Viadrina-Programm: Fremde werden eine Familie

Lektürekurs auf dem Markendorfer Sofa: "Das fliegende Klassenzimmer" liest Kawori (Mitte) in leichter Sprachfassung auf Deutsch. Gudrun Scholz (l.) hat das Original aus dem Regal geholt. Werner Scholz hört zu.
Nancy WaldmannKawori ist noch nicht da, hat Sprachkurs, Stufe B1. Die Japanerin studiert Kulturwissenschaften. Der Kontakt zwischen den Scholzens und Kawori ist neu, zwei Mal erst haben sie sich getroffen. Beim letzten Besuch haben sie „Das fliegende Klassenzimmer“ gelesen, Kawori behandelt es im Kurs, es falle ihr noch schwer, sagt Gudrun Scholz.
Die gelernte Buchhändlerin unterstützt sie, quasi als lebendiges Wörterbuch. „Bei der ersten Begegnung mit Kawori war ich schon aufgeregt“, sagt Gudrun Scholz. Weil sie aus Japan komme. Scholz hat sich bei einem Bekannten erkundigt, der Japanologe ist, wie sie die junge Frau begrüßen solle. Nicht die Hand geben, nur verbeugen, riet der. „Aber Kawori war anders, wir haben uns gleich umarmt“, sagt die Frankfurterin.
Die drei Paten-Studentinnen vor Kawori stammten aus der Ukraine. Sie erklärten Scholzes, was sie von Russland unterscheidet. Als Kawori eintrifft, scheint es, als wäre sie schon oft da gewesen. „Sie behandeln mich wie die Enkelin“, sagt die Japanerin. Ihrem Auslandsjahr wollte Kawori im zweiten Semester Tiefe geben und meldete sich für eine Patenschaft. Im Umfeld der Uni spreche man Englisch, selbst ihre deutsche Mitbewohnerin.
20 Jahre ist das Programm „Fremde werden Freunde“ geworden. Die Idee hatte der BWL-Professor Stephan Kudert. 826 Patenschaften zwischen internationalen Studierenden und Frankfurtern kamen so zustande, sagt Koordinatorin Simone Brandt. In diesem Semester hat sie 36 Studierende in Patenschaften vermittelt, für drei suche sie noch. Es geht nicht um eine Unterkunft, sondern darum, Zeit zusammen zu verbringen. Gudrun Scholz las 2011 davon in der MOZ und meldete sich.
Die Welt im Wohnzimmer
Die Markendorferin reist nicht gern weit, aber sie mag es, wenn die Welt zu ihr kommt. „Mich interessieren die Menschen und ihre Lebensumstände“, sagt sie. Sie wollte eine Studentin. „Frauen haben es überall etwas schwerer und sollten zusammenhalten“, sagt Gudrun Scholz. Wie man die Patenschaft gestaltet, ist den Beteiligten überlassen. Im Hause Scholz ist es ein familiäres Modell.
Das Paar zeigt Fotos von Ausflügen mit den Paten: Potsdam, Dresden, Berlin. Sie haben sie mit ihren Söhnen und Enkelsöhnen in Greifswald bekannt gemacht. Haben sich um sie gekümmert, wenn sie krank waren. Ivanka, die toll zeichnen könne, hat beim Festival „Art an der Grenze“ ausgestellt. Iryna hat sich in ihren Tutor verliebt und eine Familie in Frankfurt gegründet. Und bei Alina waren sie sogar zuhause in Charkiw zu Besuch, sind selbst in die Rolle der „Fremden“ geschlüpft. Zu Weihnachten hat Familie Scholz erstmals alle Vier zu sich eingeladen. Eine Art Familienzusammenführung.
Wer sich für eine Patenschaft interessiert, kann sich online anmelden unter europa-uni.de/de/campus/hilfen/paten oder telefonisch bei Simone Brandt 0335 5534 2435.
