Im Spätherbst 1989 herrschte hinter den verschlossenen Toren der MfS-Bezirksverwaltung in Frankfurt (Oder) hektische Betriebsamkeit. Die Nervosität bei den Hauptamtlichen der Geheimpolizei Tage vor dem Zusammenbruch der DDR war groß. Um jahrzehntelanges Unrecht zu vertuschen, wurden Tausende Akten, Karteikarten, Dienstbücher weggeschafft, geschreddert, verkollert, zerrissen.
„Die Verluste betrafen vor allem das laufende Tagesgeschäft. Häufig wurde das vernichtet, was für die Mitarbeiter des MfS aktuell am unangenehmsten war“, erklärt Sebastian Richter.

6,6 Regalkilometer an Akten aus den Bezirken Frankfurt und Cottbus

Er ist Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Frankfurt (Oder). Sebastian Richter und seine 42 Kolleginnen und Kollegen kümmern sich um die Unterlagen, die 1989 auch deshalb erhalten blieben, weil mutige Bürger überall im Land Stasi-Zentralen besetzen und sich der Vernichtung von Akten entgegenstellten, so auch in Frankfurt (Oder) am Morgen des 5. Dezember. Der gerettete Bestand ist nicht gerade klein. 6,6 Regalkilometer an Akten der einstigen MfS-Bezirksverwaltungen Frankfurt und Cottbus werden heute in der Fürstenwalder Poststraße 87 aufbewahrt, aufbereitet, bereitgestellt. Hinzu kommen 1500 Säcke mit Aktenschnipseln.

Frankfurt (Oder)

Doch was passierte im November in der Otto-Grotewohl-Straße (heute Robert-Havemann-Straße), in anderen Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen? Wie viele Stasi-Akten gingen für immer verloren? Darüber wird Dr. Roger Engelmann am Sonnabend (25.6.) von 13.30 bis 15 Uhr im Stasi-Unterlagen-Archiv sprechen. Seine gemeinsam mit Christian Halbrock und Frank Joestel erstellte Studie ist die erste umfassende Bestandsaufnahme zu den Aktenverlusten beim MfS und ein wichtiger Programmpunkt beim Tag der offenen Tür von 13 bis 19 Uhr.

Sebastian Richter folgte im August 2021 auf Rüdiger Sielaff

Für Sebastian Richter und sein Team ist die Veranstaltung in doppelter Hinsicht eine Premiere. Zum einen ist es der erste Tag der offenen Tür mit ihm als neuen Leiter – der 45-Jährige hatte im August 2021 das Amt von Rüdiger Sielaff übernommen, der 19 Jahre lang an der Spitze der Außenstelle stand. Zum anderen gehört der Standort seit Juni 2021 zum Bundesarchiv und stellt sich nun erstmals unter neuem institutionellen Dach der Öffentlichkeit vor, wie bundesweit andere Standorte auch.
Sebastian Richter, Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Frankfurt (Oder)
Sebastian Richter, Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Frankfurt (Oder)
© Foto: Thomas Gutke
Zur Erleichterung vieler Frankfurter sah der Bundestagsbeschluss zur Überführung der BStU-Akten in das Bundesarchiv vor, dass ein Archivstandort in Frankfurt (Oder) erhalten bleibt und es zudem eine Außenstelle in Cottbus geben wird. Darüber hinaus sollen 4500 Regalmeter an zusätzlichen Unterlagen aus dem ehemaligen Bezirk Potsdam, die sich derzeit noch in Berlin befinden, nach Frankfurt kommen. Doch soweit ist es noch nicht. Eine Machbarkeitsstudie der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist weiter in Arbeit.

Einige Veränderungen stehen bevor, die Aufgabe des Archivs bleibt

Auch wenn einige Veränderungen anstehen, „wird sich unsere Aufgabe nicht verändern“, betont Sebastian Richter. Dazu gehört in erster Linie, die Akten für die Brandenburger Bevölkerung sowie für Forschungs- und Medienanliegen zugänglich zu machen. Denn die Aufarbeitung hört nicht auf. Der Historiker ist die Aufgabe in Frankfurt (Oder) mit viel Begeisterung angegangen. Vor seinem Amtsantritt war er seit Ende 2016 für das Stasi-Unterlagen-Archiv tätig, forschte unter anderem zur Zusammenarbeit des MfS mit Strafverfolgungsbehörden der DDR und leitete kurzzeitig die BStU-Außenstelle in Neubrandenburg.

Tag der offenen Tür Stasi-Unterlagen-Archiv Frankfurt (Oder)

Sebastian Richter eröffnet den Tag der offenen Tür im Stasi-Unterlagen-Archiv in der Fürstenwalder Poststraße 87 um 13.15 Uhr. Nach dem Vortrag von Dr. Roger Engelmann ab 13.30 zur Aktenvernichtung ist um 15 Uhr eine Führung geplant, eine weitere findet um 18 Uhr statt. Von 16 bis 18 Uhr wird der Film „Auf eine Tasse Kaffee mit der Stasi“ von Johanna Pohland gezeigt, der in Zusammenarbeit mit der Bürgerbühne entstand. Einige der für das Projekt befragten Personen arbeiteten damals für die Staatssicherheit, andere demonstrierten dagegen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, mit Protagonisten des Films sowie gleichnamigen Theaterstückes ins Gespräch zu kommen. Den ganzen Tag über bietet das Stasi-Unterlagen-Archiv Beratungen zur Akteneinsicht an, im Videoraum werden außerdem verschiedene Dokumentationen gezeigt.
Er treffe viele Menschen, die dankbar dafür seien, dass noch immer über das Unrecht von damals gesprochen werde. „Viele Betroffene lässt das ihr Leben lang nicht los“, sagt er. Mindestens genauso wichtig aber seien Brückenschläge ins Heute. Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Repressionen in Russland bekämen Themen wie Meinungsfreiheit, für die damals viele Bürger in der DDR auf die Straße gingen, plötzlich eine ganz neue Relevanz. Wie viel ist der Einzelne bereit, in einem totalitären Regime an Sicherheit aufzugeben und an persönlichen Risiken einzugehen, um für freiheitliche Werte einzustehen? Dies sei eine wesentliche Frage, die letztlich auch in den Stasi-Unterlagen immer wieder eine Rolle spiele, sagt Sebastian Richter. Der Blick auf Russland heute mache deutlich, „wie viel an Mut es 1989 bedurfte, um Dinge zu verändern“.
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