Sportliche Elemente, vor allem aus dem Judo und Ju Jutsu, finden sich im Selbstbehauptungskurs für schwerkranke Kinder und ihre Geschwister wieder. Das Angebot von Bundespolizei und dem Verein Kinderhilfe besteht seit vier Jahren. Dabei baut Judo-Trainer Gerald Haack mit seinen Kolleginnen auf einen großen Erfahrungsschatz.
In dunkelblauem Trainingsanzug des Polizeisportvereins, der fast einer Uniform ähnelt, steht Gerald Haack vor Miriam Köhler, fasst sie an ihrem langen braunen Haar und hält sie fest. Mit einer Drehung windet sich das Mädchen aus dem Griff und ist wieder frei. Gefahr abgewendet. Diese Technik, die wie ein Trick wirkt, ist eine von meheren Elementen aus der Judo-Selbstverteidigung. Gerald Haack, ziviler Mitarbeiter bei der Bundespolizei und Judo-Trainer mit jahrzehntelanger Erfahrung, baut diese Elemente immer wieder in den Selbstbehauptungskurs des Kinderhilfe e.V. ein.
Vor vier Jahren kam die Zusammenarbeit zwischen der Bundespolizei und dem Verein zustande. Inzwischen ist ein weiterer von etwa zwei Kursen im Jahr angelaufen – jeweils an vier Nachmittagen  für schwerkranke Kinder  und ihre Geschwister, die zumeist zwischen sechs und 12, 13 Jahre alt sind. Manchmal werden auch die Eltern einbezogen. „Die Kinder lieben diese sehr dynamischen Kurse abgöttisch“, weiß Anja Gumprecht, die die Frankfurter Kontakt- und Beratungsstelle des Vereins leitet. „Es ist spannend zu sehen, wie sie nach einer Weile viel selbstbewusster reagieren.“ Zudem würde sich in der Gruppe selbst auch ein intensiver Prozess vollziehen. Anja Gumprecht, deren eine Tochter an Leukämie erkrankt war, hat schon als Studentin gute Erfahrungen mit Selbstverteidigungskursen gemacht. Ein Grund, auf die Bundespolizei zuzugehen.
Gerald Haack, der in den Kursen von seinen Polizei-Kolleginnen Jeanette Streithoff und Ines Enke unterstützt wird, sagt: „Für mich war das auch Neuland. Aber vieles, was wir machen, kenne ich aus dem Judo-Training mit Kindern.“ Das sind vor allem koordinative Übungen, bei denen sich die Mädchen und Jungen konzentrieren müssen und die sie sonst nicht so oft machen, zum Beispiel auf einem Medizinball stehen und das Gleichgewicht halten. Oder sich auf einen Gymnastikball legen und mit so wenig Körperteilen wie möglich den Boden berühren. Dazu kommen die Judo-Techniken. Neben der Befreiung aus Umklammerungen übt Gerald Haack mit den älteren Kindern gern mal Abwehr gegen Schläge – das müssen auch Judoka mit grauem und blauem Gurt beherrschen. Dann wird noch der Spaß groß geschrieben wie bei Spielen mit dem Ball oder Luftballon.
„Die Übungen mit dem Medizinball mag ich am meisten, wenn wir da drauf stehen und in die Hocke gehen“, erzählt Julia Herrmann aus Frankfurt. „Und Verteidigung lernen wir auf ganz spielerische Weise“, erzählt die Zehnjährige, die seit drei Jahren dabei ist. Damit meint sie Übungen zum „Nein“-Sagen und jemanden-um-Hilfe-bitten, wenn Situationen bedrohlich werden. „In der Schule hat mal ein fremder Jungen meinen Bruder bedroht, der geistig behindert ist. Da habe ich gesagt: Stopp, sonst hole ich einen Lehrer. Der Junge ist gegangen“, erinnert sich Julia.
Wachsendes Selbstbewusstsein hat Valeria León bei ihrer sechsjährigen Tochter Valentina beobachtet. „Sie war beim ersten Mal ganz schüchtern und hat fast geweint. Beim letzten Mal hat sie sich schon gewehrt und verteidigt, als sie es sollte. Hier fühlt sie sich wohl und ich fühle mich auch sicherer“, beschreibt die Möbiskrugerin die Entwicklung ihrer Tochter, während Sohn Edward vor Selbstbewusstsein strotzt. Doch nicht nur Kinder profitieren von den Tipps. Ju-Jutsu-Kämpfer Heiko Pohl hat wertvolle Tipps für Rollstuhlfahrer vermittelt – die einer Mutter schon geholfen haben, als man sie berauben wollte.
Während die diesmal 16 Kinder aus der Region zu Beginn der neuen Kursreihe einiges vom vorherigen Mal wiederholt haben, kommt nach den Ferien Neues hinzu, in zwei altersspezifischen Gruppen. Und da sind alle schon gespannt drauf.