Triebwagenführer: Mit 50 zum Traumberuf aus Kindertagen

Noch mal was Neues lernen: Heiko Gromball (l.) gehört zu den elf Teilnehmern einer neuen Qualifizierung für Triebwagenführer in Frankfurt (Oder).
Ina Matthes/MOZSie fangen noch mal was Neues an: Elf Männer haben am Montag in Frankfurt eine Ausbildung zum Triebwagenführer gestartet. Ihnen winkt ein guter Verdienst, aber auch ein Job, der keine normale Arbeitswoche kennt.
Steven Hoyer ist gerade zwischen Peitz und Stralsund unterwegs. Er fährt mit seinem Güterzug Gips aus Jänschwalde zum Hafen. Der Frankfurter ist seit über einem Jahr Triebwagenführer. Er hat diesen Beruf in einer knapp einjährigen Qualifizierung 2017/18 in Frankfurt (Oder) erlernt. „Ich wurde danach sofort übernommen“, sagt Hoyer. Er fährt für das Bahnunternehmen HSL Logistik aus Hamburg, dessen Tochter, die HSL Akademie, Hoyer ausgebildet hat. Gelernt hat der 34–Jährige ursprünglich Elektroinstallateur. Weil der Verdienst nicht gut war, arbeitete er aber dann in anderen Jobs, unter anderem der Solarindustrie. Die Umschulung zum Triebwagenführer ist anspruchsvoll, erzählt er. „Man muss viel lernen. Geschenkt kriegt man das nicht.“
Hoyer gehörte zum ersten Jahrgang, der die Ausbildung absolviert hat. Am Montag ist in Frankfurt (Oder) der zweite Kurs gestartet. Elf Männer, junge und ältere, sitzen in den Schulbänken. „Ich wollte noch mal was Neues machen“, sagt Heiko Gromball. Der 50–Jährige stammt aus Seelow, hat ursprünglich Installateur gelernt, dann lange Zeit bei Bremen gelebt und ist dort Taxi gefahren. Dann zog er zurück in den Osten, musste sich beruflich neu orientieren. Lokführer, sagt er, das war auch für ihn ein Traumberuf aus der Kinderzeit. Elfeinhalb Monate wird es dauern, bis Gromball Züge steuern darf.
„Wir bilden Sie aus, weil wir Sie brauchen“, sagt David Rehr. Er ist selbst ausgebildeter Triebwagenführer und stellvertretender Leiter der HSL Akademie. Deren Mutter, HSL Logistik, beschäftigt derzeit etwa 120 Triebwagenführer. Das Unternehmen transportiert deutschlandweit und international Güter auf der Schiene. Der größte Teil der Fracht ist Gefahrgut – von Kerosin über Diesel bis zu Heizöl. Neue Leute werden gebraucht, weil Personal in Rente geht und HSL weiter wächst. Den Kurs durchzuhalten, lohnt sich, sagt Rehr: Der Nettoverdienst liege mit Schichtzulagen und Sonn– sowie Feiertagszuschlägen zwischen 2500 und 3000 Euro. Hinzu komme eine Bahncard 100 und 28 Urlaubstage. Für jeden, der besteht, gibt es ein Übernahmeangebot von HSL ab Juni 2020 in eine unbefristete Stelle Auch Teilzeitarbeit bietet das Unternehmen an. Allerdings: Wer Züge fahren will, der muss auf eine reguläre Arbeitswoche verzichten. Schichten, Sonn– und Feiertagsarbeit gehören zum Beruf.
Der Frankfurter Lehrgang startet erst einmal mit der Theorie. Zunächst vermittelt Ausbilder Philipp Großmann Grundlagen. Da heißt es unter anderem, „Bahndeutsch“ zu lernen und Richtlinien zu verstehen. Wer das erste Vierteljahr durchzieht, hat schon mal einen Abschluss als Rangierbegleiter in der Tasche. Damit könnte er bei der Bahn arbeiten, selbst wenn er die Prüfung als Triebwagenführer nicht besteht. Im praktischen Teil der Ausbildung werden die Kursteilnehmer mit ALF mitfahren – das ist das Kürzel für die Lehrtriebwagenführer. Wer alle Prüfungen besteht, bekommt einen Führerschein, mit dem er europaweit Züge fahren darf, Güterzüge, aber auch Personenzüge. Güterzüge zu fahren sei „anspruchsvoll“, sagt Großmann. Der gelernte Bankkaufmann und Triebwagenführer ist selbst für Bahnunternehmen in der Region gefahren. „Ein Güterzug wird anders gebremst als ein Personenzug“, erläutert er. Außerdem müssen sich die Triebwagenführer mit dem Transport von Gefahrgütern auskennen. Das ist Teil der Ausbildung.
Finanziert wird diese hauptsächlich über die Agentur für Arbeit beziehungsweise das Jobcenter Frankfurt (Oder). Die Unterstützung gibt es für arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen, die dafür körperlich und psychisch geeignet sind. Auch Rententräger finanzieren die Umschulung.
Mit dem ersten Kurs in Frankfurt (Oder) 2017/18 ist David Rehr von der HSL Akademie zufrieden. Fast alle haben bestanden. Rund 80 Prozent der Absolventen arbeiten inzwischen bei HSL. Sie können sich aber auch bei anderen Unternehmen bewerben. Die Resonanz auf das Angebot sei gut, meint Rehr. Es werde auch einen dritten Kurs in Frankfurt (Oder) geben, stellt er in Aussicht.
„Ich bin richtig gut zufrieden“, sagt auch Steven Hoyer, der Teilnehmer aus dem ersten Lehrgang. Dass er nicht jeden Tag zu Hause ist und oft nachts arbeitet, das nimmt er in Kauf. „Das Fahren macht Spaß.“
Auch Heiko Gromball stört der Schichtdienst nicht. Seine Frau arbeite selbst in Schichten, sagt er. Und die Kinder seien inzwischen aus dem Haus.