Stadtarchivar
: Eine Frankfurter Institution tritt ab

Ralf-Rüdiger Targiel übergab am Freitag die Amtsgeschäfte als Leiter des Stadtarchivs in Frankfurt – nach 43 Jahren.
Von
Thomas Gutke
Frankfurt (Oder)
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  • Amtsübergabe: Am Freitag wurde Ralf-Rüdiger Targiel (l.) als Leiter des Stadtarchivs von Dezernent Jens-Marcel Ullrich offiziell verabschiedet. Der Oberarchivar bedankte sich bei seinem direkten Vorgesetzten und bei seinen Kollegen. Für seinen Nachfolger Denny Becker (r.) war es der erste Arbeitstag.

    Amtsübergabe: Am Freitag wurde Ralf-Rüdiger Targiel (l.) als Leiter des Stadtarchivs von Dezernent Jens-Marcel Ullrich offiziell verabschiedet. Der Oberarchivar bedankte sich bei seinem direkten Vorgesetzten und bei seinen Kollegen. Für seinen Nachfolger Denny Becker (r.) war es der erste Arbeitstag.

    René Matschkowiak
  • 1976: Elfriede Schirrmacher wird verabschiedet, Ralf Rüdiger Targiel (rechts neben ihr) übernimmt – für 43 Jahre.

    1976: Elfriede Schirrmacher wird verabschiedet, Ralf Rüdiger Targiel (rechts neben ihr) übernimmt – für 43 Jahre.

    Stadtarchiv Frankfurt (Oder)
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Die großen, schweren Holzregale sind leer, der Schreibtisch aufgeräumt. In den Gläsern perlt bereits der Sekt, als Dezernent Jens-Marcel Ullrich zu Abschiedsworten ansetzt. Ralf-Rüdiger Targiel ist derart viel Aufhebens um seine Person eher unangenehm, man sieht es ihm an. Eigentlich würde er – nach besenreiner Übergabe seines Büros – lieber gleich zurück an die Arbeit. Zurück ins Archiv, Zeitzeugnisse sichten, aufarbeiten und für die Nachwelt bewahren. Doch um die offizielle Übergabe des Staffelstabes kommt er nicht herum. Nicht nach 43 Jahren, in denen er als Leiter selbst zur Institution geworden ist.

Geboren wurde Targiel 1953 in Blankenfelde-Mahlow. Nach seinem Studium an der Humboldt-Universität und dem Abschluss zum Diplom-Archivar entschied er sich bewusst für Frankfurt als Arbeitsort und Lebensmittelpunkt, „weil es eine historisch wirklich bedeutende Stadt war und ist“, wie er sagt. Am 1. September 1975 nahm er die Arbeit an der Oder auf. Zunächst wurde er von seiner Vorgängerin Elfriede Schirrmacher, selbst 30 Jahre im Amt, an seine künftige Aufgabe herangeführt. Ein Jahr später übernahm er, als 23-Jähriger, die Leitung.

Gleich zu Beginn galt es für Ralf-Rüdiger Targiel, einen Umzug zu organisieren: von der heutigen Stadtbibliothek in das restaurierte Collegienhaus. Zwar standen dem Archiv damit erstmals neben einem Lesesaal auch Räume für Ausstellungen oder Vorträge zur Verfügung. Doch als Archivstandort erwies sich das barocke Gebäude zunehmend ungeeignet. Es war zu feucht und zu klein. „Außerdem hatten wir die Rechnung ohne die Tragfähigkeit des Hauses gemacht“. Die Suche nach einem für Archivalien geeigneten Domizil habe ihn daher sein Berufsleben lang begleitet, erzählt er. Und tatsächlich, so will es die Ironie der Geschichte, geht seine berufliche Laufbahn nunmehr mit einem Umzug zu Ende: in die fast fertig sanierte, ehemalige Bürgerschule in der Rosa-Luxemburg-Straße. Im Herbst soll es soweit sein.

In mehr als vier Jahrzehnten unter Ralf-Rüdiger Targiel in leitender Position haben sich die Bestände des Archivs mehr als verdoppelt. 593 Originalurkunden ab dem 13. Jahrhundert, 1660 laufende Meter an Akten und Amtsbüchern, 3606 Karten und Pläne, zirka 63 000 Fotos (die ältesten von 1856), die komplett überlieferte Frankfurter Oder-Zeitung; dazu Filme, Plakate, Stempel, Tonaufzeichnungen und mehr als 16000 Bände an Frankfurter Druckerzeugnissen machen das Stadtarchiv Frankfurt zu einem der bedeutendsten Kommunalarchive des Landes.

Zu Targiels persönlichen Bilanz gehören aber auch zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen unter seiner Mitwirkung und Federführung. Darunter zum 500. Geburtstag von Ulrich von Hutten. Zur jüdischen Geschichte der Stadt. Oder auch zur ersten brandenburgischen Landesuniversität; eine Ausstellung, die direkt nach der Wende und mit der Wiedergründung der Viadrina die Universitätsgeschichte der Stadt zurück ins Gedächtnis der Bürger rief.

„Es sind große Fußstapfen, in die ich hier trete“, sagt auch Denny Becker fast ein wenig ehrfurchtsvoll. Dabei kann der in Frankfurt geborene und in Storkow groß gewordene, neue Leiter des Stadtarchivs selbst auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Zuletzt war der Historiker und promovierte Archivar im Geheimen Staatsarchiv in Berlin tätig. „Aber mein Schwerpunkt ist eigentlich das Kommunale“, sagt der 40-Jährige, der ebenfalls in Frankfurt alt werden möchte. Die Statistik spricht dafür: Seit 1890 ist Denny Becker erst der sechste Chef des Stadtarchivs überhaupt. Er steht in den nächsten Jahren vor allem vor der Aufgabe, die Digitalisierung der Bestände voranzutreiben. Und zuvor den neuen Standort zu beziehen.

Eine anspruchsvolle Herausforderung, die Ralf-Rüdiger Targiel gerne abgibt, wie er einräumt. Doch niemals geht man so ganz; Archivare wissen das. Auf Oberarchivar Targiel trifft dies im besonderen zu. Denn er bleibt dem Stadtarchiv auch in den nächsten zwei Jahren als Mitarbeiter erhalten. Halbtags, aber sicher weiter mit vollem Herzblut für die Stadthistorie. Er sagt: „So viele Themen sind noch unbearbeitet, ich könnte mich mein ganzes Leben lang mit Frankfurt befassen.“