Stadtgeschichte
: Erst Musikheim, dann Theater – heute Ruine

Am 17. September 1928 wurde der Grundstein für ein deutschlandweit beachtetes Bauwerk gelegt – das heute verfällt.
Von
Ralf-Rüdiger Targiel
Frankfurt (Oder)
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17. September 1928, 11 Uhr: Der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker weiht das künftige Musiklandheim als Stätte "echter deutscher Herzensfröhlichkeit".

Max Nakonz/ Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Alle 14 Tage zeigt der Stadtbote ein historisches Bild. Heute die Auflösung aus der Ausgabe vom 9. Oktober.

Es war der 17. September 1928 – ein wichtiger Tag für die Stadtgeschichte. Rechtzeitig am Vormittag jenes Tages fuhr Fotografenmeister Max Nakonz in die Gnesener Straße (heute Gerhart-Hauptmann-Straße), wo ab 10.30 Uhr die Grundsteinlegung für das künftige Musiklandheim stattfinden sollte. Am Eingang der noch nicht fertig gepflasterten Straße hatte die Stadt ein großes Leinwandschild „Für Jugend und Vaterland“ aufhängen lassen. Fahnenmasten, Girlanden und Tannensträucher säumten den Weg zur eigens dazu auf dem Bauplatz errichteten kleinen Tribüne. Dort nahmen gerade die geladenen Gäste Platz. Unter ihnen waren der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker, Oberbürgermeister Hugo Kinne, Ministerialdirektor Paul Kaestner sowie der Direktor der Staatlichen Bauhochschule Weimar Otto Bartning als Architekt des Bauvorhabens. Gegen 11 Uhr entstand die diesmal gezeigte Fotografie. Nakonz fotografierte den Kultusminister, wie er nach seiner Ansprache mit drei Hammerschlägen das Musikheim als eine „Stätte ernster Arbeit, Schauplatz echter deutscher Herzensfröhlichkeit und endlich einer Quelle seelischer Rast“ weihte.

Der Bau ging rasch voran

Begonnen hatte das Großprojekt im Januar 1928. Prof. Becker, der auch als bedeutender Hochschulreformer in die Geschichte einging, hatte während eines Besuchs in Frankfurt dem Oberbürgermeister von seinem Plan erzählt, „landschaftlich gebundene Mittelpunkte für die Selbsterziehung und den geistigen Wiederaufbau“ zu schaffen. Diesen Plan hatte im Jahr zuvor der mit Becker freundschaftlich verbundene bedeutende Musikpädagoge Georg Goetsch angeregt. Es sollte ein von Goetsch konzipiertes Musikheim als Stätte der musischen Bildung mit Kursen „für musikalisch Begabte und Vorgebildete, insbesondere für Lehrer, Pfarrer und Jugendpfleger“ entstehen. Im zweiten Teil des Planes sollte es unweit davon eine vom preußischen Staat zu errichtende Pädagogische Akademie (heute Gebäude des „Carl Friedrich Gauß-Gymnasiums") geben. Hugo Kinne, der gleich die Chancen dieser Kulturstätte und die Bedeutung einer Pädagogischen Akademie für seine Stadt erkannte, bot dem Minister als künftigen Sitz die Stadt Frankfurt an.

Schon am 8. Februar stimmte die Stadtverordnetenversammlung dem Musikheim zu. Schnell war am Rande der neuen „Ostmarksiedlung“ (Paulinenhof) ein passendes Baugrundstück gefunden – mit Obstbäumen, einer großen Scheune und unweit eines schilfbewachsenen Teiches. Goetsch gewann für das Bauvorhaben Otto Bartning. Bereits im Sommer 1928 konnten Frankfurts Bürger seine Pläne sehen. Sie erfuhren von der großen Halle, die anstelle der abgerissenen Scheune geplant war, dem zweistöckigen Studententrakt mit 31 Zimmern, dem Flügel mit den Geschäfts- und Unterrichtsräumen und schließlich von dem runden Turm mit dem frei sichtbaren Dachgebälk, in dessen Erdgeschoss der Speisesaal und im Obergeschoss ein Versammlungsraum geplant war. Dazu sollten noch unweit davon Wohnhäuser für die Dozenten errichtet werden. Da auch die Inneneinrichtung dem Architekten übertragen wurde, die er dann sämtlich in den Bauhaus-Werkstätten realisieren ließ, sollte man später „in allen Räumen die ausgezeichneten Beleuchtungskörper von Wilhelm Wagenfeld, dem Leiter der Metallwerkstatt, die Stoffe der Weberei und die Möbel von Erich Dieckmann“ sehen.

Nach der Grundsteinlegung ging der Bau unter der Leitung des städtischen Hochbauamtes rasch voran. Schon am 15. Oktober 1929 wurde das Musikheim feierlich eröffnet. Kurz zuvor hatte ein anderer bekannter Frankfurter Fotograf – Walter Fricke – den fertigen Komplex mit seiner Kamera dokumentiert. Die Fotografien seiner großen Serie erschienen am 1. Oktober 1929 in der für den Deutschen Werkbund herausgegebenen Zeitschrift  „Die Form“ und wurden zu den offiziellen Bildern des deutschlandweit beachteten Bauwerkes.

Georg Goetsch übernahm die Leitung des Hauses und verwirklichte hier seine Idee der musischen Bildung mit Kursteilnehmern, die aus ganz Deutschland und darüber hinaus kamen. Nach Jahren erfolgreicher Arbeit wurde das Musikheim Ende 1941 geschlossen. Goetsch, der von den Nationalsozialisten nicht nur auf Grund seiner Verbindungen nach England misstrauisch beobachtet wurde, verließ Frankfurt. Im Musikheim wurde Anfang 1942 ein Militärlazarett eingerichtet.

Nach Kriegsende begab sich die Leiterin des neuen städtische Kulturamtes, Wally Ruge, auf die Suche nach Ersatzräumen für das im Zentrum gelegene, ausgebrannte Stadttheater. Es gelang ihr, das Musikheim für kulturelle Zwecke von der sowjetischen Kommandantur zu erhalten. Schon am 8. Juli 1945 wurde hier aus Goethes „Faust“ rezitiert. Das neue Frankfurter Theater sollte erst einmal im Musikheim als Provisorium öffnen. Der von der Stadt angestellte Intendant Curt Asmus-Bach begann mit einem 18-köpfigen Ensemble am 4. Mai 1946 mit dem Stück „Renaissance“ in den „Kammerspielen im Musikheim“ den Theaterbetrieb. Unter den Kräften, die unter Curt Asmus-Bach in Frankfurt spielten, war auch der junge Eckhard Schall. Zu dieser Zeit plante man im Zentrum das alte UFA-Kino (dann Lichtspieltheater der Jugend) zum Theater umzubauen.

Haus verfällt seit 2000

Obwohl sich dieser Plan bald zerschlug, hofften die Theaterfreunde noch Anfang der 1950er Jahre, „daß dies Babylonische Exil nicht gar zu lange dauern möchte“. Doch es sollte die DDR-Zeit überdauern. Wenn man sich mit den zahlreichen Um- und Anbauten in den 50er, 60er und besonders Anfang der 1970er Jahre auch immer mehr von den einst vom Architekten umgesetzten Vorstellungen des Georg Goetsch entfernte, ermöglichten sie den Spielbetrieb des Theaters bis zum Jahr 2000. Der letzte Vorhang fiel, nachdem das Theaterkonzept des Landes für Frankfurt kein eigenes Ensemble mehr vorsah und mit dem Zuschuss von 2,6 Millionen D-Mark der städtische Regiebetrieb Kleist-Theater nicht mehr finanzierbar war. Am 24. Juni 1999 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Auflösung des Theaters zum 31. Juli 2000. Das kostbare, denkmalgeschützte Bauensemble, zu dessen Grundsteinlegung im Jahr 1928 extra der preußische Kultusminister angereist war, verfällt seitdem.

Das nächste historische Foto zeigen wir am kommenden Mittwoch.