Stasi-Recherche
: Die CIA-Spione und der geheime Prozess in Frankfurt (Oder)

1960 wurden Olga Raue, ihr Mann und ihr Schwager wegen Spionage für die CIA vor dem Frankfurter Bezirksgericht angeklagt.
Von
Stefan Appelius
Frankfurt (Oder)
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  • Olga Raue kurz nach ihrer Festnahme im Sommer 1959 in Hohenschönhausen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Heinz und ihrem Schwager Gerd Raue wurde sie 1960 wegen Spionagetätigkeit für die CIA angeklagt. Ende Dezember 1977 durfte sie legal in die BRD ausreisen.Fotos (2): BStU

    Olga Raue kurz nach ihrer Festnahme im Sommer 1959 in Hohenschönhausen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Heinz und ihrem Schwager Gerd Raue wurde sie 1960 wegen Spionagetätigkeit für die CIA angeklagt. Ende Dezember 1977 durfte sie legal in die BRD ausreisen.Fotos (2): BStU

    BSTU
  • An den Vernehmungen beteiligt: Walter Heinitz, MfS-Abteilungsleiter zur Bekämpfung der Spionagetätigkeit feindlicher Dienste

    An den Vernehmungen beteiligt: Walter Heinitz, MfS-Abteilungsleiter zur Bekämpfung der Spionagetätigkeit feindlicher Dienste

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Das ist einer von der ganz scharfen Truppe. Ein 150-prozentiger, von dem man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt, er sei einst in der SS gewesen und „bis fünf nach Zwölf“ auf einem Panzer umhergefahren. Seinen linken Unterschenkel hat er als Soldat an der Ostfront verloren. Nach Kriegsende ist der gelernte Friseur in die SED eingetreten. Zur angepeilten großen Karriere im DDR-Justizministerium hat es zwar nicht gereicht, aber immerhin zum Ankläger im Strafsenat I. Das ist die Kammer, die für die Verurteilung politischer Straftaten zuständig ist.

Von all dem ahnt die 32-jährige Olga Raue nichts. Sie, ihr Ehemann Heinz und ihr Schwager Dr. Gerd Raue sollen im Bezirksgericht wegen Spionage für die CIA angeklagt werden. Ohne dass in Frankfurt jemand etwas erfährt. Diese Art Prozesse finden in der DDR fast immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sehr zum Leidwesen von Helmut Klühsendorf. Der würde an den drei „brutalen Verrätern an der Sache der Macht der Arbeiter und Bauern“ am liebsten ein Exempel statuieren. Nach einer Sichtung der Vernehmungsakten ist er fest entschlossen, für Heinz und Gerd Raue die Todesstrafe zu beantragen. Sehr zu seinem Leidwesen liegt das aber nicht in seiner Hand. Die Entscheidung, was er in seinem Plädoyer beantragen darf, wird in der Ostberliner Generalstaatsanwaltschaft getroffen. Und die Frage, welche Strafen Richter Ziegler am Ende verkündet, vom MfS.

Seit ihrer Verhaftung im Juni 1959 hat Olga Raue noch keinen Rechtsanwalt zu sehen bekommen. Noch ahnt sie nicht, dass ihre Gerichtsverhandlung unmittelbar bevorsteht. Bis man sie eines Abends aus ihrer Zelle im Untersuchungsgefängnis in einen Besprechungsraum führt. Dort wartet ein etwa 50-jähriger Mann auf sie. Er trägt einen guten Anzug und zieht gelangweilt an seiner Zigarette, Marke „Duett“. Am Revers seines Jacketts prangt unübersehbar der „Bonbon“, durch den er sich als Mitglied der SED zu erkennen gibt. Karl Elfers ist der vom MfS bestellte Pflichtverteidiger. In Olga Raue glimmt für einen Moment Hoffnung auf. Bis er ihr mit müder Stimme sagt, dass er nichts für sie tun könne, die Akten noch gar nicht bekommen habe und sowieso überhaupt total überlastet sei.

Bis vor ein paar Jahren war Elfers noch selbst als Ankläger im 1. Strafsenat tätig. Er war nach Kriegsende kommissarischer Leiter des Kreispolizeiamtes in Cottbus, bevor er eine Ausbildung zum Volksrichter begann. Doch er fuhr alles vor die Wand. Schuld war der Alkohol. Nachdem ihn die Generalstaatsanwaltschaft herausgeworfen hat, blieben ihm nur noch das Anwaltskollegium und Spitzeleien für das MfS, das ihn als Geheimen Informator „Richter“ führt. Bei Pflichtverteidigungen gebe er sich keine besondere Mühe, notiert sein Führungsoffizier und attestiert ihm zugleich unterdurchschnittliche juristische Kenntnisse. Also genau der richtige Mann, um die drei Staatsfeinde zu verteidigen.

15 Jahre Zuchthaus

Heute lebt Olga Raue in Westdeutschland. Sie wurde damals im Frankfurter Bezirksgericht von Oberrichter Walter Ziegler nach einem feurigen Plädoyer von Staatsanwalt Klühsendorf zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Ihre Erinnerungen an die Gerichtsverhandlung sind blass. Sie saßen in einem holzgetäfelten Saal, erinnert sie sich: „Heinz und Gerd waren ganz schmal und blass. Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt.“ Gerd war damals fest davon überzeugt, zum Tode verurteilt zu werden. Klühsendorf persönlich hatte es ihm kurz nach seiner Ankunft im Untersuchungsgefängnis angedroht. Neben Oberrichter Ziegler, dem Staatsanwalt, dem auch diesmal wieder elegant gekleideten Pflichtverteidiger, den beiden Schöffen, einer Justizangestellten, die als Schriftführerin fungierte, waren nur noch zwei Offiziere der Untersuchungsabteilung des MfS aus Ostberlin im Gerichtssaal anwesend. Niemand von ihnen durfte jemals ein Wort über die geheime Verhandlung verlieren.

Olga Raue zeigte sich reuig, belastete ihren Ehemann und wurde deshalb „nur“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die beiden Raue-Brüder hingegen sollten den Rest ihres Lebens im Zuchthaus verbringen, verkündete Oberrichter Ziegler. „Ich war so aufgeregt damals, dass ich mein Strafmaß gar nicht mitbekommen habe. Gerd hat es mir gesagt, als wir aus dem Gerichtssaal geführt wurden“, erinnert sich Olga Raue. Erst am 9. Dezember 1977 durfte sie legal in die alte Bundesrepublik ausreisen. Ein paar Monate zuvor, im Februar 1977, war Walter Ziegler nach einem Herzinfarkt überraschend verstorben. Nur ein paar Monate später folgte ihm Helmut Klühsendorf. Der unerbittliche Staatsanwalt ertrank im August 1977 beim Baden in der Oder.

Aber davon wusste Olga Raue nichts. Sie hat aus Frankfurt an der Oder erst wieder nach dem Mauerfall gehört. Da haben ihr Frankfurter Staatsanwälte ihre Haftentschädigung wieder aberkannt, weil sie nach ihrer Festnahme mit dem MfS kooperierte. Sie ist voller Bitterkeit, wenn sie daran denkt. Schließlich hatte ihr kein Geringerer als der damalige CIA-Chef von West-Berlin empfohlen, im Falle einer Festnahme genau das zu tun.

Der Autor, Politikwissenschaftler Prof. Stefan Appelius, hat jahrelang zum Spionagering Raue in den frühen Jahren des Kalten Krieges geforscht und dazu mehr als 30 Bände des Untersuchungsvorgangs „Raue“ im Stasi-Archiv ausgewertet. Daraus entstand das Sachbuch „Die Spionin: Olga Raue – CIA-Agentin im Kalten Krieg“, erschienen im Dezember 2018 im Rowohlt-Verlag. Heute Abend stellt Stefan Appelius in der Frankfurter Außenstelle des Stasi-Unterlagenarchivs, Fürstenwalder Poststraße 87, seine Recherchen und das Buch vor. Beginn ist um 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Vorher wird eine Bürgerberatung angeboten, im Anschluss eine Führung durch das Archiv.