Herr Birr, vor einem Monat standen Sie nach langer Abstinenz wieder auf der Bühne. Wie war der Auftritt in Magdeburg?
Das war ein Sommer-Picknick. Die Leute haben anfangs auf Liegestühlen und Decken gesessen – das war schon ungewohnt, aber einfach schön. Sie wollen wieder Kultur und ich bin für die Bühne geboren. Wie jeder Musiker brauche ich das. Die Veranstaltung war eine Talkshow mit Musik.
Das ist also ein ähnliches Format wie der MOZ Talk mit Musik.
Ja. Zum MOZ-Talk im September komme ich mit Uwe Hassbecker, wir haben ein schönes Projekt, "Maschine intim – Lieder für Generationen". Wir hatten vor Corona drei Konzerte und freuen uns, endlich wieder gemeinsam zu spielen. Im Februar war das letzte Mal, das werden wir jetzt etwas auffrischen.
Wie haben Sie beide sich eigentlich kennengelernt?
Wir kennen uns schon lange. Mein Produzent hat 2014 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass Uwe bei ein paar Liedern für mein Solo-Album Gitarre spielt. Am Ende hat er fast jeden Titel auf "Maschine" mitgespielt. Er spielt außerdem auch in meiner Live-Band.
Wie war es in letzter Zeit, so lange ohne Bühne zu sein?
Mir macht alles, was mit Musik zu tun hat, unheimlich Spaß: komponieren, texten, Konzerte spielen, im Studio sein. Aber die Bühne ist die Königsdisziplin. Vor Publikum kann man nicht schummeln. Sie finden es gut oder schlecht. Das ist der Reiz daran.
Beim geplanten MOZ-Talk im März hatten sie 76. Geburtstag. Holen Sie die Feier jetzt in Frankfurt nach?
Wenn es Geschenke gibt, feiere ich auch gerne nach (lacht). Nein, es ist ein bisschen spät, das nachzuholen. Uwe Hassbecker und ich spielen auf jeden Fall gemeinsam Stücke meiner Solo-Platten und Titel von den Puhdys und Silly. Uwe ist ein super Multiinstrumentalist. Er spielt zum Beispiel auch Mandoline und Geige. Ich freue mich auch auf das Gespräch mit Lilo Wanders. Ich schaue sehr gerne Talk-Shows, um etwas über künstlerisch wirkende Leute zu erfahren, oder lese Biografien.
Sie wollten diesen Sommer eine Tour mit Silly und City machen, die nicht stattfinden konnte.
Ja, die Rock-Legenden-Tour wurde auf 2021 verschoben. Corona ist nicht so einfach aus der Welt zu schaffen. Musiker, Roadies, Techniker, Veranstalter freuen sich, dass Großveranstaltungen nächstes Jahr hoffentlich stattfinden. Ich habe aber sowieso auch einige Veranstaltungen in kleinerer Runde geplant.
Abgesehen von Corona, was war für Sie in über 50 Jahren als Musiker schwierig, vor und nach der Wende?
Ich habe mir den Beruf ausgesucht, weil das einfach meine Leidenschaft ist. Ja, zu DDR-Zeiten gab es Beschränkungen, aber damit bin ich groß geworden. Es wurden manchmal Texte abgelehnt, aber das ist heute auch so, wenn jemand nicht daran glaubt, dass sich das gut verkauft. Ich war schon immer demütig und dankbar, aber nach der Wende habe ich diese Erfahrungen noch viel mehr zu schätzen gelernt: wenn zig Tausende Leute im Konzert waren, die Platten kauften, obwohl sie jede andere auch hätten kaufen können. Es ist toll, dass ich Musik machen kann und es viele Leute gibt, die das interessiert.
Gibt es für Sie irgendwann die "Rockerrente"?
Die kriege ich schon. Aber ich mache immer weiter. Die Stones oder Deep Purple, die ja auch über 70 sind, oder Rammstein, die langsam auf die 60 zugehen, spielen noch in vollen Stadien. Man muss auf der Bühne glaubwürdig sein und nicht so tun, als wäre man ein junger Hüpfer. Die Leute merken, wenn es echt ist und man in dem Moment für das Publikum da ist. Wenn das so ist, spielt das Alter keine Rolle.
Kommt denn auch heute noch neues Publikum dazu?
Das Schöne ist, das war auch bei den Puhdys so, dass viele junge Leute kommen. Viele haben eine Platte bei ihren Eltern gefunden und finden sie gut. Das liegt daran, dass Rockmusik nicht altert. Da ist so eine Kraft dahinter und das ist zeitlos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auf die Musik meiner Eltern gestanden hätte. Aber Rock’n’Roll ist wie eine Jeans: Sie ist mal eng, mal weit, bestickt oder zerrissen. Aber fast jeder Mensch auf der Welt hat eine.
Wie haben Sie vergangene Woche den Tod Ihres Puhdys-Kollegen Harry Jeske aufgenommen?
Ich war am Donnerstag beim Italiener und bekam eine Nachricht. Da war der Abend natürlich gelaufen und ich konnte die Nacht nicht schlafen. Die große Anteilnahme war sehr bewegend. Er hatte ja schon 23 Jahre nicht mehr bei uns gespielt. Aber ich sage immer, er war der beste Manager der DDR. Du kannst die beste Band der Welt sein, wenn keiner da ist, der das managt, funktioniert es nicht. Wir Puhdys haben Harry eine Menge zu verdanken.
Karten für den MOZ-Talk gibt es ab 15 Euro in der MOZ-Geschäftsstelle in der Paul-Feldner-Straße 13 und im Kleist Forum. Mehr über Dieter Birr unter:www.dieter-maschine-birr.de.

Dieter "Maschine" Birr


Geboren wurde Dieter Birr am 18. März 1944 in Köslin, heute Koszalin in der polnischen Woiwodschaft Zachodniopomorskie. Er machte eine Ausbildung als Universalschleifer, brachte sich das Gitarrespielen selbst bei und studierte später Tanzmusik, Theorie und Gitarre an der Musikschule Berlin-Friedrichshain. 1969 wurde er Frontmann der Puhdys, die sich 2016 auflösten. Nach der Wende brachte Maschine drei Soloalben heraus. Seinen Spitznamen bekam er vom Puhdy Gunther Wosylus, der ihn eine Fressmaschine genannt hatte. sam