Im Briefkasten heut‘ keine Rechnung, sondern ‘ne Postkarte", lautet eine Liedzeile des Songs "On a Journey" der Hamburger Hip-Hop-Band "Neonschwarz", die anspricht, wie selten es geworden ist, dass Menschen in einer Welt voller "Hektik und Stress", E-Mails und WhatsApp’s, einen privaten Brief oder eine Karte in ihrem Briefkasten finden. "Das Schreiben von Briefen zwingt dich dazu, sich Zeit zu nehmen, sich auszuklinken aus dem Alltag und seine Gedanken geordnet und reflektiert auf ein Blatt Papier zu bringen", sagt Jan Augustyniak, Stadtverordneter für die Frankfurter Linken und MOZ-Leser. Das Geschriebene habe dadurch "eine persönliche Bedeutung  und beschert kreativere Texte als der mechanische Gebrauch einer Tastatur."

Sechs Prozent private Briefe

Das analoge Briefe schreiben ist also etwas Besonderes geworden, das selten praktiziert wird. In einer nicht repräsentativen Umfrage unter den MOZ-Lesenden gaben nur 21 Prozent der Teilnehmenden an, dass sie noch regelmäßig Briefe schreiben. Die offiziellen Zahlen der Post liegen sogar darunter: Sechs Prozent sämtlicher Briefsendungen sind privat, acht Prozent werden von Privatpersonen an gewerbliche Kunden und Behörden gesendet, die übrigen Sendungen gehen von gewerblichen Absendern aus.
Wenn Ivonne Rissmanns Freunde eine quadratische, irische Postkarte in ihrem Briefkasten finden, wissen sie daher in der Regel gleich, von wem die stammt. Rissmann gehört wie Augustyniak zu den regelmäßigen Briefeschreibenden. Die gebürtige Frankfurterin lebt seit 19 Jahren in Dublin und schreibt ihren Freundinnen und Freunden aus der Heimat zu vielen Anlässen: zu Geburtstagen oder Geburten, zu Beerdigungen, vor allem aber zu Weihnachten. "Leuten, bei denen ich mich lange nicht gemeldet habe, schreibe ich gerne ausführlich, was es Neues in meinem Leben gibt, von meiner beruflichen Entwicklung, meinen Kindern und der Familie", sagt sie. Im Durchschnitt seien wohl es drei Briefe im Monat, zu Weihnachten um die 50. Damit liegt sie deutlich über der Statistik der Deutschen Post, laut der durchschnittlich nur noch 12,1 Briefe pro Jahr und Einwohner geschrieben werden. Der Großteil von Rissmanns Post geht nach Brandenburg, aber auch an Freunde aus anderen Teilen Deutschlands, Österreich, der Schweiz, den USA und sogar aus Singapur und den Philippinen.
Daraus seien schon richtige Traditionen entstanden: "Meistens kaufe ich schöne Postkarten, Sonderbriefmarken und Luftpostaufkleber. Mit einem ehemaligen Mitbewohner führe ich inzwischen eine Brieffreundschaft, eine andere Freundin schickt mir zu Weihnachten immer einen Brief mit Adventskalender. Eine Berliner Freundin bemalt ihre Briefe total schön. So einen Brief zu erhalten, ist wie ein kleines Geschenk." Rissmann ersetzt Weihnachtsgeschenke tatsächlich durch Weihnachtspost.

Weihnachten bei der Post

Dass die Weihnachtszeit für viele Menschen ein Anlass ist, um sich doch mal wieder mit Stift und Papier an den Schreibtisch zu setzen, macht sich auch bei der Post bemerkbar. Während die Briefmengen in Deutschland aufgrund der Digitalisierung um zwei bis drei Prozent jedes Jahr zurückgehen, nehmen sie an Spitzentagen im Advent im Vergleich zum übrigen Jahr immer wieder zu: von 57 auf bis zu 65 Millionen Sendungen pro Tag. "Die Menge der Privatkundenbriefe verdoppelt sich nahezu", sagt Anke Blenn, Sprecherin der Post.
"Hinzu kommt, dass wir insgesamt ein starkes Wachstum von größerformatigen Sendungen wie Maxibriefen, Päckchen und Paketen haben, das vor Weihnachten noch einmal zunimmt, weil immer Menschen Geschenke online einkaufen." Diese Entwicklung entspringt wohl mehr der Hektik- und Konsumgesellschaft als weihnachtlicher Besinnlichkeit. Stress herrscht daher vor allem bei der Post selbst. Im Advent werden bundesweit 10 000 zusätzliche Aushilfskräfte in der Briefsortierung und -zustellung eingestellt. Vielleicht finden die wenigstens auch mal eine Karte im eigenen Briefkasten.