Sport im Ausland: „Ganbaré“ ist wie ein Roter Faden

Patrick Herrmann mit seinem Buch und dem Schwarzen Gürtel, dessen Prüfung er in Japan bestand.
Kerstin BechlySeine Erfahrungen hat Patrick Herrmann in einem Buch niedergeschrieben, das im Sommer bei kdp-Amazon erschienen ist. Ja, der Titel „Halte durch“ war naheliegend. „Diese beiden Worte schossen mir bei der Suche nach einem Titel sofort durch den Kopf“, erzählt der 34-Jährige. Den Anstoß, seine Erlebnisse mit einem Abstand von 16 Jahren aufzuschreiben, hatte eine Bitte mit Folgen gegeben. „Ein Arbeitskollege erzählte meinem Vater, dass sein Sohn nach Japan wolle. Ich habe mich mit Paul getroffen. Obwohl er zu Japan sehr belesen war, wurde mir klar, dass er und viele andere dennoch nicht wissen können, wie das Leben dort im Einzelnen ist.“ Das war Anfang 2018. Herrmann hatte schon im Jahr zuvor begonnen, „loszuschreiben, ohne zu wissen wofür.“ Nun hatte er ein Ziel, alles kompakt zusammenzubringen, erstellte einen Leitfaden, holte sich fachlichen Rat, wie man ein Buch strukturell aufbaut. An eine Veröffentlichung hatte er da noch nicht gedacht. „In unserer Familie sind wir alle sehr bescheiden.“ Er fand vor allem viel Spaß beim Schreiben, empfand dies als schönen Ausgleich zur Arbeit, schrieb mal eine Stunde, manchmal ein Wochenende durch. „Für meine Freundin Josi war das eine harte Zeit."Das Jahr in Japan stellte in Sachen Härte aber ganz andere Forderungen an den damals Siebzehnjährigen.
Ein Anruf aus Japan
Er war an der Seite seines selbst aktiven Vaters Frank Herrmann, der bei Blau-Weiß Kinder trainierte, groß geworden. Als Jugendlicher gewann er mehrere Deutsche Meistertitel einzeln und mit der Mannschaft im Kata und Kumite, war Dritter der Jugend-EM. Für den Schüler vom Friedrichsgymnasium war klar, dass er ein Jahr ins Ausland gehen wollte. Wohin, war lange offen. Die Entscheidung fiel, als sein Vater in Japan zu einem Lehrgang weilte und mit dem Schulleiter und Trainer eben jener Schule nach Hiroshima ins Gespräch kam. Ein Anruf aus Japan, ein „Ja, kann ich mir vorstellen“ – und dann folgte die Wirklichkeit ...
„Ich habe oft gelitten, körperlich und seelisch. Das macht man in Deutschland in dem Alter als Schüler nicht durch“, betont Herrmann. Ein Beispiel: Er lebte mit den anderen Karateschülern im Internat oberhalb des Dojo (Trainingshalle). Die Wände aus Blech und Spanplatte, nicht dick genug und isoliert, um Wind und Kälte abzuwehren. Ein Ölradiator sorgte im Winter nur zeitweilig für Wärme. „Wir haben immer gefroren“. Mit dem Rad ging es täglich bei Wind und Wetter die zehn Kilometer zur Schule gefahren.“ Und Kampfsport wurde immer getrieben, auch wenn man krank war.
Fünf Tage in der Woche trainierten die Jungen sechs Stunden täglich Karate, am Wochenende standen Trainingslager oder Turniere an. Lob vom Trainer? Ja, das gab es. Aber gute Leistungen sollten immer weiter Ansporn sein, besser zu werden, am Ziel war man nie. Der Druck war immens. Dazu kam auch eine Hierarchie unter den Schülern, die dem Deutschen nicht behagte.Was ihm aber vor allem zu schaffen machte, waren fehlende sozialen Kontakten. Die Gastfreundschaft der Japaner sei zwar riesengroß und Japanisch konnte er nach einem halben Jahr, aber enge Kontakte seien einfach nicht üblich. Er war in der Schule und der Stadt immer der Exot, kam sich manchmal vor wie ein Tier im Zoo. „Ich hatte nur ein, zwei Leute, um mich auszutauschen. Mit dem Englischlehrer konnte ich nur in der Schule reden. Wenn ich zum Schulleiter gegangen wäre …, nein. Ich musste mich überall allein durchboxen“, erinnert sich Patrick Herrmann.
Manchmal geschluckt
Beim Schreiben kamen die Gefühle wieder zurück. Verstärkt auch durch das Hören von Musik des Rappers 2pac, die ihm damals viel Motivation zum Durchhalten gegeben hatte. „Manchmal musste ich beim Schreiben wirklich schlucken.“. Und dennoch: In seinen Zeilen blitzt immer wieder seine humoristische, ironische Seite hervor, dieses Sich-nicht-selbst-zu-ernst-Nehmen.
Was und wie Patrick Herrmann schrieb, kam in seinem unmittelbaren Umfeld an. Zwischendurch gab er unter anderem seiner Oma Gisela Nuhn und wenigen besten Kumpels wie Robert Jacksteit Kapitel zum Lesen. „Sie waren ganz erstaunt, dass ich ihnen vieles noch nicht erzählt hatte“. Von immer mehr Seiten kam dann die Bestärkung, das Geschriebene in einem Buch zu veröffentlichen, weil Inhalt und Stil stimmten. Im regional bekannten Krimi-Autoren Bernd Hesse fand er einen Unterstützer bei der Suche nach einem Verlag. Die Wahl fiel auf den Amazon-Selbstverlag kdp. Hermann gab erst ein e-Book heraus. Als Fan echter Bücher und aufgrund erster positiver Resonanzen fiel dann auch die Entscheidung zu Gunsten eines Taschenbuches. Fast 100-mal wurde es bisher verkauft, nicht nur von Freunden. Manche Exemplare verschenkt er auch. Eines seiner Erstlingswerke hat er seiner ehemaligen Deutschlehrerin Monika Petruschke persönlich vorbeigebracht."Sie hat mich wesentlich mitgeprägt.“ Nicht nur, weil sie eine seiner Geschichten, die er als Grundschüler gern schrieb, klammheimlich für einen Wettbewerb eingeschickt hatte – und Sechstklässler Patrick, der mehrere Jahre lang seiner Oma zu Weihnachten eine Fantasiegeschichte schenkte, dafür einen ersten Preis gewann. Ohne diese Vorgeschichte, so sagt der Neu-Autor, wäre er wahrscheinlich nie zum Buchschreiber geworden.
Natürlich fragt man sich, warum Patrick Herrmann trotz vieler Tiefs durchgehalten hat. Die Antwort bietet das Buch. Sie hat viel mit Karate selbst zu tun. Heute sagt er. „Japan war meine Bundeswehr, vielleicht noch intensiver. Es war eine sehr gute Schule fürs Leben, sich in einer fremden Kultur zu beweisen und durchzuhalten. Und ich bin sehr emphatisch geworden, merke, wenn sich jemand nicht zurechtfindet.“. Was er noch mitgenommen hat, sei ein ungeheurer Ehrgeiz, sportlich – aus verschiedenen Gründen wandte er sich vom Karate hin zum Thaiboxen – und beruflich. „Ich bin sehr erfolgreich, indem was ich tue. Ich kann einfach nicht still stehen.“ Hermann hatte in Ludwigshafen Wirtschaft und Japanisch studiert, in Frankfurt bei Astronergy als Produktionsleiter die Verantwortung über 140 Mitarbeiter, arbeitet jetzt bei Yamachi ebenfalls in leitender Position. Yamachi, ein deutsch-japanisches Unternehmen. Irgendwie schließt sich gerade ein Kreis.
Mehr Infos: www.haltedurch.de
