„Die da drüben - Kleist und Konsorten“ sind die Kleist-Festtage in diesem Jahr in Frankfurt (Oder) überschrieben. „Drüben“, so nannten Ossis den Westen und um dieses „die und wir“ geht es - unter anderem - in der 30. Edition des elf-tägigen Festivals, die auch ins Jahr 30 nach der deutschen Einheit fallen.
So werden, unter anderem von Schauspieler Robert Stadlober, Texte von Stefan Heym auf der Bühne in Liedern performt, darunter die Rede vom „Aufstoßen der Fenster“, die der Schriftsteller bei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz hielt. Heym kritisierte die deutsche Wiedervereinigung und forderte schon Anfang der 90er die Gründung einer neuen Partei, die den Ostdeutschen eine Stimme gibt.
„Wenn die Leute sich nicht artikulieren können, dann werden sie Häuser anzünden. Und wenn man ihnen nicht eine demokratische Lösung anbieten kann, eine linke Lösung, dann werden sie nach rechts gehen, werden wieder dem Faschismus folgen“, schrieb Heym damals - in weiser Voraussicht heutiger ostdeutscher Realität. Am 3. Oktober ist Premiere.

Wie ein Weißer einen Berg in Afrika erfand

„Es geht darum, wie wir uns und die Anderen wahrnehmen“, sagt Florian Vogel, künstlerischer Leiter des Kleist Forums. Und die Ost-West-Konstellation ist bei weitem nicht die einzige, in der das Fremde und das Eigene, das Echte und das Erfundene reflektiert wird. Auch im bereits ausverkauften Stück zum Auftakt am Donnerstag „Ein Berg, viele“ von Magdalena Schrefel, die den Kleist-Förderpreis erhalten wird, geht es um Perspektiven und Perspektivwechsel.
Entsponnen werden sie anhand der wahren Geschichte eines englischen Geographen im 18. Jahrhundert, der im tiefsten Kolonialismus gerade Afrika kartiert. Weil er sich den Flusslauf des Niger nicht erklären kann – er fließt nämlich nicht nach Europa – erfindet der Geograf einfach den „Kong-Berg“, um den Verlauf plausibel zu machen. Rassismus wird auch im Hier und Jetzt verhandelt, so am Spielort Brückenplatz unweit des Kleist-Museums. In der alten Turnhalle machen derzeit Bauzäune und Gerüste unübersichtlich. Sie bilden das künstlerische Terrain für die Performance „Ducken, Verkriechen, Maul halten“, in der Frankfurter Migranten sich szenisch mit der Suche nach Heimat, und was sie dabei hindert, auseinandersetzen.

Dank Corona gibt es mehr Eigenproduktionen

Stolz sind Florian Vogel und seine Kollegin Anette Handke vom Kleist-Museum auf die Vielzahl von Eigenproduktionen, nämlich „mehr als das Festival je gesehen hat“. „Eins unserer besten Programme, die wir je hatten“, findet Vogel. Ein Grund dafür ist die Pandemie, die es mit ihren Abstandsgeboten schwer machte überhaupt größere Theater-Produktionen vorzubereiten. „Die Schauspieler hatten durch Corona einfach mehr Zeit. Und wir hatten so die Möglichkeit, seit langem mal wieder Kleist selbst herzustellen“, sagt Florian Vogel. Die Rede ist von Heinrich von Kleists Tragikkomödie „Amphytrion“, die in Ruhe einstudiert werden konnte, weil drei der Beteiligten, darunter die beiden Darstellenden Catherine Stoyan und Christian Schmidt, eine Infektionsgemeinschaft bilden. Die Premiere ist am 10. Oktober auf der Studiobühne.

Früher waren die Festtage akademisch, heute publikumswirksam

Die ersten Kleist-Festtage fanden 1991 statt, damals noch eine stärker literaturwissenschaftlich geprägte Veranstaltung, in deren Mittelpunkt die Kleist-Konferenz stand. Damals habe man sich gefreut, dass man nach dem Fall der Mauer erstmals Kleistforschende auch aus Westdeutschland einladen konnte, sagt Anette Handke. In den 30 Jahren des Bestehens wandelten sich die Kleist-Festtage vom Akademikertreff zu einem publikumswirksamen Festival, aus dem Konferenzen zu Kleist ausgegliedert wurden.

Die Kleist-Festtage 2020


Die Kleist-Festtage „Die da drüben – Kleist und Konsorten“ finden vom 1. bis 11. Oktober statt. Veranstaltungsorte sind Kleist Forum, Kleist-Museum, Brückenplatz und St- Gertraud-Kirche. Eröffnung ist am Donnerstag um 18.30 Uhr im Kleist Forum mit der Verleihung des Kleist-Förderpreises an die aus Wien stammende Dramatikerin Magdalena Schrefel. Info und Karten: www.kleistfesttage.de