Sensationsfund bei Ebay: Frankfurter Museum Viadrina ersteigert erstes Bild von NS-Lager in Schwetig

Das NS-Reichsautobahn- und "Arbeitserziehungslager" in Schwetig trug den zynischen Namen "Oderblick". Sowohl der Fotograf als auch das Datum dieser Aufnahme, die das städtische Museum Viadrina ersteigert hat, sind unbekannt.
UnbekanntEin niederländischer Militaria-Händler bot das Bild vor einigen Wochen auf dem Internetmarktplatz Ebay an. Adam Kaczmarek vom polnischen Institut für Nationales Gedenken (IPN) wurde darauf aufmerksam und informierte Matthias Diefenbach. Der Historiker vom Institut für angewandte Geschichte ist ein profunder Kenner der nationalsozialistischen Zwangsarbeitslager entlang der Reichsautobahnbaustelle zwischen Frankfurt und Posen, und arbeitet – auf der Suche nach Spuren der Lager – eng mit Kaczmarek zusammen. Von Matthias Diefenbach schließlich bekamen Konrad Tschäpe von der Gedenkstätte in der Collegienstraße und Museumsleiter Martin Schieck den Tipp.
„Der angebotene Preis war zunächst etwas überhöht. Bei einer kurzen Nachverhandlung haben wir uns dann auf 70 Euro geeinigt“, berichtet Martin Schieck. Seine Freude über den Sensationsfund ist groß. Doch er rät auch zur Vorsicht. „Noch stellen sich viele Fragen“, sagt er. So gebe es weder Informationen zum Datum der Aufnahme noch zum Kontext. Die Authentizität des Bildes werde aktuell noch geprüft.
Schriftzug wirft Fragen auf
Das Bild zeigt offenbar 38 Angehörige der Frankfurter Polizei, die sich um einen Mann in hellerer Montur – es könnte sich um den Lagerführer handeln – und einen Hund gruppieren. Die Wachen haben uniformiert vor dem Eingang des Lagers für den Fotografen Aufstellung genommen. Im Hintergrund sind ein Zaun und zwei Baracken zu erkennen. Auf dem aus Holz gezimmerten Eingangstor steht der Schriftzug: Reichsautobahnlager Oderblick.
„Der Schriftzug scheint möglicherweise hinein retuschiert, wir wollen das von einem Fotografen überprüfen lassen, der noch selbst entwickelt hat“, erklärt Schieck. Über technische Aspekte hinaus „ist natürlich die Frage, inwieweit sich die Einheit über die Uniformen und die abgebildeten Männer noch identifizieren lassen“, ergänzt Tschäpe. Seiner Meinung nach deute jedoch alles darauf hin, „dass es sich hier um ein authentisches Bild handelt“.
Auf der Rückseite des vergilbten Fotos mit Gebrauchsspuren sind Klebstoffreste noch gut zu erkennen. Matthias Diefenbach berichtet: „Der Händler gab an, es stamme aus einem Familienalbum eines Deutschen, weitere Bilder von NS-Lagern seien nicht enthalten, und der Name des Fotografen sei ihm unbekannt.“
Das „schlimmste der nationalsozialistischen Lager im Stadtraum“, so Diefenbach, befand sich zwischen dem (heutigen) Autobahngrenzübergang und dem Dorf Swiecko (Schwetig) südlich von Słubice. Eröffnet wurde es im Oktober 1940. Anfangs war die Haftstätte zugleich Reichsautobahnlager sowie „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo in Frankfurt. Die Reichsautobahndirektion betrieb das Lager wirtschaftlich, die Polizei lieferte die Gefangenen. Bis 1943 waren in Schwetig fast ausschließlich ausländische zivile Zwangsarbeiter inhaftiert, die im Regierungsbezirk Frankfurt ihre Zwangsarbeitsstelle hatten – bis zur Einstellung der Arbeiten 1942 befanden sich diese vor allem entlang der Autobahntrasse. 1944 wurde das Lager zum „erweiterten Polizeigefängnis“ erklärt. Es war ein „KZ der Frankfurter Polizei“, berüchtigt im gesamten Regierungsbezirk, sagt Matthias Diefenbach. Er schätzt die Zahl der Häftlinge, die das Lager durchliefen, auf mindestens 10000 – etwa 1000 von ihnen starben. „Todesursachen im Lager Schwetig waren Erschöpfungstod aufgrund von Unterernährung, Kälte, Schwerstarbeit und permanentem psychischen und physischen Terror, Arbeitsunfälle, Selbstmorde, Totschlag, Exekutionen, Folterverletzungen, Krankheiten […]“, schreibt Diefenbach in seiner mit Michał Mackowiak erarbeiteten Dokumentation über die Autobahnlager. Am 31. Januar 1945 befanden sich fast 1600 Gefangene in Schwetig. Die meisten von ihnen gingen an diesem Tag auf einen Todesmarsch. Zirka 70 kranke Häftlinge sperrte die Wachmannschaft in eine Baracke – die beschossen, mit Benzin übergossen und angezündet wurde. „Die Schreie müssen so furchtbar gewesen sein, dass sich die deutschen Einwohner des anliegenden Dorfes in ihren Kellern verkrochen“, so Matthias Diefenbach.
Viele sichtbare topografische Spuren sind heute nicht mehr erhalten. Die meisten Trümmer wurden 1977 beim Bau der Gedenkanlage beseitigt.
