Mitfiebern
: Handballer der Region sind heiß auf Heim-WM

Akteure des Frankfurter HC, des HSC 2000 Frankfurt und der HSG Schlaubetal sprechen über Härte im Sport, die Titelchancen der „Bad Boys“.
Von
Thomas Sabin
Frankfurt
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Kein Kind von Traurigkeit: Theresa Loll (Mitte) vom Frankfurter HC setzt sich hier gegen Eintracht Hildesheim durch. Sie traut den Deutschen das Halbfinale zu.

Winfried Mausolf

Elf Jahre ist es her. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft schaffte das Unglaubliche, sorgte für Extase im Land und holte den WM-Titel – mit 29:24 besiegte sie Polen im Finale. Ein gutes Omen. Denn auch 2007 war es eine WM im eigenen Land. In diesem Jahr findet das Turnier neben Deutschland jedoch auch in Dänemark statt, eine der Top-Nationen und Mitfavorit auf den Titel.

Doch das DHB-Team, findet Robert Kaberidis, Rückraumspieler beim Verbandsligisten HSG Schlaubetal, muss sich nicht verstecken. „Deutschland hat das Zeug zum Titel. Wir haben keinen Superstar wie andere Länder, aber eine sehr gute Mannschaft mit einer unglaublichen Qualität in der Defensive. Und für unser Torhütergespann beneiden uns fast alle anderen Nationen.“

Im Auftaktspiel gegen die Koreaner geht es bereits um viel. Kaberidis ist sicher, dass sich die Hausherren heute deutlich durchsetzen werden. „Alles andere wäre eine große Überraschung. Gerade im Auftaktspiel geht es darum, dass Handball-Fieber in Deutschland zu entfachen und die Zuschauer zu begeistern.“

Wie 2007. Theresa Loll vom Drittligisten Frankfurter HC hofft auf eine ähnliche Euphorie wie damals. „Ich denke, es wird sehr schwer, aber mit einer stabilen Deckung und Tempospiel ist das Halbfinale drin. Die Daumen sind gedrückt“, sagt die 29-Jährige, die als Kreisläuferin weiß, wie brutal ihre Sportart sein kann. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, pflichtet ihr Carol-Ann Blankenfeld vom HSC 2000 Frankfurt bei. Kratzer, Prellungen und blaue Flecken: „So ist das eben im Handball“, meint die Torjägerin des Brandenburgligisten.

Verletzungsbedingte Ausfälle von wichtigen Spielern können ausschlaggebend für den Turnierverlauf sein. „Handballer müssen hart im Nehmen sein und nicht zimperlich. Das macht den Reiz unserer Sportart aus. Besonders viel bekommt man am Kreis ab“, erklärt Loll.

Handball gilt als die härteste Sportart der Welt. „Verletzungen am Kniegelenk, Sprunggelenk, Schultergelenk gehören zum Handball“, erklärt Martin Bugge, Sportphysiotherapeut des DOSB. Auch muskuläre Verletzungen im Oberschenkel und an der Wade seien neben Kapselverletzungen an den Händen Teil des Sports. „Und selten, aber nicht zu vergessen, Verletzungen im Bereich des Kopfes“, sagt der Experte.

Patrick Wiencek (123 Spiele/276 Tore), Hendrik Pekeler (85 Spiele/135 Tore) und Jannik Kohlbacher (50 Spiele/96 Tore) sind die Kreisläufer im deutschen Team. Und einstecken können die drei allemal.

„Handball kann schon mal wehtun“, weiß der Müllroser HSG-Kreisläufer Friedrich Hanschel. „In einer Kontaktsportart bleibt das nicht aus.“ Verletzungen, wie FHC-Physio Bugge sie aufzählt, kenne jeder Handballer zur Genüge. „Dass es im Spiel auch mal kracht, gehört dazu und macht den Reiz aus“, stimmt er Leidensgenossin Loll vom FHC zu.

Hanschel hofft auf den Heim-Faktor, der insbesondere gegen Mannschaften wie Dänemark oder Frankreich, die individuell bessere Qualität haben, eine große Rolle spielen könnte. „Wenn die Mannschaft gut ins Turnier kommt, ist alles möglich. Wenn sie es schafft, als Einheit für ihre Siege zu kämpfen, wird die Euphorie im Land nicht ausbleiben und die Mannschaft vielleicht zum Titel tragen.“ Wer die „Bad Boys“ schon einmal spielen gesehen hat, der weiß, dass besonders die Torhüter Silvio Heinevetter (180 Spiele/2 Tore) und Andreas Wolff (73 Spiele/9 Tore) Topangreifer aus aller Welt zur Verzweiflung bringen können. Furchtlos werfen sie ihre Körper in Bälle, die mit über 100 Kilometern je Stunde auf das Tor geflogen kommen. Die Finger-Kapseln lassen dabei grüßen. Handschuhe mit Schutzfunktion wie ein Fußball-Torwart trägt hier keiner.

„Da nicht nur der Ball vom Torwart anvisiert wird, sondern auch die Position des Werfers, seine Flugbahn, seine Armhaltung und -bewegung und vieles mehr, sollte es theoretisch eine ähnlich hohe Erfolgsquote beim Halten sein, wie bei normalen Geschwindigkeiten“, relativiert Lars Möbus, Keeper bei der HSG. „Nichtsdestotrotz ist das DHB-Team stark abhängig von der Qualität und Leistung der Keeper. Zu leicht erzielte Tore müssen gegebenenfalls im Angriff schwer erarbeitet und wettgemacht werden. Das ist kräftezehrend. Je mehr die Kräfte schwinden, desto mehr lässt die Torwurfqualität nach. In der Deckung, mit einem überragenden Torwart im Rücken, holt man sich die nötige Sicherheit“, erklärt Möbus, worauf es also ankommt und verweist auf das EM-Finale 2016 als die „Bad Boys“ Europameister wurden.

Die Abwehr spielte wie von einem anderen Stern. Abwehrchef Finn Lemke (66 Spiele/25 Tore) und Hendrik Pekeler wurden zur Wand, blockten ein Wurf nach dem anderen. Alles was durchkam, parierte der später zum Allstar-Keeper gewählte Andreas Wolff. Der Gegner – Spanien – verzweifelte. 15 000 Zuschauer explodierten in der Tauron Arena im polnischen Krakau. Vorne schlug Kai Häfner (68 Spiele/149 Tore) wichtige sieben Mal zu. Der Endstand: 24:17.

Am Spielfeldrand stand da noch Dagur Sigurðsson. Heute wird es Christian Prokop sein. Seit 2017 ist er Coach der Handball-Nationalmannschaft. Und sein Start vor zwei Jahren: „denkbar schlecht“, sagt Michael Schuster, Übungsleiter der HSC-Frauen. „Er ist ein Trainer mit einer eigenen Vorstellung, wie das Spiel gestaltet werden soll. Wenn das Team nicht überzeugend spielt, glaube ich, wird die Diskussion um seine Person schnell wieder aufkommen.“

Doch nicht nur der Coach wird eine wichtige Rolle spielen. Das fünfköpfige Betreuerteam wird alle Hände voll zu tun haben. Christopher Kranich, Co-Trainer von Schuster, weiß was ihnen abverlangt werden wird. Sie müssen die Spieler fit halten, Ermüdungen vermeiden und für positive Stimmung sorgen. „Ganz wichtig ist eine konzentrierte Erwärmung vor dem Spiel und eine ausreichende Regeneration danach. Dort ist nicht nur die Crew, sondern jeder einzelne Spieler selbst gefragt. Man muss auf die Zeichen seines Körpers hören“, mahnt Kranich. Auch eine gute Stimmung sei wichtig. „Man sollte jedem Spieler das Gefühl geben, gebraucht zu werden, denn nur gemeinsam kann man ein Turnier erfolgreich bestreiten. Eine Heim-WM sollte jeder Spieler genießen. Das erlebt man vielleicht nur einmal im Leben.“

Carol-Ann Blankenfeld wird die WM gemütlich vor dem Fernseher mit ihrem Freund genießen. Gegen Korea sieht auch sie die Deutschen als klaren Favoriten. Theresa Loll hat sogar Karten für die Hauptrunde in Köln. Das Turnier kann also losgehen. Jetzt kommt es nur noch auf die Mannschaft an. Auf geht´s: „Baaad Boooys!“