Roter Sessel: Aufklärer zwischen den Stühlen

Sami Nazari geht gern auf dem Ziegenwerder spazieren.
René MatschkowiakGeboren ist Nazari in Kabul. 2014, da war er 20, schloss er sich einer Gruppe von Aktivisten an, den „Afghanischen Humanisten“, die sich kritisch mit dem Koran auseinandersetzten. Ein Buch, das kaum ein Afghane lese, sagt er. Auf einer Facebookseite veröffentlichten die Aktivisten Texte, forderten Selbstbestimmung für Frauen, ein Ende von Zwangsheirat und Scharia. „Wir glaubten nicht, dass man den Koran positiv auslegen kann. Wir glaubten, der Islam selbst ist das Problem und wollten radikale Veränderungen“, sagt er. Nazari äußerte seine Ansichten an der Universität, geriet in Streit mit seiner Familie. Er wurde verfolgt und bedroht. Einmal hörte er einen Schrei als er nach Hause kam. Von seinem Vater erfuhr er, dass der Nachbar, ein Junge seines Alters, tot sei – umgebracht. Die gläubigen Moslems, die ihm aufgelauert hatten, kamen daraufhin nicht mehr. War nicht er derjenige, der tot sein sollte? Nazari beschloss zu fliehen. Mitstreiter der Humanisten–Gruppe, die bereits im Exil in Berlin lebten, boten ihm Hilfe an. Zweieinhalb Monate war er unterwegs, zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Zug. Er wurde nach Frankfurt geschickt. Nicht seine Wahl, aber doch in der Nähe Berlins. Es war April 2015.
Nazari wurde mit seinen sehr guten Deutschkenntnissen bald Wowi–Lotse, dolmetschte bei Streitigkeiten mit Nachbarn. Einfach war das nicht, besonders nicht unter anderen Afghanen. Er machte bei der Bürgerbühne mit, erzählte seine Geschichte auf der Bühne – und wurde angefeindet. "Ich habe heute keine Landsleute als Freunde“, sagt Nazari. In der Berliner Gruppe der Humanisten treffen sie sich noch heute, aber sie haben aufgehört, zu veröffentlichen. „Es interessiert einfach niemanden“, glaubt er. Die AfD hat ihr Thema gekapert und mit der wolle er nichts zu tun haben, unterstreicht Nazari. Die Partei stehe nicht für Offenheit und Menschenrechte ein. „Die AfD nutzt Islamkritik als Vorwand für Abschottung. Ich will aufklären, diskutieren wie wir leben wollen.“
Es gibt noch einen Grund, warum Sami Nazari kein Aktivist mehr ist. In seinem Beruf betreut er Jugendliche, die oft aus muslimischen Ländern stammen. Er musste einen neuen Umgang mit ihrer Prägung finden. Nicht kritisieren, sondern Vorbild sein, so seine Maxime. Kürzlich erzählte ihm ein muslimisches Mädchen seiner Wohngruppe, dass sie einen Freund habe. Das freute ihn.
