Polenmarkt
: Wie Pani Wanda auf dem Basar die Marktwirtschaft erlebte

Seit fast 30 Jahren handelt Wanda Tiszuk auf dem großen Basar in Słubice. Schuf der Basar die deutsch-polnische Freundschaft oder konserviert er wirtschaftliche Ungleichheit?
Von
Nancy Waldmann
Slubice
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  • Von Gardinen bis Potenzmittel bis zu Leichtwaffen wie Elektroschockern und Luftgewehren: Praktisch alles wird verkauft.

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    Peggy Lohse
  • Wanda Tiszuk mag schnelle Fahrzeuge. 1963 gewann sie den Goldenen Helm bei den polnischen SHL-Motorrad-Meisterschaften. Stolz zeigt sie das Siegerfoto.

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    Peggy Lohse
  • Bud-Spencer-Motive verkaufen sich besonders gut, sagt Pani Wanda. Besser als das bei Rechtsextremen beliebte Thor Steinar.

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    Peggy Lohse
  • Wer den ganzen Tag am Basar-Stand verkauft, braucht auch ein bisschen Bequemlichkeit. Manchmal entstehen skurrile Kontraste.

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    Peggy Lohse
  • In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 2007 war der Słubicer durch ein verheerendes Feuer völlig ausgebrannt.

    In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 2007 war der Słubicer durch ein verheerendes Feuer völlig ausgebrannt.

    Dietmar Horn/GMD
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Totenköpfe, „Jakuza“ in triefend roter Schrift. „Ostkult“ und „Waffenschmiede Suhl“ in großen weißen Lettern auf schwarzem Stoff. Diese Pullover verkauft die 82-jährige Wanda Tiszuk an ihrem Stand auf dem Basar in Słubice. „Die jungen Leute stehen halt auf so etwas“, sagt sie. Weiter hinten an der Wand trägt eine Puppe ein Thor-Steinar-Shirt, die Marke tragen in Deutschland Rechtsextreme. „Ach, das hängt da schon ewig. Hat lange keiner nachgefragt.“ Sie winkt ab.

Es ist Sonnabend, der Hauptbetriebstag, bei Pani Wanda – Pani heißt auf Polnisch Frau und damit wird jede Frau angesprochen – ist wie oft wenig los, zu weit am Rand. Die Leute, die sich hierher verirren, kehren eher ein, etwa in den ukrainischen Imbiss. Pani Wanda kann ihn empfehlen. Bei ihr gibt es auch elegante Oberbekleidung, Mützen. Sie zeigt eine Blouson-Jacke zum Zuknöpfen, die sie mal in der Türkei gekauft hatte. Die wird sie einfach nicht los. Den Stand macht sie nur noch am Wochenende auf. „Es lohnt sich kaum noch“, sagt sie ernüchtert. Sie ist nicht mehr fit, Probleme mit der Schilddrüse. Eigentlich hat sie den Stand dem Sohn vermacht. Aber der hat eine Firma und wenig Interesse.

Den großen Markt in Słubice am Stadtrand, den die Polen „Basar“ nennen und die Deutschen „Polenmarkt“, gibt es seit 1991. Die Polen verdienten ihre ersten D-Mark, die Ostdeutschen gaben ihren ersten Löhne in Westgeld aus oder ihr erstes Arbeitslosengeld. Damals hätte wohl kaum jemand gedacht, dass es diesen Markt im Jahr 2019 noch geben würde. „Bitescheen!“ begrüßen die Händler die vorbeischlendernden Kunden. Die tragen in schwarzen Plastiktüten ihre Beute davon. Der Geruch vom Würstchengrill und vom dampfenden Bigostopf weht hinüber, deutsche Schlager, Helene Fischer, Wolfgang Petry.

425 Stände genutzt von 363 Händlern auf einer Fläche von gut eineinhalb Hektar zählt der Hauptbasar unter dem teils lichtdurchlässigen Dach mit engeren und breiteren Verkaufsgassen. Dazu kommen Stände an den Zufahrtsstraßen, wo auch Pani Wanda verkauft. Gezahlt wird meist in Euro, Preise muss man erfragen. Die Händler sind bis heute überwiegend Polen. Ukrainer sind auf dem Basar seltener anzutreffen als sonst in Polen, denn sie können nicht einfach ein eigenes Geschäft aufmachen. In den Friseursalons und Imbissen sind einige beschäftigt, standardmäßig für 100 Złoty am Tag.

Verbotenes, Halblegales oder Verrufenes gehört seit den Anfängen der Grenzmärkte zum Inventar – kopierte Musik, Devotionalien der rechten Szene, die auf der anderen Seite des Flusses verboten sind, Kleidung mit prominenten Markennamen oder die Potenzmittel, auf die DVD-Händler auf handbeschriebenen Pappen hinweisen. Man entdeckt Felle, Luftgewehre, Hundegeschirre, vornehme Kostüme und Jogginganzüge, Fußballtrikots, Spielzeug, schlesische Wurst und Proteine, grelle Limonade und Süßigkeiten, Gartenzwerge – allerdings nur noch an einem Stand, denn sie sind aus der Mode gekommen. Und natürlich Zigaretten – immer noch das Zugpferd des Handels, denn die kosten etwa ein Drittel weniger als in Deutschland. Die meisten Kunden sind Deutsche. Auch wenn das Preisgefälle immer geringer wird – der Basar bleibt ein Ziel für Schnäppchenjäger. Die Verknüpfung mit einem schönen Ausflug ist wichtig. „Bei uns erleben Sie Basar wie auf dem Orient“ und „Futtern wie bei Muttern“ werben die Marktflyer.

Einsame kommen zum Plaudern

Pani Wanda war Anfang 50 und eher linken Ideen verbunden, als sie sich erstmals in Marktwirtschaft erprobte. Sommer 1990, die Waren, die sie feilbot – blaue Jeans und Jeansblusen, erstanden im Werksverkauf des Słubicer Textilkombinats „Komes“ – bot sie gegen D-Mark an, die auf der anderen Seite der Oder gerade eingeführt worden war. 100 bis 200 Prozent konnte man draufschlagen, sagt sie. Polen war arm und billig, der Basar an der Grenze eine Goldgrube.

Ausgebreitet wurde die Ware auf Feldbetten oder Decken auf dem Boden, erst an der Hauptstraße im Stadtzentrum. „Ich habe mich geschämt“, erzählt sie. „Wanda, Du hier?“ hätten Bekannte gestaunt. Schließlich hat sie einen Magister, war Abteilungsleiterin einer Bank gewesen und in den Siebzigern Chefin des Orbis-Reisebüros mit der Wechselstube gleich am Brückenkopf – in dem Haus ist heute die Pizzeria Europa. Daher kannte sie den Umgang mit Deutschen, die Sprache, hatte Reisen für Gruppen aus der DDR organisiert. Das Angebot eines Postens in der Stadtverwaltung Anfang der Neunziger schlug sie aus. Sie wollte endlich mal Geld verdienen im Leben, sagt sie.

Bald wurde der überall in der Stadt verbreitete Handel „zivilisiert“, so erzählt man es in Słubice. Der Basar entstand auf einer Brache am Stadion, Händler kamen aus der gesamten Region, manche campierten. Von Jeans war der Markt satt, Pani Wanda war umgestiegen auf Kristall – Vasen, Teller, Pokale verschiedenfarbig, die sie aus der Glashütte „Irena“ in Inowrocław bezog. „Die Deutschen liebten das damals“, erinnert sie sich. Unverkaufte Stücke stehen nun auf ihrer Fensterbank im Wohnzimmer.

Die Scham der Anfangszeit war überwunden, als Pani Wanda ihr erstes Westauto nach Słubice einführte, ein Audi für 20 000 DM an der holländischen Grenze erstanden, 1994. „Ich bin verrückt nach schnellen Fahrzeugen“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Pani Wanda gewann 1963 den Goldenen Helm bei den polnischen SHL-Motorrad-Meisterschaften. „Der Audi leistete uns gute Dienste. Zum Beispiel zum Pilze sammeln im Wald, stimmt‘s?“, sagt sie zu ihrem Enkel, der gerade vorbeischaut. Die zweite große Errungenschaft neben dem Auto war der Hausbau, den sie mit ihrer Familie Mitte der Neunziger stemmte. Vom beruflichen Prestige her war ihre Entscheidung für den Basar ein Abstieg. Finanziell aber ein Aufstieg.

Der Enkel, Mitte 30, Beruf Lehrer, mag den Basar nicht. Wie ein Staat im Staate kommt der ihm vor, wo eigene Gesetze herrschten. Die deutschen Kunden erscheinen ihm arm und einfach gestrickt. Der Enkel soll Pani Wandas bulgarischem Pächter mitteilen, dass die nächste Zahlung fällig ist. Auf der anderen Straßenseite, auf dem Hauptbasar, hat der Pächter seinen Stand, da, wo sich auch eine Reihe seiner Landsleute eingemietet haben – türkischstämmige Bulgaren. Pani Wanda hat den Standort verlassen, die Männer hätten sich wie Platzhirsche benommen, sie wollte nicht mehr dazwischen stehen. „Aber anders als wir Słubicer sind sie gute Verkäufer“, sagt sie anerkennend.

Der Pächter kam vor 20 Jahren mit der Familie an die Oder. Er grinst breit und verschlossen und – anders als Pani Wanda – trägt er das, was er verkauft: eine Jacke von Boss.

Das Geschäft mit den Marken sei das, was den Basar am Leben hält, behauptet Pani Wanda. Wer an den Ständen fragt, ob das echt ist, erntet nur verständnislose Blicke. Niemand hat die Absicht, Originale anzubieten. Niemand hat die Absicht, Originale zu kaufen. Michael-Kors-Taschen – die kleinen 15 Euro, die größeren 20, im Original ab 200 Euro. Gürtel von Gucci und Fendi 10 Euro, im Original neun Mal so viel.

Wenn eine Razzia im Anmarsch ist, räumen die Händler ihre Waren schnell rein und rollen das Tor herunter. Ein paar erwischt die Polizei trotzdem. Ende November traf es drei, 1500 Kleidungsstücke mit den kopierten Logos von Sportartikelherstellern konfiszierte die Polizei, Wert 210 000 Złoty. Bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen, Berufsrisiko auf dem Basar.

Ob man erwischt werde, hänge auch davon ab, wie aktiv die Anwälte der Konzerne seien, sagt Pani Wanda. Die Firmen nutzten die staatlichen Behörden für ihre Zwecke aus, findet sie. „Wenn schon freier Markt, dann für alle.“

Zweimal hätten sie Sachen bei ihr gefunden, aber nur wenige Stücke. Camp David und Bench, soweit sie sich erinnere. Rund 1000 Złoty Strafe habe sie das gekostet. Und viele Nerven. Sie achte seither darauf, keine geschützten Namen mehr ins Sortiment zu nehmen.

Paweł Sławiak hat Damenbekleidung im Angebot, Strumpfhosen und Straps-

strümpfe einer Lodzer Firma, die seien wieder in Mode, sagt er. Sławiak ist Vorsitzender des  Basarhändler-Vereins. Er vertritt 300 der insgesamt 363 Händler. Auch Sławiak ist seit den Anfängen dabei. Damals habe es auf dem Markt viele Kindersachen gegeben, junge Familien kamen, erinnert er sich. Mitte der 90er verschwanden die immer mehr. „Wir haben gemerkt, wie Frankfurt schrumpfte.

Frankfurter sind längst eine Minderheit auf dem Basar, lieber gehen sie auf den kleinen Markt im Stadtzentrum. Die Autos auf dem Weg zum Basar, die am Wochenende die Stadt verstopfen, haben Kennzeichen von Stendal bis Braunschweig, München und Salzwedel, Berlin. Stände mit Kinderbekleidung und Spielsachen suchen Migranten und Geflüchtete gerne auf. „Familienfreundlich“, finden ein Mann und seine Schwiegermutter in Hijab den Basar.

Als 2007 der komplette Basar in Flammen aufging und nur noch Schutthaufen, Metallgerippe, verbrannte Plastik übrigblieb, standen Pani Wanda, Paweł Sławiak und all die anderen Händler, damals waren es noch mehr als 600, vor dem Nichts. Manche verabschiedeten sich ganz aus dem Geschäft, wanderten nach England aus, das damals schon den Arbeitsmarkt geöffnet hatte. Schließlich legten die Händler Geld zusammen und gründeten den Verein, der den Wiederaufbau in die Hand nahm – auf städtischem Grund. 14 Millionen Złoty steckten sie in den Bau der Anlage. Sie wirkt fast wie eine Markthalle.

Frankfurter spendeten Geld. „Emotional war das wichtig“, sagt Sławiak. Vier Jahre und vier Winter handelten die Kaufleute unter Zeltdächern. Die Stadt versprach nach dem Wiederaufbau, dem Verein vertraglich die Verwaltung des Marktes zu übertragen. Aber dazu kam es nie, die Stadtoberen überlegten es sich anders. Der Händlerverein versuchte jahrelang vor Gericht den Vertrag einzuklagen – so lange verwaltete sie sporadisch. Nun entschied das letzte Gericht– zu Ungunsten des Vereins. Ab dem 1. Januar wird die Stadt Herr auf dem Basar sein.

Laut Paweł Sławiak sind Wiederaufbau und Selbstverwaltung durch den Händlerverein eine Erfolgsgeschichte. „Unser Basar ist viel schöner und moderner als früher“, sagt er. Befestigter Grund, überdachte Stände mit Rollläden, Toiletten, Reinigung, Kameras und Security. Mit vereinten Kräften habe man aus der Not eine Tugend gemacht und den Basar auf die Höhe der Zeit gebracht. Habe in Werbung in Deutschland investiert, in Zeitungen, Radio, sozialen Netzwerken, habe Kooperationen zu Reisebüros aufgebaut, die Fahrten zum Polenmarkt anbieten. Habe sogar Kunden vom Markt in Kostrzyn abgezogen. Dank Selbstverwaltung seien die Betriebskosten niedrig.

Polenmarkt wird unterwandert?

All das stehe künftig auf dem Spiel, wenn das Rathaus nun den Markt übernimmt. „Für uns ist das ein schwerer Schlag. Wir wissen nicht, was kommt“, sagt Sławiak. Die im Verein engagierten Händler fühlen sich von der Stadt eingeseift. Sie fürchten, dass die Kosten steigen. Und wer zahlt nun für Werbung?

Für Pani Wanda geht die Geschichte anders: Vor dem Brand, als die Stadt den Basar verwaltete, hatte sie einen großen Stand an der breiten Hauptachse des Marktes, der vorteilhafte Standort blieb ihr nach dem Brand verwehrt – „dabei war abgemacht gewesen, dass alle ihre alten Plätze wiederbekommen“, sagt sie. Stattdessen hätten sich die Leute vom Vorstand die besten Stände gesichert. Und die Baukosten seien in die Höhe geschossen. Pani Wanda und 37 weitere Händler lehnten sich auf und wurden schließlich aus dem Verein geworfen. Beim Rathaus kämpften sie jahrelang gegen den Verein. Zuletzt weigerten sich einige, die vom Verein ausgestellten Rechnungen für Betriebskosten zu begleichen, Sławiaks Leute würden „Schutzgeld“ erheben, lautete sogar ein Vorwurf. Der Vorstand stellte ihnen den Strom ab. Gerichtsverfahren laufen.

„Wenn, dann soll schon die Stadt Einkünfte aus dem Basar erzielen, nicht dieser Verein“, findet Pani Wanda.  Einer von Sławiaks Stellvertretern aber sagt: „Die Stadt sieht gar nicht, was wir geschaffen haben. Jedes Wochenende ist hier Stau, weil alle zu uns wollen. Wir sind der größte Arbeitgeber der Stadt. Und wir sind der eigentliche Schmelztiegel zwischen Deutschen und Polen.“

Das ist der zweite Teil der Erzählung des Händlervereins: Dass auf dem Basar die wahren Beziehungen zwischen Menschen über Grenzen gewachsen sind, dass hier Europa stattfindet. „Nicht in dem steifen Händeschütteln der Politiker“, sagt einer beim Vorstandstreffen, das jeden Montag in einem Container am Markt stattfindet. Dort erzählen sie von ihren Kunden, manche kämen seit 20 Jahren. „Vier Mal im Jahr kommt ein Paar aus Bayern, die bleiben zwei Stunden am Stand und erzählen mir von ihrem Leben, wer krank war und so“, sagt Jadwiga Siwierska.  Die Tränen seien ihr gekommen als eine Frau kam, um mitzuteilen, dass ihre Schwester gestorben sei. Die Schwester hatte darauf bestanden, dass, wenn sie sterbe, ihre jahrelange Schuhverkäuferin Siwierska zu informieren sei. „Die Schwester versicherte mir, dass sie ab jetzt bei mir einkaufen werde“, sagt sie.

Der persönliche Kontakt sei der Hauptgrund, warum die Leute bis heute auf dem Basar einkaufen, sind sich die Händler um Sławiak einig. Mancher Einsame aus Frankfurt käme zum Plaudern her. Als „Freundschaft“ – sie sagen das Wort auf deutsch – bezeichnen sie die Beziehungen zu den Kunden. „Aber wir kommen in dem, was die ‚Doppelstadt’ nennen, nicht vor“, sagt einer. „Nicht mal der grenzüberschreitende Bus fährt bis zu uns. Er hält einen Kilometer vor dem Basar.“ Ein anderer stimmt zu: „Sie ignorieren uns. Als würden sie sich für uns schämen.“

Sören Bollmann, Leiter des Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrums und einer der Architekten der Doppelstadt, deutet die Befindlichkeiten so: „Die Słubicer wollen nicht allein mit dem Basar assoziiert werden, wie es in vielen Grenzorten ist.“ Daher vielleicht die zurückhaltende Rolle, die ihm Słubice in der Doppelstadt einräume. Bollmann ist auch aufgefallen, dass Basar-Vertreter schon seit einigen Jahren nicht zu den Foren gekommen seien, die sein Zentrum organisiert.

Der Słubicer Bürgermeister Mariusz Olejniczak, eigentlich ein Freund der Unternehmer, sagt: „Die Händler können keine Sonderbehandlung von mir erwarten. Ich behandele sie so wie andere Geschäftsleute auch.“ Profit wolle die Stadt nicht schlagen aus dem Basar. Werbung könne der Verein selbst machen.

Da liegt das Problem des Vereinsvorstands um Sławiak: Die Händler sind sich nicht einig. Man könne niemanden zwingen, sich an der Werbung zu beteiligen, sagt Sławiak. Wenn 80 Prozent mitmachen und 20 Prozent nicht, dann profitiere eine Minderheit von der Mehrheit – nicht durchsetzbar.

Die Beziehungen zu den Deutschen sieht Pani Wanda nüchterner. Die „Freundschaft“ beruhe darauf, dass die materiell besser gestellten Deutschen herkommen und Geld ausgeben. „Und wir profitieren davon. Na, was würde ich sonst machen mit den 1300 Złoty Rente?“, sagt sie. Gegenüber den Deutschen fühle sie „Distanz“, sagt sie. Wenngleich sie sich auch gerne mal unterhalte mit den gebildeteren Leuten. Die Zukunft des Basars sieht sie so düster wie die ihres Landes. „Die Polen gehen alle nach Deutschland zum Arbeiten.“ Selbst ihre eigene Enkelin. Wenigstens arbeite sie in der Verwaltung, tue etwas für die deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Das Ehepaar Unger-Meyer aus West-Berlin ist auf dem Weg zurück zum Parkplatz. Alle drei Monate machen sie ihren Basarausflug nach Słubice. Diesmal sind sie zu dritt. Gekauft haben sie: einen Pullover, Kekse, fünf Action-Filme, polnische Krakauer. Und sie waren gut essen: die Männer jeder drei Schnitzel, Krautsalat und eine doppelte Portion Pommes. Frau Unger ein Schnitzel. Und mit Getränken habe alles nur

40 Euro gekostet, rechnet sie vor.

Das Paar kennt den Markt seit 2003, Empfehlung einer Arbeitskollegin. „Der alte Markt vor dem Brand war chaotisch mit viel Kabelsalat und hatte seinen Charme“, erinnert sich Herr Meyer. Sie haben in Słubice schon viele Tierfiguren gekauft. Einen großen Elefanten aus Schwer-Zement, 83 Kilo schwer, für 85 Euro. Steht seit vier Jahren im Garten, trotzt Wind und Wetter. So etwas Robustes bekäme man in Deutschland nicht, schon gar nicht für den Preis, lobt Herr Meyer.

Die Unger-Meyers mögen die Polen. Die seien freundlich, sprächen deutsch und ließen auch mit sich handeln. Aber in den letzten Jahren habe sich manches verändert, was ihnen nicht gefällt. „Das war ja eigentlich mal ein Polenmarkt für Deutsche. Jetzt wird das immer mehr von Arabern unterwandert“, findet Herr Meyer. Er meint die türkisch-bulgarischen Händler.

Es scheint, die polnischen Händler und die deutschen Kunden finden in der Ablehnung der Migranten ihren gemeinsamen Nenner. „Die kassieren Sozialhilfe“, „Die legen sich eine Stange Kinder zu und arbeiten nicht“, „sollen sie doch in Syrien für ihr Land kämpfen, so wie wir Polen es gemacht haben" – Sätze wie diese fallen schnell über Flüchtlinge in Deutschland, wenn man sich mit den Händlern unterhält.

Am anderen Ende des Basars macht Pani Wanda Feierabend: 15 verkaufte Pullis und rund 300 Euro Einnahmen hat sie an diesem Sonnabend. „Sind vielleicht 130 Euro Gewinn.“ Kolleginnen auf dem Hauptbasar nehmen an solchen Tagen im Schnitt 500 Euro ein. Aber wenn ein Drittel Gewinn bleibe und man noch jemanden beschäftigen müsse für 100 Złoty am Tag – „da bleibt einfach zu wenig übrig“, sagt sie.

Ein paar Tage später hängt an ihrem Rolltor ein Zettel „Sprzedam stoisko“, verkaufe Stand, steht drauf.

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