Pogromnacht 1938
: Hunderte erinnern an Nazi-Terror gegen Juden in Frankfurt (Oder)

Mehrere Hundert Menschen haben in Frankfurt (Oder) an die Ereignisse der Pogromnacht 1938 erinnert. Der frühere OB Martin Patzelt fand – auch angesichts der Ereignisse in Israel und Gaza – die passenden Worte.
Von
Thomas Gutke
Frankfurt (Oder)
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Larissa Bargtel, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Frankfurt (Oder), war zusammen mit vielen Menschen zum Gedenken an die Pogromnacht vor 85 Jahren zum Brunnenplatz gekommen.

René Matschkowiak

Bewegendes Gedenken an den 9. November 1938 in Frankfurt (Oder): Am oberen Brunnenplatz versammelten sich am Donnerstagabend rund 300 Menschen, um die Erinnerung an die Pogromnacht in Deutschland vor genau 85 Jahren wachzuhalten. Die Veranstaltung zählte deutlich mehr Teilnehmer als in den vergangenen Jahren. Am Gedenkstein für die nach 1945 abgerissene Synagoge legten sie zahlreiche Kränze und Blumen nieder.

In Frankfurt (Oder) gab es noch bis 1938 eine der größten jüdischen Gemeinden der Region. Verfolgt, bedroht und geächtet wurden Juden in der Stadt bereits seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Dann aber kam die Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Sie markierte den Anfang vom Ende für die mehrere Jahrhunderte alte jüdische Gemeinde in Frankfurt.

Ein Tag der Schande auch für Frankfurt (Oder)

Ein hasserfüllter Mob pferchte damals das Inventar der Synagoge in der Wollenweberstraße zusammen und setzte es in Brand. Die jüdische Versammlungsstätte war danach noch nicht ganz zerstört, aber kaum mehr nutzbar. In jener Nacht wurden auch Dutzende jüdische Männer gefangen genommen. Die allermeisten Menschen in der Stadt schauten damals weg. Es war ein Tag der Schande, auch in und für Frankfurt (Oder).

Das Datum habe sich tief in die deutsche und jüdische Geschichte eingeprägt, sagte Wolfgang Neumann, der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt (Oder) bei der Gedenkveranstaltung. Und er mahnte: „Der am 9.11.1938 begonnene Versuch der vollständigen Vernichtung des jüdischen Volkes darf keine Fortsetzung finden – niemals“.

Der frühere Frankfurter OB Martin Patzelt bei seiner Rede zum Gedenken an den 9. November 1938.

René Matschkowiak

Hauptredner auf dem Brunnenplatz war diesmal Martin Patzelt, der frühere Oberbürgermeister der Stadt (2002-2010) und CDU-Bundestagsabgeordnete (2013-2021). Er fand die auch angesichts des Angriffs der Hamas auf Israel und der Kämpfe im Gazastreifen passenden Worte. „Gedenken verlangt nach Vergegenwärtigung und Handlungsimpulsen“, sagte er. Denn: „Vergangen ist immer erst dann etwas, wenn es keine Indizien mehr gibt, dass noch etwas lebt. Was lebt, das erleben wir in diesen Tagen mit Bestürzung, mit Angst und Grauen“, so Martin Patzelt.

Bekenntnis zur Unverletzlichkeit der Menschenrechte

Der Katholik und engagierte Förderer der 1998 wiedergegründeten Frankfurter jüdischen Gemeinde erinnerte an das Erbe, dem wir verpflichtet seien – und zwar nicht nur als Deutsche, sondern als Menschen. Zu diesem Erbe gehöre neben dem Schoa auch das Grundgesetz und das Bekenntnis zur Unverletzlichkeit und Unveräußerlichkeit der Menschenrechte. An oberster Stelle stehe dabei die Würde des Menschen. „Aus dem unvorstellbaren Geschehen von damals ist das Werden eines solchen, guten Gesetzes auch erst zu verstehen“, erklärte der 76-Jährige. Die Vereinten Nationen hätten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls zu den Menschenrechten bekannt. Und nicht nur das.

„Damals entschied sich die UNO auch mit überzeugender Mehrheit den Juden eine Zufluchtsstätte als Heimat, eine eigene Zufluchtsstätte in einem bisher staatenlosen Gebiet zu geben. Drei Tage später wollten die Anrainerstaaten dort die Juden vernichten – und geben dieses Ziel bis heute nicht auf“, so Patzelt.

„Nicht die Stunde politischer Kontroversen“

Die furchtbaren Bilder aus Nahost, und ebenso jene vom Hass gegen Juden und Israel, der sich aktuell in einigen deutschen Städten entlädt – sie waren am Donnerstag auch in Frankfurt (Oder) vielen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung gegenwärtig. Doch Martin Patzelt mahnte: „Unser Gedenken hier an diesem Ort ist nicht die Stunde politischer Kontroversen, sondern es ist eine Parteinahme und Engagement für alle, denen Menschenrechte verwehrt blieben oder bleiben“, erklärte er.

Die Welt sei noch weit entfernt von einer Verwirklichung der Menschenrechte. Dabei wäre dies „das konsequenteste Mittel gegen Krieg, Ungerechtigkeit und Ausbeutung“, so Patzelt.

Friedliches Gedenken am Brunnenplatz in Frankfurt (Oder)

Der Vorsitzende des ökumenischen Rates in Frankfurt (Oder), Peter Hartig, appellierte im Anschluss an die Versammelten, die Erinnerung an die Ereignisse von 1938 und an die Jahre danach wachzuhalten. Denn „auch heute sind Menschen nicht vor Hass, vor Verleumdung und Verfolgung gefeit. Ignoranz, Überheblichkeit und Verdrehung der Wahrheit sind der Nährboden für Feindlichkeit – auch wieder gegenüber jüdischen Menschen in Deutschland“.

Der Chor der Lebensfreude begleitete das Gedenken am Brunnenplatz musikalisch.

René Matschkowiak

Die Veranstaltung endete mit dem Sprechen des Kaddisch, ein Gebet, durch ein Mitglied der jüdischen Gemeinde. Der Chor der Lebensfreude begleitete das von Polizei und Ordnungskräften abgesicherte Gedenken musikalisch. Zwischenfälle gab es keine.

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