Nach Brand
: Leben in verrußten Wohnungen

Nach dem Feuer in der Thilestraße sind viele Räume unbewohnbar. Die Mieter beklagen unhaltbare Zustände im Haus.
Von
Jan-Henrik Hnida
Frankfurt (Oder)
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  • Ort der Brandstiftung: Im Hausflur sind die Spuren des Feuers in der Thilestraße noch deutlich zu erkennen. War die Haustür bis Montagmorgen noch polizeilich versiegelt, steht diese nun wieder offen. Mieter beschweren sich über stehengelassene Möbel des Eigentümers und Vandalismus.

    Ort der Brandstiftung: Im Hausflur sind die Spuren des Feuers in der Thilestraße noch deutlich zu erkennen. War die Haustür bis Montagmorgen noch polizeilich versiegelt, steht diese nun wieder offen. Mieter beschweren sich über stehengelassene Möbel des Eigentümers und Vandalismus.

    Gerrit Freitag
  • Brandspuren: In dieser Wohnung lebte bis zum Brand eine junge Mutter mit ihrer Tochter. Die Tür weist Brandspuren auf. Wände und Fußböden sind teilweise verrußt.

    Brandspuren: In dieser Wohnung lebte bis zum Brand eine junge Mutter mit ihrer Tochter. Die Tür weist Brandspuren auf. Wände und Fußböden sind teilweise verrußt.

    Jan-Henrik Hnida
  • Namenlos: Die Klingel funktioniert seit Jahren nicht. Nachnamen sucht man vergebens.

    Namenlos: Die Klingel funktioniert seit Jahren nicht. Nachnamen sucht man vergebens.

    Jan-Henrik Hnida
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Das Feuer überraschte am Sonntagmorgen die Bewohner des mehrstöckigen Häuserblocks im Schlaf. „Hätte meine Nachbarin uns nicht geweckt, wäre ich drin gestorben“, erzählt Jana Schmidt (Name geändert) zwei Tage später. Glücklicherweise schliefen Mutter und ihre zweijährige Tochter diese Nacht im Wohnzimmer. „Im Schlafzimmer hätte ich das Klopfen nicht gehört“, sagt die junge Frau, die als Servicekraft arbeitet.

Als sie die Tür aufriss, kam ihr das Feuer im Flur bereits entgegen. Beißender Rauch machte ihr das Atmen schwer. Die Nachbarin schloss ihre Tür, um durch den Luftzug den Brand nicht weiter anzufachen. „Aber meine Tochter war noch drin.“ Also stürzte sie ins Wohnzimmer, nahm ihre Tochter auf den Arm und lief mit ihrer Nachbarin auf den Balkon. „Dort riefen wir nach Hilfe“, erklärt die Mutter. Nachdem die Feuerwehr erstmal die Einfahrt zur Thilestraße suchen musste, holten sie die Anwohner mit der Drehleiter runter. Mit Rauchvergiftungen wurden Mutter und Tochter ins Klinikum Markendorf eingeliefert. „Dort war es wenigstens sauber. Und die Station und die Seelsorger waren so nett zu uns“, ist Jana Schmidt dankbar.

Zwei Tage nach dem Brand helfen ihr Vater und ein Arbeitskollege ihr, das Nötigste aus ihrer 60 Quadratmeterwohnung zu holen, um dann wieder ins Krankenhaus zur Tochter zu fahren. Nach dem Brand sind Haus– und Treppenflur vom Ruß pechschwarz, das Licht funktioniert nicht, kaputte Fenster klappern im Wind. Es riecht verbrannt. „Die Klingel ist seit Jahren kaputt“, sagt sie. Der Vermieter, der am Dienstag ebenfalls vor Ort ist, sich aber nicht äußern will, habe Klingelschilder ohne Namen und Funktion anmontiert. Außerdem soll er ständig Möbel ehemaliger Mieter in den Flur gestellt haben.

Seit zwei Jahren lebt Jana Schmidt in der Thilestraße. „Nachdem ich meine Tochter bekommen habe, brauchte ich schnell eine günstige Wohnung“, sagt sie. 430 Euro Miete zahle sie für die Vierraumwohnung. Nun wehen dort Aschehäufchen herum, die weißen Wände sind teilweise verrußt und die Innenseite der Wohnungstür weist mehrere Brandspuren auf. „Vor dem Feuer war es hier auch nicht auszuhalten“, sagt sie. Unbekannte hätten in den Flur uriniert, Wände beschmiert und Müll hinterlassen.

Das kann Nachbarin Else Horn (Name geändert) nur bestätigen. Seitdem die Tür von betrunkenen Jugendlichen vor Jahren „eingestiefelt“ worden sei, stehe diese offen. Ein Freund dieser Gruppe wohnte über ihr — regelmäßig soll er mit seiner Mutter getrunken und gekifft haben.

„Am Sonntag bin ich von Plaste–Geruch aufgewacht“, erzählt die 52–Jährige. Als sie die Ursache erkannte, holte sie ihre Nachbarin und die Tochter.  Die gelernte Reinigungskraft verließ nach ein paar Stunden das Krankenhaus in Eisenhüttenstadt wieder. Weiter in der Thilestraße wohnen will auch sie nicht. „Das ist ein Horrorhaus“, ist ihr Urteil. Der Vermieter habe einen Reinigungsdienst zur Beseitigung der Brandspuren angeboten. „Der soll erstmal meine Heizung reparieren, die seit Jahren kaputt ist.“ Im Winter wärmt eine Gasheizung mit nebenstehender Propan–Flasche ihre Wohnung. Auch Else Horn sucht nun nach einer anderen Bleibe.

Auf dem Bürgersteig packt ein anderer Anwohner Plastiksäcke voller Kleidung und Deko–Artikel in den Kofferraum. „Ich ziehe erstmal zu meiner Mutter“, erzählt er, die daneben steht und mithilft. „Ich hätte nie gedacht, dass hier jemand Menschenleben aufs Spiel setzt“, ist sie entsetzt über die Brandstiftung. Verärgert ist sie ebenso über den Eigentümer. „Das kaputte Treppengeländer wurde nie repariert“ – und das mit Kindern im Haus.

„Ich lebe gerade im Krankenhaus. Und von gespendeten Sachen“, sagt Jana Schmidt – und bricht in Tränen aus. Sie wisse nicht, wo sie nun wohnen solle. In ihre verrußte Wohnung will sie nicht zurück. Wer der Familie helfen möchte, schreibt am besten an frankfurt-red@moz.de.