Polnische Polizei
: Ordnungshüter bald in zwei Schichten

Die Słubicer Stadtwache bestraft nicht nur Falschparker, sie misst auch den Feinstaub und bringt Kindern Verkehrsregeln bei
Von
Nancy Waldmann
Slubice
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100 Złoty bitte! Hier ist ein Taxistand, kein Parkplatz: Słubicer Stadtwache bestraft Falschparker am Platz der Freundschaft.

Nancy Waldmann

„Hier habe ich doch noch nie einen Strafzettel bekommen“, sagt der Fahrer beinah belustigt. Doch die Stellplätze in der Seelowska, der kürzesten Straße des dreieckigen Platzes, sind allein für Taxis vorgesehen. 100 Złoty kostet das – zu zahlen sofort und bar. Die Situation dürfte mancher Frankfurter schon erlebt haben.

Für die Wachmänner war es der dritte Strafzettel des Tages, gleich ist 16 Uhr, Schichtende. Sie fahren das Auto in die Garage im Rathaus, wo sie Kommandant Wiesław Zackiewicz erwartet — ein Mann, dessen fein geordneter Schreibtisch, Disziplin ausstrahlt, während der Schrank von uniformierten Plüsch–Maskottchen anderer Wachen bevölkert wird. Seit 2005 führt der 57–jährige die Stadtwache an, eine kommunale Gendarmerie ohne Schusswaffen – nicht ganz vergleichbar mit dem Ordnungsamt, eher mit den Carabienieri in Italien. Diese gaben den Impuls zur Gründung der kommunalen Wachformationen in Polen, die Słubicer entstand am 1. Juli 1991. „Eine der ersten Gendarmerien Polens“, merkt Zackiewicz an. Oberhaupt ist der Bürgermeister, Fachaufsicht hat die Wojewodschaftspolizei in Gorzów. Die Aufgabe: Für die öffentliche Ordnung sorgen. Die sechswöchige Ausbildung absolvieren angehende Wachleute auf der Gendarmenschule in Danzig, es folgen Praktikum und Abschlussprüfung.

Ertappen die Wachleute Straftäter, übergeben sie sie der Polizei. Stoßen sie auf stark betrunkene Personen, bringen sie sie meist nach Hause — bis zur nächsten Ausnüchterungszelle müssten sie bis nach Gorzów fahren. Auch Geldbußen für das im öffentlichen Raum geltende Alkoholverbot kann die Stadtwache verhängen. Außerdem hilft sie öffentliche Veranstaltungen wie das Hansefest abzusichern. Blitzer hingegen wurden Polens kommunalen Gendarmerien 2015 weggenommen, per Parlamentsbeschluss. Die Słubicer „Waffenkammer“ umfasst derzeit: 15 Handschellen, 10 Schlagstöcke, 9 Pfeffersprays — „Kommt alles kaum zum Einsatz“, versichert Zackiewicz.

Vielmehr gibt die Wache Info–Broschüren heraus, etwa zum Tier– und Umweltschutz. „Die Polizei bestraft — wir hingegen zeigen den Leuten, wie man es richtig macht“, sagt Zackiewicz. Seine Leute gehen in Grundschulen, verteilen ABC–Schutzwesten an Kinder, besprechen mit ihnen das Verhalten im Straßenverkehr und klären auf, wie man Tiere artgerecht hält. Ausgesetzte Hunde sind ein Problem, mit dem die Stadtwächter immer wieder zu tun haben. 2017 waren es mehr als 30, im letzten Jahr 17. Meist werden die Tiere ins Tierheim in der Nähe von Górzyca gebracht.

Der neue Stolz ist das gerade angeschaffte Feinstaub–Messgerät. „Wie sind die Werte?“, fragt der Kommandant seinen Kollegen am Telefon. PM 10, also Feinstaub:  1,40 Mikrogramm pro Kubikmeter, zulässig wären 50 Mikrogramm pro Tag. Stickstoffdioxid 0, Kohlenmonoxid 0. Fast immer seien die Ergebnisse in Ordnung, auch als noch mit Apps gemessen wurde. In der Heizperiode oder an heißen Sommertagen käme es zu kurzzeitig zu erhöhten Grenzwerten. Zackiewicz kennt die flexible Verkehrsführung an der Leipziger Straße, die an eine Feinstaub–Messanlage gekoppelt ist. Dass Kohlenqualm aus Słubicer Schornsteinen für erhöhte Werte in Frankfurt sorgt, wie manche Frankfurter munkeln, glaubt der Kommandant nicht. „Wann gab es denn zuletzt Ostwind?“ Die Oder bilde eine gewisse Barriere, behauptet Zackiewicz. Das Umweltinspektorat in Zielona Góra würde Słubice generell nicht als problematisch einstufen. Die Stadtwache betreibt trotzdem Präventionsarbeit und reagiere auch auf Meldungen von Bürgern, wenn es irgendwo qualmt. Man habe auch schon Asche ins Labor eingeschickt. Häufig sei es aber ein Fehlalarm.

Einer der Vize–Stadträte schaut in das Büro des Kommandanten. Kurze Beratung, es geht um kostenpflichtige Parkzonen, die die Stadt wieder einführen will. Die beiden sind sich einig: Finden sie gut. Unter Bürgermeister Ciszewicz waren viele Parkplätze in Słubice an private Pächter vergeben worden. Die Gebühren seien daraufhin um das Vierfache gestiegen, sagt Zackiewicz.

Unter dem neuen Bürgermeister Olejniczak steht die Stadtwache vor einer Veränderung, genauer gesagt vor der Rückkehr ins frühere Zwei–Schichtsystem. Ciszewicz hatte die Wache nach seinem Amtsantritt 2011 drastisch verschlankt: von 19 Wachleuten auf neun. Er folgte einem Trend in Polen. Einige Städte schafften ihre Gendarmerien sogar ab. Hauptargument: die Polizei erfülle schon deren Aufgaben.

Die Słubicer Wache, die derzeit aus fünf Männern und einer Frau besteht, soll wieder vergrößert werden. Kürzlich bewilligte der Stadtrat zwei neue Stellen. Der Stadtratsvorsitzende Grzegorz Cholewczynski warb für diesen Antrag mit den Worten: „Wenn ich sehe, wie bei uns manche auf dem Bürgersteig oder im Gras parken, frage ich mich, ob sie das bei unseren Nachbarn jenseits der Oder auch so machen würden? Natürlich nicht, weil sie strenge Strafen erwarten würden. In Frankfurt würde keiner ein Papier auf die Straße werfen.“ Zackiewicz wiegt den Kopf, so recht mag er diese Beobachtung nicht bestätigen.

471 000 Złoty, fast 110 000 Euro, lässt sich die Stadt die Wache in diesem Jahr kosten. Ab Mitte des Jahres will Zackiewiczs Team auch nach 16 Uhr für Ordnung in Słubice sorgen.