Das Internet rastet aus, könnte man sagen – zumindest der Teil, der sich für Vögel interessiert: Viele Ornithologen und „Birder“ tauschen sich online über einen sensationellen Fund aus Frankfurt (Oder) aus. Sie reisen in die Stadt, um einen ganz besonderen und vor allem besonders seltenen Vogel zu fotografieren und seine Aktivität zu dokumentieren.
Denn ein Blutspecht wurde in der Nähe des Kleistparkes in Frankfurt (Oder) gesichtet. Und das ist eben eine Sensation in diesem Kreise der Vogelliebhaber. Denn vorher wurde der Blutspecht erst zweimal in Deutschland nachgewiesen – in Brandenburg bisher noch gar nicht.
Aber von vorn: Emil Jantke, 17 Jahre alt, bereitet sich am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Frankfurt (Oder) gerade auf sein Abitur vor. Für Biologie interessiert er sich sowieso, für Insekten, für Fische und seit seiner Seminararbeit in der Schule über heimische Zugvögel auch für Vogelkunde, erzählt seine Mutter, die der MOZ die Entdeckung mitgeteilt hat.
Vor einer Woche, am 30. November, erzählt Emil, ging er mit dem Hund Gassi und hörte in der Friedrich-Hegel-Straße den Ruf eines Vogels. Er fand, „dass dieser sich etwas anders anhört, als der der Buntspechte, die man sonst häufig in der Stadt findet“. Er verglich die Rufe mit Aufnahmen im Internet und kam zu dem Verdacht, dass es sich bei dem Vogel um einen Blutspecht handeln könnte.

Blutspecht sieht dem Buntspecht zum Verwechseln ähnlich

Seine eigenen Audioaufnahmen und Bilder meldete der 17-Jährige auf dem Portal ornitho.de unter „sehr seltene“. „Darauf hat mich ein Experte kontaktiert und mir gesagt, nach welchen Merkmalen ich Ausschau halten muss, damit der Vogel wirklich als Blutspecht bestimmt werden kann“, erzählt Emil Jantke weiter. Also machte sich der Schüler nochmals auf die Suche, fand den Vogel wieder in der Straße und fotografierte die entsprechenden Merkmale.
Das sind unter anderem Besonderheiten an Kopf und Schnabel, denn auf den ersten Blick – vor allem für Laien – sieht der Blutspecht dem Buntspecht zum Verwechseln ähnlich. Das schwarze Band zwischen Nacken und Wange kommt zwar beim Bunt-, nicht aber beim Blutspecht vor. Die roten Federn sind beim Blutspecht außerdem heller – und so weiter.

Vogelbeobachter aus ganz Deutschland kommen nach Frankfurt (Oder)

Emil Jantke betont, dass es sich bei der Vogelsichtung um den ersten Nachweis in Brandenburg und den dritten in ganz Deutschland handelt. „Aufgrund der Seltenheit sind an den folgenden Tagen und besonders am Wochenende viele Ornithologen und Birder (also Vogelbeobachter) aus der Region, aber teilweise auch von weiter weg, angereist, um den seltenen Vogel zu beobachten“, beschreibt er.
Dieser Blutspecht wurde in Frankfurt (Oder) gesichtet.
Dieser Blutspecht wurde in Frankfurt (Oder) gesichtet.
© Foto: Steve Klasan
Und in der Tat, schaut man sich nur einmal die Namen der Fotografen an, die Bilder des Tieres auf ornitho.de hinterlassen haben oder dort als „Mitbeobachter“ geführt werden, zählt man allein seit Samstag (3.12.) mindestens 18 Personen, darunter: ein Wildnis-Fotograf, der eigentlich Entwickler ist, ein Pastor aus Berlin, ein Biologe aus Bielefeld, ein Unternehmer aus Baden-Württemberg, ein Ingenieur aus Hamburg. Emils Mutter Anja Jantke spricht sogar von Vogelbeobachtern aus Cuxhaven und vom Bodensee, die in den vergangenen Tagen nach Frankfurt kamen.

Emil Jantke wird seinen Fund an eine Expertenkommission melden

Sie beobachteten ihn beim Fressen von Haselnüssen, in einer Kleingartenanlage, in der Luisenstraße, auf einer Fichte, in der Ludwig-Feuerbach-Straße, an einem Walnussbaum. „Großartige Entdeckung, danke!“, schreibt jemand, ein anderer gratuliert Emil, viele danken ihm für die Entdeckung. Sie beschreiben den Vogel als sehr agil und „ruffreudig“.
Es gibt auch Audioaufnahmen seines Rufes. Der ist für zwei Beobachter der Knackpunkt: Sie finden, dass er zwar meistens klingt wie ein Blutspecht. Zwischendurch höre man aber auch einen buntspechtänlichen Ruf. Steve Klasan aus Potsdam, der Emil Jantke nach seiner Entdeckung direkt anschrieb, und andere Vogelexperten haben dem 17-Jährigen allerdings vor Ort bestätigt, dass es sich um einen Blutspecht handelt, nicht um einen Hybrid (er kann sich auch mit Buntspechten fortpflanzen). Emil Jantke wird in jedem Fall noch eine Meldung bei der DAK machen: Die „Deutsche Avifaunistische Kommission“ sammelt und prüft Beobachtungen sehr seltener Vogelarten.
Vielleicht kommen auch noch weitere Beobachter nach Frankfurt. Wie Steve Klasan erklärt, sind Blutspechte in der Regel „recht standorttreu über den Winter, wenn es weiterhin Nahrung gibt und kein Kälteeinbruch kommt“.