Wendegeschichten: Detlef Karney - vom Vulkanisierer zum Präsidenten der Handwerkskammer

Detlef Karney war einst Handwerkskammerpräsident in Frankfurt (Oder). Er plädiert für einen Mentalitätswechsel bei Eltern, Lehrern und Berufspolitikern, wenn es um gut ausgebildete Facharbeiter und Handwerker geht.
SchmallHerr Karney, was waren Sie als die Wende kam?
Zu dieser Zeit war ich Innungsobermeister der Vulkaniseure im Bezirk Frankfurt (Oder). Mein Vater war seit 1968 selbstständig. Ich übernahm den Betrieb 1978. Wir haben Reifen für die LPG und die VEB im gesamten Oderbruch repariert. 1989 hatten wir zehn Mitarbeiter und fünf Millionen Ostmark Umsatz. Der Volksmund nannte uns „Gummibarone“. Klingt mondän. Aber Vulkaniseur war ein schmutziger Job.
Zwischen dem Fall der Mauer und dem Einigungsvertrag liegt eine wilde Zeit…
… in der vor allem für das Handwerk die Weichen neu gestellt wurden. Gleich nach dem Mauerfall lernte ich in Heilbronn den Präsidenten der dortigen Handwerkskammer kennen. Nach dem Gespräch wurde mir klar, wenn wir DDR-Handwerker im neuen Deutschland eine Rolle spielen wollten, mussten wir uns neu organisieren.
Es waren dann tatsächlich die Handwerker, die früher als die beiden deutschen Staaten die Einheit vollzogen...
Am 21. Juni 1990 trafen sich in Zwickau 4000 Handwerker aus Ost und West. Sie verabschiedeten die Zwickauer Erklärung. Darin hieß es, dass ein vielfältiges Handwerk unentbehrlich ist für einen demokratischen Staat, den sozialen Ausgleich und eine funktionierende Marktwirtschaft.
Am Ende wurde das Deutschlandlied gesungen?
Augenzeugen erzählen, wie bewegend das war. Als am Ende ZDH-Präsident Heribert Späth sagte: „Wir sind ab heute ein Handwerk“ sollen viele Tränen in den Augen gehabt haben. Ich bedaure, dass ich damals nicht dabei sein konnte.
Sie erlebten das bereits als neugewählter Handwerkskammerpräsident in Frankfurt…
Offenbar hatten einige Handwerker noch eine kritische Rede von mir im Jahr 1988 in Erinnerung. Als man mich vorschlug, dachte ich, du kannst nicht erst große Töne spucken und dann den Kopf einziehen. Also sprang ich ins kalte Wasser.
Wie kalt war es denn?
Eisig. Das erste Zimmer, was ich bekam, war die ungeheizte Pförtnerloge.
In Ihre Amtszeit fiel nicht nur die Modernisierung der Handwerkskammer und der Neubau ihrer Bildungszentren, sondern auch der Wegfall der Meisterpflicht bei 52 Gewerken?
Für mich eine der dunkelsten Stunden. 2004 wurden der wirtschaftlichen Krise geschützte Meisterberufe geopfert. Jeder sollte sich in diesen Gewerken selbstständig machen können – ohne Meisterausbildung. Noch schlimmer: ohne jegliche Ausbildung.
Was hat der Wegfall der Meisterpflicht gebracht?
Unter der Verschlechterung der Qualität handwerklicher Dienstleistungen in genau diesen Gewerken litt der Ruf des Handwerks. Gleichzeitig nahm die Wertschätzung einer handwerklichen Berufsausbildung in den Schulen und Elternhäusern ab, sie ist heute quasi kaum mehr existent.
Was muss nun passieren?
Die Politik und auch die Medien müssen der Berufsausbildung den gleichen Stellenwert einräumen wie der schulischen oder universitären Ausbildung. Mindestens! Ich bin froh, dass in zwölf der 52 Gewerke jetzt wieder die Meisterpflicht gilt und dass es für Meisterschüler ein Bafög gibt. Was wir aber besonders brauchen, ist ein Mentalitätswandel bei Eltern, Lehrern und Bildungspolitikern. Ohne gut ausgebildete Facharbeiter und Handwerker wird Deutschland seinen wirtschaftlichen Spitzenplatz in der Welt nicht halten können. Medien und Soziale Medien tragen hier eine besondere Verantwortung, die berufliche Bildung und Handwerksberufe mehr in den öffentlichen Fokus zu nehmen und auch spannend zu machen. Handwerk klingt oft noch nach 19. Jahrhundert, ist aber längst Handwerk 4.0.