Transvocale
: Die Mauern sind gefallen, der Jazz ist ausgewandert

Lokale Künstler eröffneten die musikalische Grenzüberschreitung mit Tamara Danz und Jacek Kaczmarski.
Von
Silvia Fichtner
Frankfurt/Slubice
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  • Im Kleist Forum: Polens dreißiger Jahre im Punk. Mit Banjo, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug bringt die Band "Hanba!" das Publikum vom ersten Lied an zum Tanzen.

    Im Kleist Forum: Polens dreißiger Jahre im Punk. Mit Banjo, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug bringt die Band "Hanba!" das Publikum vom ersten Lied an zum Tanzen.

    René Matschkowiak
  • Im Smok: Die Band Trupięgi (dt: Leichenschuhe) baut eine düstere, vergeistigte Stimmung auf, auch wenn manchmal gelacht wird.

    Im Smok: Die Band Trupięgi (dt: Leichenschuhe) baut eine düstere, vergeistigte Stimmung auf, auch wenn manchmal gelacht wird.

    René Matschkowiak
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Die Seeräuberjenny von heute, Sandra Kreisler, wiegt uns nicht lange in Sicherheit und hat das Fenster zur Welt, das wir so gerne verriegelt halten würden, brachial aufgestoßen. Die brillante Wortjongleuse lässt Lieder hinein – ausgewählt  für die 16. Transvocale „nach der Frage, ob das Lied aus mir und mit mir sprechen kann und nicht nach dem Namen des Autors“, sagt sie. Und so sind auch knallharte Texte des anarchistischen Wortkünstlers Georg Kreisler (1922—2011) darunter, den sie aus ahnungsvollen Gründen niemals Vater nennt; Texte, die gerade der heutigen Zeit abgelauscht scheinen. Denn: „Meine Freiheit, Deine Freiheit“ — das muss ja schon noch ein Unterschied bleiben, oder? Mut zur Haltung! Mut zum Einreißen von Mauern! Sandra Kreislers künstlerische Hoffnung verschmilzt mit dem Motto der diesjährigen Transvocale: „A mury runa — Und die Mauern werden fallen!“

Reminiszenzen an Silly und Scat

Diese Absicht klingt auch von der Bühne zur Eröffnung der 16. Transvocale in den voll besetzten Saal des Kleist Forums hinein: Junge Künstler aus der Region links und rechts der Oder spiegeln in Musik, Tanz, Rezitation, Fotografie auf ihre Art die Zeit des Mauerfalls und der ersten teilweise freien Wahlen in Polen. Ein Sinnbild im Sinnbild: Wojciech Jaruzelski, der 1981 das Kriegsrecht über Polen verhängte und bis 1990 das Staatsoberhaupt des Nachbarlandes war, blickt missmutig von der Leinwand auf die da unten, und Erich Honecker versucht den sich anbahnenden Zusammenbruch des Systems, ein paar Fotos später, noch wegzulächeln: „Mitten in der City/ zwischen Staub und Straßenlärm/ wächst ne grüne Beule aus dem Stadtgedärm./ Dort hängen wir zum Weekend die Lungen in den Wind/ bis ihre schlappen Flügel so richtig durchgelüftet sind.“ Heike Matzer holt mit diesem Silly–Song Tamara Danz zurück ins Leben. Und die freiheitsliebenden Lieder des polnischen Sängers Tomasz Hoffman behaupten sich verstehbar deutlich im lauten Feiern der Musik. Die stehenden Ovationen von Deutschen und Polen kennen keine (Sprach)Barrieren mehr.

Auch der Transvocale–Freitag bringt eine Erkenntnis ans Licht: Der Jazz ist ausgewandert! Aus den Südstaaten US–Amerikas nach Polen! Urszula Dudziak, die 76–jährige Spezialistin des Scat–Gesangs, des improvisierten Silbensingens auf Musik,  ist ein klingendes Kaleidoskop, eine viereinhalb Oktaven–Fluterin, eine passionierte Silben–Rapperin. Auch, wenn Louis Armstrong behauptete, er habe 1926 den Scat–Gesang in der Not erfunden als er eine Schallplatte aufnahm und sein Notenblatt mit dem Text auf den Boden fiel, deshalb habe er einfach Silben weitergesungen – Urszula Dudziak hat dem Scat der von ihr zeitlebens bewunderten, weltberühmten US–amerikanischen Kollegen eine neue Nuance verpasst, sie hat ihn elektronifiziert. Herzerwärmend, strahlend, ansteckend: Urszula Dudziak.

Ihre drei Jahrzehnte jüngere Kollegin Anna Maria Jopek, die in Polen gleichfalls ein Jazz–Idol ist, kam mit Musikern an die Oder, die das Herz sofort schneller schlagen lassen. Jopek, längst mit internationalem Lorbeer bekränzt, präsentiert mit ihnen eine ganz eigene Art von Jazz  – mit einem Hauch von Psychedelik und imaginärer Folklore. So noch nie gehört.

Diese Transvocale funkelte farbenreich: Musik wehte aus Afrika, dem Nahen Osten, vom Balkan, aus den kanadischen Weiten herüber. Im SMOK musizieren zum Abschluss Madrugada mit Flamenco gegen die zu später Stunde wohl abgeregelte Heizung an, und gegen Mitternacht will das Publikum im Kleist Forum das estnische Duo Puuluup nicht mehr von der Bühne lassen. Mit Händen und Füßen lechzt es nach Zugaben von Ramo Teder und Marko Veisson, hingerissen von dieser  musikalischen Perfektion des Absurden, der verbalen Verwegenheit, die man nur erahnt ob der wahnwitzigen Erklärungsversuche der beiden. Puuluup sind  das „Liebesleben der Windräder“, der „Angezündete Schnee“, die „Zombies, die den Kapitalismus in Schönheit ins Grab bringen“. Fragen Sie nicht! Besorgen Sie sich die Debüt–CD oder bemühen Sie YouTube! Puuluup und die Talharpa, eine wundersame Streichleier, sind die schönste Bekanntschaft der 16. Transvocale, deren Resumé bruchstückhaft bleiben muss.