Mieten
: Wieder verkommene Wohnungen

In Frankfurt mehren sich die Beschwerden über einen Vermieter. In der Ferdinandstraße müssen Mieter in Schimmel und Schutt leben – Städtische Hilfe gibt es nur im Ernstfall.
Von
Jan-Henrik Hnida
Frankfurt (Oder)
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  • Keller-Flur: Offene Stromkabel, nacktes, loses Mauerwerk statt einer Stufe

    Keller-Flur: Offene Stromkabel, nacktes, loses Mauerwerk statt einer Stufe

    Jan-Henrik Hnida
  • Schimmel und Nässeflecken an den Wänden von Sabine Feiks Wohnung.

    Schimmel und Nässeflecken an den Wänden von Sabine Feiks Wohnung.

    Jan-Henrik Hnida
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Zwar sind die Missstände in der Ferdinandstraße nicht so eklatant, wie in der Thilestraße. Doch auch in diesem Mietshaus von Vermieter D. leben Bewohner mit schimmeligen Wänden, unfertigen Stufen und offenen Stromkabeln im Flur.

Wenn morgens und abends Studenten und andere Pendler den Ferdinandsberg  hoch und runter laufen, kommen sie am Haus vorbei, das ebenfalls Vermieter D. gehört (MOZ berichtete über Missstände in der Thilestraße). Auch hier kann jeder einfach in den Hausflur hereinspazieren, da seit Jahren das kaputte Türschloss nicht  repariert wurde, wie eine Mieterin berichtet. Sie wohnt seit 30 Jahren in der Ferdinandstraße und ist, wie die Bewohner in der Thilestraße, ebenfalls nicht gut auf ihren Vermieter zu sprechen. „Er verspricht viel. Ändern tut sich nichts“, berichtet sie über nicht bezahlte Handwerkerrechnungen seinerseits – bis keine Firma mehr ins Haus kommen wollte. Daraufhin bastelte er selbst an Stromkabeln rum. Oder bleibt tatenlos.

Seitdem zieht die Mieterin ihre Reperaturrechnungen einfach von der Miete ab. „Wenn ich in den Urlaub fahre, gebe ich immer Bekannten meinen Schlüssel“ – aus Angst, dass etwas in ihrer Wohnung passiere, auf Grund der Mängel im Haus.

Offene, von der Decke hängende Stromkabel, kaputte Stufen, ein Kühlschrank, der vom Vermieter in den Flur gestellt wurde und in dem nun Maden leben. So gestaltet sich die  Wohnsituation im Keller des Hauses. Statt einer Klingel können Besucher nur über Anklopfen auf sich aufmerksam machen. In diesem Keller wohnt seit neun Jahren Sabine Feik (Name geändert). Auf Grund schwerer Krankheiten ist sie Frührentnerin, ihr Sohn kümmert sich um sie. Bereits drei Mal sollen die Stadtwerke bei ihr den Strom abgestellt haben, weil der Vermieter die Rechnungen nicht bezahlte. Sabine Feik benötigt ein Sauerstoffgerät. „Als die Stadtwerke das mitbekamen, hatten wir wieder Strom“, sagt Feik. Sie wolle unbedingt „hier weg“. Kurz vor dem Brand in der Thilestraße habe ihr D. eine Zweiraumwohnung dort gezeigt. Feik lehnte ab, denn sie vermutete Schimmel hinter der frisch gestrichenen Wand.

Bezüglich der Missstände in der Thilestraße teilte die städtische Pressestelle mit, dass kein Eingreifen einer Behörde notwendig gewesen sei. Das Gesundheitsamt werde  „nur in beratender und aufklärender Funktion tätig“. Bei der Kloake, die 2017 im Keller vor sich hin stank, sei „kein direkter Zusammenhang der geschilderten gesundheitlichen Beschwerden der Mieterin mit den vorhandenen Missständen im Kellerbereich“ zu erkennen gewesen. Ein ärztliches Attest der Mieterin über ihre Kopfschmerzen und die Übelkeit lag dem Amt nicht vor.

Ebenso habe die Bauaufsichtsbehörde ihren „gesetzlichen Kontrollauftrag erfüllt“. Die geschilderten Mängel seien alle behoben worden. Außerdem sei die Behörde gesetzlich nur befugt einzuschreiten, wenn es zur „Abwehr von erheblichen Gefahren für Leben oder Gesundheit erforderlich ist“. Dies meine, dass Gefahr drohe, sie also noch nicht eingetreten sei, so Thomas Köhler, Rechtsanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht. Alles, was die Wohnqualität beeinträchtige sei erstmal privat mit dem Vermieter zu regeln. Wenn dieser die Mängel daraufhin nicht beseitige, könne die Miete gemindert werden. Wenn dann nichts passiere, ist eine Anzeige der letzte Schritt.

Kommentar: Ausziehen oder Anzeige

Was können Mieter tun, wenn der Vermieter in ihren eigenen vier Wänden und drumherum macht, was er will? In Fällen, wie der Thilestraße und – teilweise – der Ferdinandstraße erscheinen zwei Optionen gegen Missstände als Lösung: Ausziehen wäre die defensive Variante. Mängellisten sind oft nicht ausreichend, damit städtische Behörden eingreifen, da es um Privatbesitz geht. Eine eigene Anzeige stellen, wäre die offensive Gangart. Mieter sollten mit ihren Mängeln aber erst zum Vermieter und dann vor Gericht gehen.

Für Betroffene ist es frustrierend, da sie sich machtlos fühlen. „D. kommt immer mit allem durch“, sagt eine Bewohnerin. Anscheinend verhielt er sich rechtmäßig – haarscharf entlang der gesetzlichen Kante. Leider treffen solche Probleme oft Menschen, denen es finanziell nicht gut geht.⇥Jan-Henrik Hnida