Vereinsleben
: Dieter Schulz, Betreuer des 1. FC Frankfurt, wird 70 Jahre alt

Es ist Betreuer der Brandenburgliga-Fußballer, hat sein halbes Leben im Stadion der Freundschaft zugebracht. Jetzt wird Dieter Schulz 70.
Von
Hans Eberhard
Frankfurt
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Der kleine Mann mit der großen Kühlbox: Mannschaftsetreuer Dieter Schulz

MICHAEL BENK

In der Altersklasse 11/12 wurde Reinoga im Wendejahr 1989 DDR-Vizemeister in der Halle. „Das war ein toller Jahrgang unter anderem mit Torwart Gunnar Berntsen, Björn Keller und Stefan Reich“, schwärmt der damalige Trainer Mathias König. „Sieben oder gar acht dieser Schüler schafften später auch fast problemlos den Sprung in die Männermannschaft“, erinnert sich der heutige Jugendleiter.

Beim Enkel stellte man bald einen „Scheuermann“ fest. DieRückenprobleme beendeten zu schnell die Fußballerkarriere des späteren Berufssoldaten, der heute in Manschnow lebt. Dieter Schulz aber blieb bei der Stange, wie man so sagt. Er entwickelte sich zum nicht mehr wegzudenkenden Ehrenamtler bei den FCV-Nachfolgern FFC Viktoria und 1. FCF. Der kleine Mann mit der großen Kühlbox an der Hand ist Betreuer, Zeugwart und „halber“ Masseur. Sein Engagement reicht vom Kabinenreinigen über Teezubereiten bis zum Putzen der Töppen. Drei- bis viermal in der Woche ist er beim Training dabei und natürlich bei den Pflichtspielen der Ersten in der Brandenburgliga auf Achse. Wenn er gebraucht wird, ist er zur Stelle.

Und er wird gebraucht. „Das ist ein gutes Gefühl“, betont der Oderstädter. „Schulle“, wie ihn die Fußballer nennen, ist also täglich im Stadion, bei Wind und Wetter. „Ja, das ist mein zweites Zuhause.“ Umso mehr vermisste er es monatelang. „Eine ruhige Zeit, zu ruhig, richtig langweilig“, seufzt er. „Mir hat was gefehlt.“

Der Jubilar lebt für den Verein, und der Verein lebt von ihm. Und das schon seit 35 Jahren. Und doch, ein Sonntagskind ist er nicht: arbeitslos nach der Wende, Hartz-IV-Empfänger, „zwangsverrentet“ mit 63. Das leicht gewellte Haar ist längst ergraut.

Die langen Haare als Statement

Ach ja, die Haare … Dieter Schulz trug sie in seiner Jugendzeit lang, zu lang für das Verständnis der DDR-Oberen. FDJ-Trupps machten Ende der 1960-er Jahre mit der Schere vielerorts regelrecht Jagd auf die „westlich dekadenten“ Langhaarigen. „Ich wollte mich aber nicht verbiegen lassen, mich nicht dem unsinnigen Druck beugen. Ich wollte meine Mähne behalten und nicht wie zu späteren Armeezeiten kürzen.“ Also hatte er es nach der Schule schwer. Zu Tanzveranstaltungen in der Stadthalle ließ man ihn nicht rein, auch bei der Arbeitssuche bekam er Ärger: als Friedhofsgärtner, dann auf dem Holzplatz Rosengarten, im Schlachthof. Erst im Mischfutterwerk an der Goethe-Straße störte man sich nicht an seinen Haaren. Man brauchte junge Kerle, die zupacken konnten.

Aber der Knochenjob hat Spuren hinterlassen. Zentnersäcke mit Erdnussabfällen, Mineralstoffen und Milchpulver musste Schulz schleppen, 23 Jahre lang. „Das ging auf die Knochen, auf die linke Hüfte und das Bein.“ Sprints um die Aschenbahn zu verletzten Spielern kann er nicht mehr machen. Aber er kümmert sich mit Eisbeuteln und guten Worten. Und stützt die Angeschlagenen – selbst ein wenig hinkend – beim humpelnden Abgang vom Rasen.

An eine Hüft-OP denkt der Frankfurter schon lange nicht mehr. Sein gesundheitliches Handicap nimmt er gelassen. „So lange es geht, mache ich weiter. Ich hatte als Arbeitsloser und habe jetzt als Rentner ja viel Zeit und hier eine sinnvolle Beschäftigung.“ Und das alles ohne große finanzielle Zuwendung zur mageren Rente. „Es gibt eine kleine Aufwandsentschädigung inklusive Fahrtkosten, sonst nichts. Jetzt in Corona-Zeiten nur die Hälfte, auch der Verein muss sparen. Aber ich meckere nicht, denn Fußball ist mein Leben.“

Extrawünsche gibt es nicht

Heißen Tee mit Zitrone mixt er im Winter. Ein kalter Sportdrink ist an Hitze-Tagen der Renner. Und natürlich Eis, viel Eis für die großen und kleinen Wehwehchen am Rande des Trainings- und Wettkampfplatzes. „Kleinere Massagen und Wundbehandlung hat man sich über die Jahre abgeschaut und angeeignet.“ Schulz ist zur Stelle – egal, ob Physiotherapeut Martin Müller (27)  dabei ist oder nicht. „Ich habe zu allen ein prima Verhältnis. Es macht  einfach Spaß, mit den Jungs zusammen zu arbeiten.“ Extra-Wünsche wie bei den Profis allerdings werden nicht erfüllt, stellt er klar. „Dafür fehlt das Geld. Tee und Eis werden aus der Mannschaftskasse bezahlt.“

„Schulle“ ist ein waschechter Frankfurter, hat im Stadion die DDR-Oberliga-Zeiten sowie die großen Europapokal-Auftritte des FC Vorwärts miterlebt, später Junioren-Länderspiele und große Konzerte. Und ist deshalb froh, dass nach Jahrzehnten des Verfalls mit dem Kunst- und dem neuen Kleinfeldrasen, mit dem neu gestalteten Weingärtner-Vorplatz und dem Tribünen-Sozialtrakt das Areal endlich wieder einen guten Eindruck hinterlässt – ausgenommen die Rundum-Traversen.

Ärger über unnötige Fouls

Und auf dem Platz? Natürlichärgert sich Schulz über unnötige Fouls im Mittelfeld und ver-passte Siege. „Da stellen sich unsere Jungs oft noch zu dumm an, weil sie einen Schritt zu spät dran sind“, erinnert er unter anderem an das 2:4 nach 2:0-Führung gegen Lichtenberg 47 in der letzten Oberliga-Saison. „Das war schlimm. Aber Oberliga-tauglich sind wir zur Zeit eben nicht.“ Das Wettern gegen Schiedsrichter-Entscheidungen hat er sich abgewöhnt. „Das sind doch auch nur Menschen mit Fehlern“, sagt er milde.

Übrigens, gefeiert wird auch der 70. Geburtstag am Sonnabend nicht groß. Dieter Schulz trinkt seit langem keinen Alkohol mehr, nicht mal ein Bier. „Ich muss täglich Tabletten nehmen, da verbietet sich das. Und anderen beim Feiern zuzuschauen ist nicht mein Ding. Nee, es geht auch ohne.“

Was andereüber den Jubilar sagen

Andre Wolff, Vizepräsident des1. FCF: Dieter ist meist als Erster da und macht als Letzter das Licht aus. Würde es Inventarnummern geben, bekäme er die goldene Eins.Mathias König, Jugendleiter: Von solchen Leuten, die nicht auf die Uhr und auf’s Geld schielen, lebt ein Verein heutzutage.Erik Huwe, Kapitän der Brandenburgliga-Mannschaft: Der Verein ohne Dieter? Undenkbar! Legendär seine Jugend-Geschichten mit den langen Haaren. Ein Mann für alles, der uns hoffentlich noch lange erhalten bleibt.⇥he