Vor 75 Jahren
: Als Frankfurter SS-Männer in Sonnenburg ein Blutbad anrichteten

In Slonsk wurde am Nachmittag an das Massaker in Sonnenburg vor 75 Jahren erinnert. In der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 wurden in dem KZ 819 Häftlinge hingerichtet.
Von
Thomas Gutke
Frankfurt (Oder)
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  • Auch Hans Jörg Neumann, deutscher Generalkonsul in Breslau, gedachte der Opfer des KZ Sonnenburg.

    Auch Hans Jörg Neumann, deutscher Generalkonsul in Breslau, gedachte der Opfer des KZ Sonnenburg.

    Thomas Gutke
  • In der Gedenkstätte in Sonnenburg wurde am Freitag auch eine Wanderausstellung eröffnet, die die Rolle des Polizei im Dritten Reich beleuchtet.

    In der Gedenkstätte in Sonnenburg wurde am Freitag auch eine Wanderausstellung eröffnet, die die Rolle des Polizei im Dritten Reich beleuchtet.

    Thomas Gutke
  • Matthias Diefenbach zeigt auf die Stelle, an der sich das einstige "Arbeitserziehungslager Oderblick" befand. Die Mitreisenden einer von der Viadrina organisierten Studienfahrt nach Sonnenburg hatten zuvor auch in Swiecko (Schwetig) südlich von Słubice Halt gemacht.

    Matthias Diefenbach zeigt auf die Stelle, an der sich das einstige "Arbeitserziehungslager Oderblick" befand. Die Mitreisenden einer von der Viadrina organisierten Studienfahrt nach Sonnenburg hatten zuvor auch in Swiecko (Schwetig) südlich von Słubice Halt gemacht.

    Thomas Gutke
  • In der Gedenkstätte Sonnenburg wurde am Freitag an das Massaker vor 75 Jahren erinnert.

    In der Gedenkstätte Sonnenburg wurde am Freitag an das Massaker vor 75 Jahren erinnert.

    Thomas Gutke
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Die Hinrichtungen in dem nordöstlich von Frankfurt gelegenen Lager dauerten von 22 Uhr bis 3 Uhr morgens. Ermordet wurden vor allem Ausländer: Belgier, Tschechen, Franzosen, Niederländer, Jugoslawen, Luxemburger, Norweger aber auch Deutsche. Zwei Tage später erreichte die Rote Armee das Lager – die Soldaten standen vor Bergen von Leichen. Überlebt hatten nur wenige Häftlinge. An die Opfer des Massakers vor 75 Jahren wurde am Freitag an der Gedenkstätte im heutigen Słonsk mit einer großen Gedenkfeier erinnert.

Unter den vielen hochrangigen Gästen befand sich auch der Vizepremierminister Luxemburgs, François Bausch. Für den kleinen Beneluxstaat gehört Sonnenburg zu den bedeutendsten Erinnerungsorten im kollektiven Gedächtnis. Mindestens 90 Luxemburger fielen dem Massaker im Januar 1945 zum Opfer. Sie gehörten zu einer Gruppe von Zwangsrekrutierten, die sich nach der Besetzung des neutralen Luxemburgs im Mai 1940 geweigert hatten, Militärdienst bei den deutschen Streitkräften zu leisten. „Es ist eines der größten von den Nazis begangen Verbrechen an Luxemburgern“, betonte François Bausch, der sich sowohl bei regionalen Initiativen wie auch der polnischen Regierung für deren Engagement zum Erhalt des Gedenkortes bedankte.

Als Vertreter der deutschen Bundesregierung war Hans Jörg Neumann, Generalkonsul in Breslau, in Słonsk vor Ort. Er sprach von einem „besonders dunklen Kapitel über von Deutschen verübtes Unrecht, das sich hier in Sonnenburg abspielte“ und erinnerte zugleich auch an die Geschichte des NS-Konzentrationslagers, die bereits 1933 begann. Die ersten Opfer, die hier von den Nationalsozialisten inhaftiert wurden, „waren deutsche Bürger, die den Nationalsozialisten nicht genehm waren. Bald folgten Angehörige vieler anderer Nationen, die Deutschland überfallen hatte“, so Neumann. An das Leid zu erinnern, das Deutsche anderen Deutschen und vielen anderen Nationen in Sonnenburg angetan haben, „ist unsere Verantwortung, die niemals endet“.

Im Anschluss an das Gedenken eröffnete Neumann in den Räumen der Gedenkstätte die Wanderausstellung „Ordnung und Vernichtung“. Auf Schautafeln und anhand von Dokumenten wird darin die Rolle der Polizei im Holocaust beleuchtet.

Ebenfalls nach Słonsk gereist waren Schüler des Bernhardinums aus Fürstenwalde sowie eine Studiengruppe der Frankfurter Europa-Universität Viadrina. Letztere hatte zuvor bereits in Swiecko Halt gemacht. In dem einstigen Schwetig südlich von Słubice unterhielt die Frankfurter Gestapo das „Arbeitserziehungslager Oderblick“.

Bis 1942 war es eines von mehr als 30 Reichsautobahnlagern entlang der Trasse Frankfurt-Posen. Es blieb auch erhalten, als der Autobahnbau kriegsbedingt gestoppt wurde. Mehr als 10000 vor allem ausländische Zwangsarbeiter durchliefen das Lager – mindestens1000 von ihnen starben. Erst kürzlich wurden einige der Toten auf einem ehemaligen Dorffriedhof in Swiecko entdeckt.

Auch die Geschichte des „Arbeitserziehungslagers Oderblick“ endete vor 75 Jahren mit einem Massaker. Der Großteil der Lagerinsassen wurde am 30. Januar 1945 auf einen Todesmarsch nach Sachsenhausen und Buchenwald geschickt. Mehrere Dutzend Häftlinge, die nicht mehr laufen konnten, sperrte man in eine Baracke und zündete diese an. „Als die Rote Armee hier ankam, gab es niemanden mehr, den sie befreien konnte. Sie fanden nur verbrannte Baracken und verkohlte Leichen“, berichtete Matthias Diefenbach vom Institut für angewandte Geschichte. Er forscht seit Jahren zur Geschichte des Lagers Schwetig und der anderen Reichsautobahnlager.