Stadtgeschichte: Schlangestehen für einen Stempel

Am 11. November 1989 bildeten sich bei der VP-Meldestelle in Neuberesinchen lange Schlangen zur Stempelung der Ausweise, um Westberlin besuchen zu können.
Joachim MaiAlle 14 Tage zeigt der Stadtbote ein historisches Bild. Heute die Auflösung aus der Ausgabe vom 6. November.
Unsere heutige historische Fotografie zeigt eine lange Schlange wartender Menschen am 11. November 1989 in Neuberesinchen. Sie warteten vor der Meldestelle der Volkspolizei (VP) im Erdgeschoss des Hochhauses W.-I.-Lenin–Allee 73 (heute Birkenallee). Zwei Tage zuvor war durch einen Versprecher des Berliner SED–Chefs Günter Schabowski über eine sofortige Öffnung der Grenze der Mauerfall eingeleitet worden. Viele Tausende hatten seitdem schon Westberlin besucht. Wenn es eigentlich erst für später geplant war, jeder Bürger konnte jetzt die DDR zeitweise verlassen und anschließend wieder in die DDR einreisen. Dafür sollten auf Antrag „die staatlichen Behörden Pässe und Visa schnell und unbürokratisch“ ausstellen.
Ab dem 11. November bildeten sich deshalb an allen Meldestellen der Volkspolizei in Frankfurt lange Schlangen. Die Frankfurter wollten sich für einen Westbesuch, sei es nun nach Westberlin oder anderswo, den nötigen Stempel holen. Wegen der großen Zahl der Wartenden wurden die Visa gleich ohne große Antragsstellung erteilt. Da die meisten zudem keinen Reisepass besaßen, erhielten sie ein bis zum 10. Mai 1990 befristetes „Visum gemäß Antragstellung mehrmalig gültig“ gleich in den Personalausweis gestempelt. Dieses Visum berechtigte zum Umtausch von 15 DM pro Person für das Jahr 1989.
Unsere Aufnahme machte der Hobby–Fotograf Joachim Mai. Der Diplom–Ingenieur, der kurz zuvor vom Institut für Halbleiterphysik zum Bezirkskrankenhaus gewechselt hatte, führte in jenen bewegten Tagen immer seinen Fotoapparat mit sich. Bevor er an diesem Tag in Neuberesinchen das Foto machte, war er schon im Volkspolizei–Kreisamt in der Halben Stadt 9, um sich dort ein Visum ausstellen zu lassen. Dort war die Warteschlange jedoch so lang, dass unser Fotograf wegen seiner Ausreisegenehmigung weiter nach Neuberesinchen fuhr. Da aber auch hier die Schlange zu lang war, verschob er sein Vorhaben auf später.
Anders als viele der Wartenden hatte er mit seiner Familie schon am 10. November Westberlin besucht. Als er am Abend des 9. November von der Grenzöffnung erfuhr, beschloss er, gleich am nächsten Tag Westberlin zu besuchen. An jenem Freitag fuhren sie mit ihrem Trabant von Frankfurt nach Berlin, stellten das Auto auf einen Parkplatz in Groß-Glienicke ab und fuhren mit der S–Bahn bis Friedrichstraße. Von dort gingen sie durch ein dichtes Spalier jubelnder Westberliner über die Grenze. Sie folgten dem Strom und gelangten nach einer erneuten S–Bahn–Fahrt schließlich zum hell erleuchteten Kurfürstendamm.
Joachim Mai stellte seine Fotografien der Novembertage des Jahres 1989 später dem Stadtarchiv zu Verfügung. Neben den Bildern anderer Fotografen dokumentieren sie die Wende in unserer Stadt und waren deshalb schon mehrfach in Ausstellungen des Archivs zu diesem Thema zu sehen.