"Der nächste Tag war ein Freitag", erinnert sich Totzauer noch genau. "Ich verabredete mich telefonisch mit einem anderen Frankfurter, dass wir gemeinsam nach Feierabend mit seinem Auto nach Berlin fahren." Am Nachmittag des 10. November überquerten beide den Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee zwischen Schönefeld und Rudow und betraten Westberlin aus südlicher Richtung. "Das Auto ließen wir auf DDR-Gebiet stehen", erzählt er. Es folgte ein kulinarisches Erlebnis: Nahe des Grenzübergangs habe in Westberlin ein Lkw gestanden, vor dem mehrere Leute warteten. Plötzlich flogen von der Ladefläche viele Packungen Konfekt in die wartende Menschenmenge.
Nach diesem Erlebnis ging es für Roland Totzauer und seinen Bekannten mit der U-Bahn bis nach Neukölln. Vor einer Sparkasse in der Karl-Marx Straße dann die nächste Menschenmasse: "Wir stellten uns an und nahmen kurz darauf 100 Westmark als Begrüßungsgeld entgegen", berichtet der Frankfurter. "Den restlichen Freitag und den Samstag verbrachte ich in Ost- und Westberlin."
Am Sonntag nach dem Mauerfall stiegen Totzauer und sein Bruder in die Westberliner S-Bahn, um bis Berlin-Wannsee zu fahren – zu der Zeit war das noch kostenlos, betont er. "Anfang November 1989 las ich gerade die Kleist-Biografie von Rudolf Loch", erzählt er. Zwischen der Bismarckstraße und dem Kleinen Wannsee im Südwesten Berlins liegt das Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Den Ausflug zum Wannsee nutzte Roland Totzauer also, um dieses zu besuchen – vielleicht sogar als erster Frankfurter nach der Wende. Der Mauerfall habe ihm zu diesem "glücklichen Umstand" verholfen.
Kostenlose Musik
Danach ging es weiter zur damals noch existierenden Deutschlandhalle am S-Bahnhof Messe Süd. Bei freiem Eintritt spielten dort Musiker wie Nina Hagen, Udo Lindenberg, Joe Cocker, Silly, Pankow, Die Toten Hosen, Die 3 Tornados, Die Zöllner, Puhdys und BAP, um den Mauerfall zu feiern. "50 000 Besucher aus Ost und West strömten den ganzen Tag über in die Halle. Das Konzert wurde stundenlang vom SFB übertragen", berichtet Totzauer. Trotz des Konzerts kam er am Montag "preußisch pünktlich" zur Arbeitsstelle im Bezirkskabinett für Kulturarbeit. Neben den vielen Erinnerungen hat Totzauer noch etwas aus dieser Zeit mitgenommen: ein Mauerstück, das ihm noch 1989 von einem sogenannter "Mauerspecht" am Brandenburger Tor verkauft wurde.
Wir suchen weitere Menschen, die noch ein Stück Mauer besitzen und dazu persönliche Geschichten zu erzählen haben. Ihre E-Mails richten Sie bitte an die Adresse frankfurt-red@moz.de. Gerne machen wir auch ein Foto von Ihnen.