Indrarani Balmer studiert Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina und ist seit gut einem Jahr Referentin für Antirassismus im Allgemeinen Studentischen Ausschuss (AStA). Das Referat gibt es seit vier Jahren.

Indrarani Balmer, wie sieht Ihre Arbeit als Antirassismus-Referentin aus?

Mit den anderen Mitgliedern des AStAs nehmen wir Anträge von Studierenden entgegen, die Geld für ein Projekt bekommen wollen. Ich mache Sprechstunden für Studierende und bin Ansprechpartnerin, wenn man von Rassismus betroffen ist. Außerdem organisiere ich Veranstaltungen zum Thema Anti-Rassismus, etwa das bundesweit stattfindende „Festival contre le racisme“. Das Festival soll Rassismus thematisieren und People of Color und Schwarzen Menschen einen Raum geben, sich auszutauschen.

Warum ist es besser „People of Color“ zu sagen als „farbige Menschen“? Wenn man es direkt übersetzt, ist es ja dasselbe.

Der Unterschied ist, dass der Begriff „farbige Menschen“ eine von außen aufgezwungene Fremdbeschreibung darstellt und daher ein veralteter und stark negativ konnotierter Begriff ist. Der Begriff People of Color, kurz PoC, ist hingegen eine Selbstbezeichnung und soll eine Alternative zum früher – und immer noch bestehenden – Diskurs im Deutschen darstellen. Ich selbst sehe mich auch als PoC – als Kind einer Deutschen und eines Inders.

Mit welchen Problemen kommen Studierende zu Ihnen in die Sprechstunde?

Oft geht es um Sprache. Zum Beispiel, wenn das N-Wort genannt wird, um Schwarze Menschen zu bezeichnen – manchmal als Beleidigung oder manchmal, wenn es beschreibend und zu unkritisch gebraucht wird, in Seminaren über Kolonialgeschichte zum Beispiel. Manchmal gibt es einfach Klärungsbedarf, dass solche Sprache nicht nur nicht mehr zeitgemäß ist, sondern dass sie einfach falsch ist.

Was ist das N-Wort und warum ist der Begriff so verletzend, selbst wenn Leute sagen, sie meinten das nicht böse?

Es widerspricht mir, dieses Wort zu nennen, deshalb umschreibe ich es mal so: Es ist ein degradierendes Wort mit dem früher, und teils heute noch, Schwarze Menschen bezeichnet werden. Betrachtet man den Ursprung des Begriffs, erkennt man, dass das Wort auch verwendet wurde, um Schwarze Menschen zu entmenschlichen und somit den Rassismus und die Diskriminierung zu rechtfertigen. Der Begriff ist verletzend, da er auch heute oftmals noch als Beleidigung verwendet wird. Auf Grund seiner Geschichte ist die Nutzung des Begriffs nicht haltbar und sollte überhaupt nicht mehr verwendet werden – selbst wenn es nicht böse gemeint ist. Er ist politisch inkorrekt und wir müssen verlernen ihn zu benutzen.

Soll das Wort überhaupt nicht mehr ausgesprochen werden - auch nicht um darüber zu reflektieren, dass es rassistisch ist?

Ja, genau darum geht es. Das Wort sollte nicht mehr reproduziert werden und wenn nicht-Schwarze Menschen es dennoch thematisieren bzw. reflektieren wollen, sollten sie es als „N-Wort“ bezeichnen.

Wie kann man das ansprechen, wenn jemand rassistische Sprache benutzt?

Manchmal traut man sich als PoC nicht einzuschreiten oder zu sagen, dass es falsch ist, wenn rassistische Sprache verwendet wird. Man kann aber, auch als nicht-PoC lernen ein Verbündeter oder eine Verbündete zu sein und auf rassistische Sprache hinweisen, auch wenn man selbst nicht davon betroffen ist. Ist man in einer solchen Situation, sollte man die Person höflich darauf hinweisen, dass sie rassistische Sprache benutzt und dies in Zukunft unterlassen sollte. Sieht man sich in der Lage, die Hintergründe zu erklären, sollte man dies auch tun, um eine nachhaltige Veränderung voranzutreiben.

Wie oft berichten ihnen Studierende von rassistischen Erfahrungen in Frankfurt, außerhalb der Uni?

In meiner Funktion als AStA-Referentin kaum. Von solchen Anfeindungen bekomme ich aus privaten Gesprächen etwas mit, nicht in meiner Sprechstunde. Beispielsweise wurde eine Mitstudentin beleidigt, weil sie eine Kette mit einem Davidstern trug. Auch kam es vor, dass wir auf der Straße blöd angeschaut wurden, als ich mit einer Freundin unterwegs war, die einen Hijab trägt.

Haben Studierende, die nicht Weiß sind, Angst nach Frankfurt zu ziehen?

Ich denke, dass die Stadt für Schwarze Menschen und People of Color erstmal abschreckend wirkt. Frankfurt hängt noch der alte Ruf nach, ein Nährboden für Nazis zu sein. Und es gibt ja auch viele Menschen, die politisch rechtsaußen orientiert sind. Ich komme aus München und meine Freunde zuhause reagierten sehr skeptisch als ich zum Studium herzog, um Kulturwissenschaften zu studieren.

Ist das Thema Rassismus nach dem Umzug nach Frankfurt für Sie selbst wichtiger geworden?

Ja. Aber ich denke das liegt nicht nur an Frankfurt, sondern daran, dass ich älter geworden bin. Früher dachte ich, wenn ich von rassistischen Vorfällen erfuhr: ‚Oh, wie ungerecht.’ Jetzt bin ich etwas reflektierter und möchte das tiefer verstehen und durch Bildungsarbeit zu Aufklärung beitragen. Auch wenn es nur kleine Schritte sind. Am 18. November planen wir die Aufführung „Mittelmeermonologe“, eines dokumentarischen Theaterstücks, in der Kulturmanufaktur Gerstenberg - wenn Corona es zulässt.

Das N-Wort

Der Begriff, abgeleitet vom lateinischen „niger“ (schwarz), kam im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache und markiert Menschen aufgrund dunkler Hautfarbe. Zuerst benutzten ihn Spanier und Portugiesen für Menschen aus Afrika, die sie versklavt hatten. Im Deutschen wurde der Begriff ab dem 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Verbreitung von Rassentheorien gebräuchlich. Problematisiert wurde er dennoch lange nicht. Um sich von der Tradition abzugrenzen, wird das Wort hier nicht genannt.