Polnisches Schicksal: Geboren im Gulag in Kasachstan – eine Słubicerin erzählt
Als Pani Irena 1954 in einem der größten Gulags der Sowjetunion in Karaganda geboren wurde, hieß sie Raissa. Ihre Mutter war Kinderarbeiterin aus Sibiriens Grenzregion zu China – mit 12 war sie in die kasachische Steppe geschickt worden, ihr Vater war ein polnischer Häftling. Aber davon wusste die Mutter nichts. Für sie war Filip Rakowski, der akzentfrei russisch sprach, ein Landsmann, der Brigadeleiter ihrer Kohlegrube. Damit war sie auch besser dran, denn Beziehungen zwischen Russen und Gefangenen aus dem Westen wurden als „Vaterlandsverrat“ angeklagt. Rakowski, ein dunkelhaariger Mann von schmaler Statur, war ein Überlebenskünstler, der den Zenit des Totalitarismus zwischen 1939 und 1954 in den tödlichsten Zonen durchmachte. Seine Geschichte erzählt Pani Irena, die ihren vollen Namen nicht nennen will, bei einem starken Kaffee auf ihrem Hof in einem Dorf bei Słubice.
Im Herbst 1939, als Filip Rakowski 19 Jahre alt war, klopfte das polnische Militär ans Fenster seines Elternhauses im ostpolnischen Wolhynien. „Es geht los“, sagte man ihm. Er kämpfte gegen die übermächtige Wehrmacht und kam rasch in deutsche Kriegsgefangenschaft. Sechs Jahre Odyssee in deutschen Lagern begannen: in den Kohlegruben des Ruhrgebiets schuftete er und im Lager Schwetig an der Reichsautobahnbaustelle bei Frankfurt. Vom Galgen im Wald dort habe er öfter geredet. Befreit wurde Rakowski 1945 im Konzentrationslager Dachau. Die Überlebenden sollten sich bei den Konsulaten ihrer Heimatländer melden. ‚Wohin gehen wir?’, überlegten Rakowski und sein polnischer Leidensgenosse. Ein polnisches Konsulat gab es nicht. Rakowski wurde einer Roten-Armee-Einheit zugeteilt, die zunächst in der Frankfurter Dammvorstadt-Słubice stationiert war. Im Stadion habe die Feldküche gestanden, geschlafen hätten sie auf dem Friedhof. Rakowski wusste nicht, dass seine Eltern sich nur acht Kilometer entfernt in Drzecin befanden – sie waren vor den Massakern in Wolhynien durch ukrainische Partisanen geflohen. Ihre Heimat gehörte künftig zur Sowjetunion.
Die Einheit von Filip Rakowski sollte an die japanische Front im fernen Osten verlegt werden. Mit dem Zug ging es gen Sowjetunion. Aber dann beendete die Atombombe den Krieg. Leute wie Rakowski brauchte man nicht mehr. Stalin hielt sie für gefährlich, weil sie beim Feind im Westen gewesen waren, er ließ sie in die Steppe bringen. Aber das sagte man Rakowski nicht. Er erfuhr nie, warum er in Karaganda im Gulag war, wo er das tat, was er auch für die Deutschen getan hatte – Kohle abbauen. Die Uniform durfte er dabei anbehalten – der Grund, warum ihn seine Frau nicht für einen Häftling hielt.
1954, nach Stalins Tod, schrieb Rakowski einen Brief an den neuen Generalsekretär und fragte nach dem Grund seiner Inhaftierung. Als Antwort teilte man ihm mit, er sei jetzt ein freier Mann. Seine Familie lebe in Polen, seine Schwester sei in Wolhynien geblieben. Dorthin, ans andere Ende der Sowjetunion, könne er mit seiner Frau, der kleinen Raissa und ihrem älteren Bruder problemlos fahren. Aber in Wolhynien trieben terroristische Banden ihr Unwesen. Erst 1956 schrieb die Schwester: ‚Nun ist es sicher, ihr könnt kommen.’ Irenas Mutter erfuhr nun, wer ihr Mann war. „Hätte ich gewusst, dass du Pole bist, hätte ich dich nicht genommen“, habe sie gesagt. Aber sie ging mit nach Europa. Weiter nach Volkspolen einzureisen war ungleich schwerer. Frau und Kindern verwehrte man die Einreise. Sie musste die polnische Staatsbürgerschaft annehmen, und die sowjetische aufgeben. Nicht nur das – wenn man den Erzählungen von Pani Irena lauscht, legte sie ihre Identität ab, ihre Sprache. Ihre Eltern, die in Karaganda russisch sprachen, hätten später miteinander immer polnisch gesprochen. Drei Jahre war sie alt, als sich die Familie bei Rakowskis Eltern in Drzecin niederließ, einem Ort mit gemauerten preußischen Scheunen und Höfen.
Umgetauft in der Sakristei
Bald sollte Raissas Bruder zur Erstkommunion gehen. Ohne, dass Mutter getauft ist? Nein, sagte der Pfarrer. Mutter, Sohn und Tochter wurden also katholisch getauft – versteckt, in der Sakristei der Słubicer Marienkirche. Ein Zeichen dafür, wie tabu Deportierten-Schicksale im mit der Sowjetunion verbrüderten Polen waren. Bei der Taufe bekam die 6-jährige Raissa einen neuen Namen. Denn von Raissa ließ sich keine polnische Variante bilden. Irena. Das habe der Pfarrer bestimmt, erzählt sie. Von da an haben sie alle Irena genannt, sagt die 66-Jährige. Im Kirchenbuch steht bis heute Irena, in Pass und Geburtsurkunde firmiert sie weiter als Raissa.
Ihr Vater habe sich nach seiner Heimat in Wolhynien gesehnt. Aber zurückkehren? „Sterben muss man überall, ob hier oder dort“, habe er gesagt. Auch wenn Filip Rakowski nach Kasachstan verschleppt wurde – symbolisch verknüpft ist die Erinnerung an die Verbannten mit Sibirien. Nachbarn haben zu Pani Irena mal gesagt, sie solle doch dem Verband der Sibiriendeportierten beitreten, der in Słubice rund 30 Mitglieder hat. Vielleicht bekäme sie eine extra Rente. Ihr Vater bekam sie nie. „Nein“, sagt Pani Irena. Geld wolle sie keins. Nur ein Wort der Entschuldigung. Vom russischen Präsidenten.
Die Gedenkveranstaltung beginnt Sonntag, 23. August, 14 Uhr in der Marienkirche. Lidia Zessin-Jurek spricht zum „Europäischen Erinnerungsort: Sibirien“.


