreise aus Polen zurückkehrten. MfS-Hauptmann Geister soll eine „Übersicht über Personen aus dem Operationsbericht“ erarbeiten. Womit zweifelsfrei HFO-Arbeiterinnen aus Polen gemeint sind. Ein IM Engel wird später auf sie angesetzt. Und Geisters Kollege, der MfS-Oberleutnant Bautz, soll den Einsatz der IMK Susanne „zur Erarbeitung von Informationen über die Situation unter Beschäftigten der Möbelwerke Zielona Gora“ vorbereiten. Sie habe dort „persönliche Kontakte zu Personen, die in einflussreichen Positionen tätig sind.“ IMK: Das Kürzel steht für Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens.

Wegen Solidarnosc wird Kriegsrecht verhängt

Hauptmann Geister ist es auch, der sich auf Befehlsbasis um das Frankfurter Katholische Pfarramt „kümmern“ muss. Es sei aus Stasi-Sicht „Anlaufstelle von polnischen Bürgern und Geistlichen sowie BRD-Bürgern.“ IMS Lamm, ein Spitzel aus den Reihen der Katholischen Kirche, würde Geister konspirativ unterstützen. Neben Lamm arbeiten laut MfS-Hauptmann Geister im August 1980 drei weitere Inoffizielle Mitarbeiter für Horch & Guck, in der Evangelischen Kirche sogar elf.

Am 13. Dezember 1981 schockt das kommunistische Regime in Warschau die Welt: Über Polen wird das Kriegsrecht verhängt, um die Freiheitsbewegung der Solidarnosc unter Kontrolle zu bringen.