Stadtführung
: Echte Krimis aus Frankfurt

Einstiger Kripo-Ermittler Wolfgang Raeke erzählt Studierenden wahre Geschichten direkt am Tatort.
Von
MOZ
Frankfurt (Oder)
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Die Gruppe stoppte auch an der alten Asservatenkammer im Zentrum: Vor dem Postgebäude in der Logenstraße berichtet Wolfgang Raeke den Teilnehmern der Krimi-Stadtführung von einem spielsüchtigen Justizfachangestellten, der sich einst am aufbewahrten Diebesgut bediente.

Nancy Waldmann

Der Mann in bunter Krawatte und kariertem Hut dürfte manchen schon bekannt aus der „Krimi-Scheune“ in Treplin bekannt sein. Vom Studierenden-Ausschuss der Europa-Universität wurde er nun schon zum zweiten Mal eingeladen, eine Krimi-Stadtführung zum Semesterbeginn anzubieten. Und so genoss eine Runde Zuhörender am Mittwoch eine Tour, bei der stadthistorisch Interessierte ebenso auf ihre Kosten kamen wie Krimi-Fans. Die Rede war etwa von Peter Deckert, der für vielfach fingierten Diebstahl seiner selbst verkauften Obstbäume 1662 an den „Dreckskarren“, also den Fäkalienwagen, gebunden wurde.  Und vom blutigen Gefängnisausbruch von 1981 oder von Einbrechern, die sich versehentlich mit einer Polaroidkamera fotografierten und die noch blinden Bilder am Tatort liegen ließen.

Raeke scheute sich auch nicht, Einblicke in seine konspirativen Arbeitsweisen zu geben. Quizfrage: Warum machten sich Räuber so gerne über den Geldautomaten der Sparda-Bank am Zehmeplatz  her und sprengten ihn? Ganz einfach: Dort wohnt kaum jemand, der es mitbekommen könnte. Die Komplizen des Räubers stehen Schmiere an der Heilbronner und Gubener Straße, wo man schon von weitem sehe, wenn die Polizei anrückt.

Wie überführten die Ermittler den Mann vom Wachschutz der Viadrina, der einst teure Beamer und Videotechnik aus dem Hauptgebäude der Universität stahl? Die Ermittler verkleideten sich als Handwerker, schlichen sich in den Keller und brachten eine versteckte Kamera in jenem Lagerraum an, aus dem wiederholt Kartons fehlten. Im „Frankfurter Bankenviertel“ hinterm Kaufland berichtete Raeke von den Banküberfällen, die am Tag der Währungsunion 1990 begannen. Manche Räuber waren so nervös, dass sie sich selbst in die Hand schossen oder aus Versehen einen Briefumschlag auf dem Banktresen hinterließen, auf dem ihre Adresse vermerkt war. Einer aber war so souverän, dass er sich wiederholt 5000 D-Mark auszahlen ließ – wobei er lediglich mit einer unechten Pistole gedroht hatte. Als er schließlich gestellt wurde, ergriff er zu aller Verwunderung nicht einmal die Flucht.

Unweit des Lenné-Teichs am Karl-Marx-Denkmal erinnerte sich Raeke an den brutalen Totschlag eines obdachlosen Mannes, der – um drei Euro beraubt – zusammengeschlagen und bewusstlos in den Teich geworfen wurde, wo er ertrank. Drei verdächtige Jugendliche, ein Teilgeständnis, U-Haft – die Sache schien klar. Als zwei Wochen später wieder eine Frau aus demselben Umfeld ausgeraubt wurde, fielen den Ermittlern Parallelen zum ersten Fall auf. Überführt wurden andere, die drei in U-Haft befindlichen Jugendlichen waren für den Tod des Mannes nicht verantwortlich und kamen wieder frei. „Gut, dass die Ermittler genau waren und den Fehler der Kollegen beim ersten Fall aufdeckten“, resümiert Raeke. Natürlich darf auch etwas Sex nicht fehlen in so einer Erzählung.

Der Kripo-Mann übernahm auch einmal einen Fall in der Halben Stadt: Eine männliche Leiche hing in BH und Frauenkleidern in einem Abstellraum. Kein Mord, kein Selbstmord – nein, ein Unfall. Die Person hatte sich beim Masturbieren in Kombination mit Scheinerdrosselung den Kick geben wollen, denn dabei würden, so Raeke, besondere Glückshormone ausgeschüttet. Der Mann hatte es jedoch nicht mehr geschafft, sich rechtzeitig wieder aus der Schlinge zu befreien. Kein Einzelfall, sondern ein Phänomen, das Kriminalisten „autoerotische Unfälle“ nennen und über das sich Raeke damals "gierig“ belesen hatte. Die Zuhörenden schüttelten sich.