Etliche der Menschen, die der Einladung des Stadtteilforum Mitte zum Rundgang durch die Lebuser Vorstadt gefolgt waren, haben einst hier gearbeitet. Kein Wunder, schließlich reihte sich in dem Bereich nahe der Oder bis 1990 doch Betrieb an Betrieb. Hunderte Frankfurter waren jeden Morgen in Richtung der Lebuser Vorstadt unterwegs, um an ihre Arbeitsstelle zu gelangen – in die Wäscherei, die Maröwerke-Kaffeerösterei, den VEB Oderfrucht, zu Oderna, ins Betonwerk und in weitere Betriebe, die sich hier dicht an dicht drängten.

Marode Bausubstanz

Die meisten haben die Wende nicht überlebt. Die Bausubstanz war schon damals, vor 30 Jahren, nicht mehr die Beste. Seit Langem herrscht weitgehend Ruhe in dem Bereich: Bäume wachsen auf den Grundstücken in den Himmel anstelle von Berufs- und Lebensträumen.
An der Herbert-Jensch-Straße wurden einige Häuser saniert. Dahinter ist in Richtung Oder nicht viel passiert. „Man musste bisher schon einen gewissen Mut mitbringen, in solche Gebiete zu investieren. Weiß man doch nicht genau, was einem erwartet“, sagt ein Immobilien-Insider unter den Teilnehmern des Rundgangs.
Bisher würden sich die hohen Sanierungskosten, die in der Lebuser Vorstadt zu erwarten seien, für Investoren nicht rentieren, heißt es. Dafür sei das Miet- und Kaufpreisniveau in der Oderstadt bislang zu niedrig. Doch das könnte sich bald ändern, meint Stadtplanerin Anja Bäcker.

Entwicklung bis zum Hundeplatz

„Die Lebuser Vorstadt kann bis etwa zum Hundeauslaufplatz entwickelt werden“, erklärte die Stadtplanerin beim Rundgang. Dafür sei allerdings ein Zeitraum von 10 bis15 Jahren nötig, meint die Expertin. Vieles hänge auch von der Nachfrage nach Wohnraum ab.
Doch es tut sich schon etwas. So gebe es bereits einen neuen Eigentümer für die Liegenschaft der alten Wäscherei. Und auch für das Areal des einstigen VEB Oderfrucht soll es Gespräche mit Investoren geben.
Bauanträge seien allerdings noch nicht gestellt. Zunächst muss erst noch das Planungsrecht geklärt werden: Derzeit ist im vorderen Bereich, an der Herbert- Jensch-Straße, eine gemischte Nutzung von Wohnen und Gewerbe möglich. Im Bereich dahinter, in Richtung Oder, sind nur gewerbliche und eine Hafennutzung vorgesehen. Nun soll auch Wohnbebauung mit Marina-affiner touristischer Nutzung möglich werden.

Stadt will den alten Schlachthof verkaufen

Das Areal des alten Schlachthofs will die Stadt verkaufen. Dafür soll der Weg eines Anhandgabeverfahrens gewählt werden. Die Stadt erhält sich so die Möglichkeit, weiterhin in die Entwicklungsphase des Gebietes einzugreifen.
Der Geschosswohnungsbau werde bevorzugt, erklärte Anja Bäcker. Bis etwa 120 Meter in Richtung Oder könne die Bebauung gehen. Die beiden Torhäuser und das Mittelhaus des Schlachthofs stehen unter Denkmalsschutz, müssen demzufolge erhalten bleiben.
Außerdem soll bei künftigen Bebauungen in der Lebuser Vorstadt immer auf neue Wegebeziehungen zwischen der Herbert-Jensch-Straße und der Oder geachtet werden. Auch im ehemaligen Betrieb VEB Rationalisierung, wo einst unter anderem Waschmaschinen für Lebensmittelkisten gebaut wurden, kann sich die Stadtplanerin Loft-Wohnungen vorstellen. Allerdings gebe es dafür bislang kein Interesse.

Bauplätze für Eigenheime

Platz für neue Einfamilienhäuser soll es auch geben: An der Herbert-Jensch-Straße soll zwar die Straßenflucht mit Mehrfamilienhäusern erhalten bleiben. Dahinter könnten jedoch Einfamilienhäuser entstehen.
Von Nord nach Süd und von West nach Ost könnte die Bebauung aufgelockerter und kleinteiliger werden, so die Idee der Stadtplaner zur Entwicklung des Gebietes. Das Interesse, nicht nur von ehemaligen Arbeitern und Angestellten der alten Betriebe, scheint da zu sein.