Unglück in Slubice (Polen)
: Als bei einem Schulausflug eine Granate explodierte

1975 spielte sich in Slubice (Polen) bei einem Schulausflug eine Tragödie ab. Ein Überlebender von damals erinnert sich an den dramatischen Tag vor 50 Jahren, der die Menschen bis heute bewegt.
Von
Marlena Dumin
Słubice
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Beerdigung eines Todesopfers: Bei einem Schulausflug in Słubice (Polen) kam es in 1975 zur Explosion einer Granate, bei der vier Personen ums Leben kamen.

Privatarchiv Zygmunt Waszak
  • 1975 explodierte eine Granate bei einem Schulausflug in Słubice und tötete vier Menschen.
  • Zygmunt Waszak erinnert sich an das Unglück, das ihn und 14 weitere schwer verletzte.
  • Eine Gedenktafel erinnert an die Tragödie, die die Stadt bis heute bewegt.
  • Untersuchungen ergaben, dass der Soldat die scharfe Granate für eine Übungsgranate hielt.
  • Zum 50. Jahrestag versammelten sich Überlebende und Angehörige.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Den 30. April 1975 wird Zygmunt Waszak, 65 Jahre alt, nie vergessen. Mit seiner Klasse aus der Grundschule Nr.1 war ein Schulausflug in die Kaserne in Slubice geplant. Freunde wollten ihn noch überreden, nicht mitzugehen, erinnert er sich. „Sie haben mich gedrängt, zu schwänzen, aber ich freute mich auf den Ausflug. Also gingen wir los“, erzählt Zygmunt Waszak.

Der Ausflug endete mit einem der schlimmsten Unglücke in der Geschichte der Nachbarstadt von Frankfurt (Oder). Bei der Explosion einer Granate vor 50 Jahren kamen vier Menschen ums Leben – zwei Soldaten, eine Lehrerin und ein Schüler. 14 weitere Personen wurde schwer verletzt.

Erinnerungen eines Augenzeugen, der schwer verletzt wurde

Wie sehr die Tragödie die Słubicer bis heute bewegt, ließ sich vor wenigen Tagen zum 50. Jahrestag beobachten. An der Gedenktafel am damaligen Unglücksortes, heute der Hof eines Studentenwohnheims, versammelten sich Dutzende Bewohner, Angehörige und Zeitzeugen. Es war sehr emotional. Auf der Tafel steht geschrieben: „Es gibt Wunden, die die Zeit nicht heilt.“

Eine Lehrerin, die die Explosion miterlebte, kann das bestätigen. „Wir fuhren zur Leichenhalle. Ich sah die Auswirkungen dieses Dramas. Es verfolgt mich nachts in meinen Träumen.“

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Der zweite von links neben der Fahne ist Zygmunt Waszak, der damals vier Meter vom Granatenexplosion entfernt stand. Am 30. April 2025, zum 50. Jahrestag der Tragödie, versammelten sich Schüler, die diesen Tag überlebt haben, sowie die Familien der Opfer.

Marlena Dumin

Zygmunt Waszak entkam damals nur knapp dem Tod. Er und seine Mitschüler gingen an diesem Tag gegen 11 Uhr in den Fuhrpark der Kaserne, um sich eine Vorführung anzuschauen. Mit dabei war Lehrerin Zuzanna Buzun, „die als Ersatz für eine andere Lehrerin an dem Ausflug teilnahm“, berichtet Waszak. Die Soldaten hätten den Schülern im Hof militärische Ausrüstungsgegenstände gezeigt.

„Es gab Tische mit Militärexponaten darauf“, weiß Zygmunt Waszak noch. Ein Fähnrich, er hieß Eugeniusz Wielechowski, habe eine Granate in die Hand genommen, „grün, mit einem weißen Streifen bemalt“, dann habe er zu den Schülern gesagt: „Habt keine Angst, das ist eine Übungsgranate.“ Überzeugt, dass alles ungefährlich sei, zog der Fähnrich am Zünder. Es zischte.

Von der Zündung bis zur Explosion vergingen vier Sekunden

Die Granate war scharf. Von der Zündung bis zur Explosion vergingen rund vier Sekunden. Auf dem Platz waren zu dem Zeitpunkt mehrere Klassen. „Der Fähnrich erkannte die Situation, schaute nach rechts und links, und drückte die Granate an seinen Bauch…“ Dann folgte die Explosion. Zygmunt Waszak erinnert sich an „Geschrei und Quietschen. Wir wussten nicht, was los war.“

Die Granate hatte einen Wirkungsradius von 200 bis 300 Metern. Zygmunt Waszak stand nur ein paar Meter vom Explosionsort entfernt. „Ich kniete nieder. Blut strömte aus meinem Kopf. Ein Freund half mir auf und brachte mich zum Auto“, erzählt er weiter. Dort hätten ein Leutnant sowie ein Schulfreund von ihm, der direkt neben ihm stand, leblos gelegen. „Die Granate traf sein Herz.“

Auch Zygmunt Waszak verlor das Bewusstsein. Er sei sich sicher gewesen, dass er bald sterben würde. „Ich verabschiedete mich von der Welt“, sagt er.

Doch er kam ins Krankenhaus, die Ärzte retteten sein Leben. Aber bis heute trage er Granatsplitter im Körper. Und die Erinnerung an die schreckliche Tragödie.

Wer hatte Schuld an der Tragödie in Slubice?

In der lokalen Presse wurde einer der Soldaten später als Held bezeichnet, weil er die Munition mit seinem Körper abgedeckt haben und damit mutmaßlich „das Leben vieler weiterer Menschen rettete, die sich in der Nähe der Explosion befanden“. Zygmunt Waszak kann das laut seiner Erinnerung nicht bestätigen. Genau rekonstruieren lässt sich das Unglück ohnehin heute nicht mehr.

Zugleich gab es auch Vorwürfe und Spekulationen, ob der Fähnrich den Unfall nicht habe verhindern können, wenn er die Granate beispielsweise einfach in Richtung der nahegelegenen Garagen geworfen hätte.

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Zeitungsberichte über die Granatenexplosion bei einem Schulausflug in Słubice, aufbewahrt von Zygmunt Waszak.

Marlena Dumin

„Er konnte nicht“, meint Zygmunt Waszak. „Auf dem gesamten Gelände waren viele Kinder, er hatte keinen Platz, um die Granate zu werfen.“

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Breslau wurden eingestellt

Die Staatsanwaltschaft in Breslau (Wroclaw) leitete damals eine Untersuchung gegen den verstorbenen Eugeniusz Wielochowski ein, weil er „unbeabsichtigt eine lebensbedrohliche Situation herbeigeführt hatte“. Doch das Verfahren wurde bald eingestellt. Es wurde festgestellt, dass der Soldat nicht davon ausgehen konnte, dass von der Granate eine Gefahr ausgeht.

Die Granate, die an diesem Tag auf dem Übungstisch lag, hatte einen weißen Streifen – eigentlich das Zeichen dafür, dass es sich um eine Übungsgranate handelt. Es sei bis heute nicht zu erklären, dass es sich doch um scharfe Munition handelte, so der 65-Jährige. „Die Schuld am Vorfall wurde auf den Munitionslagerarbeiter abgewälzt, der die Granate ausgegeben hatte.“ Er soll eine Weile im Gefängnis gesessen haben, erinnern sich Zeitzeugen.