Vieles sucht noch seinen Platz im dritten Stock des Museums Viadrina. Seit Dienstag fügen Martin Schieck und seine Kollegen das zusammen, was sie für die Ausstellung zum Weltkriegsende vor 75 Jahren im Depot ausgewählt haben. "Die Objekte sollen eine Geschichte erzählen, einen Eindruck von der Zeit um 1945 vermitteln", sagt der Museumsleiter, "kommen Sie, ich zeige Ihnen was".
Zwischen offenstehenden Vitrinen greift Schieck nach einem Löffel. Der vordere Teil ist deformiert, beinahe rechtwinklig. "Der Löffel hat im Laufe vieler Monate die Form des Bodens eines Kochgeschirrs angenommen", erklärt er. "Sein Besitzer hat immer den letzten Rest herauskratzen wollen, oder besser gesagt: müssen". Der Löffel wird in der Ausstellung zum Ausdruck von Hunger und Not, zu einem Sinnbild des Überlebenskampfes von 1945. Dem Jahr, das auch das Gesicht der Stadt für immer verändert hat. Denn von der über Jahrhunderte gewachsenen Frankfurter Altstadt war am 8. Mai 1945 nicht viel mehr übrig als ein Trümmerfeld aus Brandruinen.

26. Januar: Frankfurt wird zur Festung

Bis 1939 zählte Frankfurt gut 83 000 Einwohner. Im Januar 1945 waren viele von ihnen bereits aus der Stadt geflohen. Lange Flüchtlingstrecks aus dem Osten zogen über die Brücke. "Es müssen Zehntausende gewesen sein, genau gezählt hat sie keiner", sagt Konrad Tschäpe, Mitarbeiter des Museums. Die Rote Armee bewegte sich im großen Tempo von der Weichsel in Richtung Oder, die Wehrmacht wich zurück. Am 26. Januar erklärte Hitler das vor allem wegen seiner Verkehrslage bedeutende Frankfurt zur Festungsstadt. "Die Stadt sollte der Roten Armee auf ihrem Weg nach Berlin entgegenstehen", so Tschäpe. Die Zivilbevölkerung wurde aufgefordert, Frankfurt zu verlassen. Nur wenige Zivilisten durften bleiben. Darunter Ärzte und Krankenschwestern, oder auch Inhaber von Lebensmittelgeschäften.
Die am Ende mehr als 13 000 Soldaten bestimmten jetzt das Bild. Es war ein zusammengewürfeltes Heer aus Resten zurückgeworfener militärischer Verbände, genesener Infanteristen aus den Lazaretten und Volkssturmeinheiten. Die Verteidigungslinie aus Feldstellungen erstreckte sich bogenförmig vom Bereich des Winterhafens im Norden über die östliche Dammvorstadt bis hin etwa zur Eisenbahnbrücke im Süden. Am 4. Februar überwanden Rotarmisten südlich von Frankfurt die Oder und errichteten den Brückenkopf Eichwald/Buschmühle. Nahezu zwölf Wochen lang belagerten die 33. und 69. Russische Armee der 1. Weißrussischen Front die Stadt.
Die Schäden, die sie in dieser Zeit anrichteten, waren eher gering, berichtet Joachim Schneider, 91 Jahre alt. "Bis zum 20. April gab es so gut wie keine Zerstörungen in der Stadt, die Russen haben wenig geschossen", sagt der Regional- und Militärhistoriker. Der damals 16-Jährige kam am Ostersonntag, 1. April 1945, das letzte Mal vor Kriegsende in seine Heimatstadt, um seinen Vater aufzusuchen. "Er gehörte zu den wenigen Zivilisten, die noch in der Festung bleiben mussten. Als Fernmeldetechniker bei der Post war er dienstverpflichtet", erzählt Schneider, der zuvor mit seiner Mutter aus der Dammvorstadt zur Verwandtschaft nach Brandenburg/Havel geflüchtet war. "Jetzt hatte mich Mutter nach Frankfurt geschickt, um zu gucken, was Vater macht. Der war natürlich entsetzt, als er mich sah. Er fürchtete, dass sie mich zum Volkssturm einziehen."
Er hatte Glück und konnte entkommen. Und doch kostete der 1. April 1945 Joachim Schneider fast das Leben. Eine russische Granate verfehlte ihn nur knapp. "Sie schlug in der Nähe der Post ein, ungefähr dort, wo heute die Buche mit den hängenden Zweigen steht."
Am 18. April 1945 befahl Hitler, die damalige Dammvorstadt aufzugeben. Am frühen Morgen des 19. April, gegen 5.29 Uhr, erschütterte ein dumpfes Grollen Frankfurt, die Wehrmacht hatte die Oderbrücke gesprengt. Zwischen dem 20. und 22. April flog die russische Luftarmee stundenlang Angriffe. Schlachtflugzeuge warfen Bomben ab, darunter viele zuvor von den Deutschen erbeutete und nun mit russischem Zünder versehene Geschosse. Vereinzelt wurden auch heute noch Blindgänger von damals in Frankfurt gefunden, zuletzt im Sommer 2018 im nördlichen Lennépark.
Am 21. April hob die Wehrmachtführung den Festungsstatus der Stadt auf und befahl den Rückzug. Über einen Fluchtkorridor zogen sich die Festungstruppen unter Oberst Ernst Biehler nach Westen zurück. In den Morgenstunden des 23. April nahm die Rote Armee dann aus Richtung Güldendorf die Stadt weitgehend kampflos ein. Wenig später stand die Stadt unter dem Kommando des sowjetischen Oberstleutnant Alexejew.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

"Die Fliehenden hinterließen eine verwundete aber keinesfalls zerstörte Stadt", sagt Joachim Schneider. Die Tragödie um das Frankfurter Kulturerbe sollte erst noch folgen. Am 25. April fing der Turm der Marienkirche an zu brennen. In den nächsten Stunden und Tagen brachen viele weitere Feuer aus. Peter Roske, der die Festungszeit als Neunjähriger versteckt in einem leerstehenden Haus mit seiner Mutter und zwei Geschwistern miterlebte, schilderte in einem Zeitzeugenbericht 2015 im Stadtboten: "Viele Häuser in der bis dahin unzerstörten Altstadt brannten aus. Eine einzige ausgebrannte Feuerwehr sah ich einige Wochen später inmitten der Trümmerlandschaft in der Nähe der Marienkirche. Die Stadt war ja leer, unvorstellbar leer. Wer sollte da noch löschen und womit? Und Häuser, die noch kein Raub der Flammen geworden waren, wurden von den einmarschierenden Russen mit Benzinfackeln angezündet, so erzählten es die Erwachsenen. Der Brandgeruch hing noch wochenlang in der zerstörten Stadt".
Tatsächlich lassen sich die vielfältigen Ursachen für die große Zerstörung bis heute nur schwer vollständig rekonstruieren. Vor allem nachrückende russische Militärs aber auch polnische Milizen und Vertriebene aus dem Osten sollen Brände gelegt haben. Das berichteten Augenzeugen. Zugleich konnten sich die Flammen aber auch ohne Zutun ungehindert ausbreiten. "Nach den Bombenangriffen sind viele Fenster in Frankfurt beschädigt, die Gardinen wehen, Funken fliegen – und das nächste Haus fängt an zu brennen", erklärt Konrad Tschäpe. Als die Stadt in den Tagen nach der Stunde null langsam wieder zu sich kam, war das alte Frankfurt weitgehend verloren.

Altstadt zu 90 Prozent zerstört

In einem Bericht des Rates der Stadt 1949 ist von einer Zerstörung von 17,9 Prozent des Wohnungsbestandes in ganz Frankfurt die Rede. Der Großteil davon betraf die Altstadt. Hier waren bis zu 90 Prozent der Bausubstanz schwer beschädigt, wie Joachim Schneider errechnet hat. Dazu gehörten ein Großteil der Häuser am Marktplatz, aber auch stadtbildprägende Gebäude wie die Reichsbank oder das Amtsgericht. Das Rathaus und die Marienkirche lagen ebenfalls in Trümmern, wurden jedoch später wieder aufgebaut – im Gegensatz zu vielen anderen Baudenkmalen, die rekonstruiert hätten werden können. Auch nach 1945 wurde in Frankfurt noch vieles kaputt gemacht.
Allerdings standen die wenigen Hundert Frankfurter, die bis zuletzt in Luftschutzkellern ausgeharrt hatten, und die vielen Tausend evakuierten Einwohner, die bald in die Stadt zurückkehrten, erst einmal vor ganz anderen Problemen. "Kaum jemand hatte ein Gefühl der Befreiung, alle waren in Sorge um die Zukunft", schreibt Archivar Ralf-Rüdiger Targiel in einem Beitrag über das erste Jahr nach dem 23. April 1945, der nächste Woche im Stadtboten erscheinen wird.
Es waren vor allem Frauen, die in Frankfurt Wiederaufbauarbeit leisteten. Ein prominentes Beispiel ist Irmgard Paetsch, Frau von Wilhelm Paetsch, Geschäftsführer der gleichnamigen Steingutfabrik. Nachdem ihr Mann in Gefangenschaft geriet, brachte sie die Produktion des traditionsreichen Familienunternehmens wieder in Gang. Weniger bekannt ist die Geschichte von Esther Stiegemann. Bis kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee hielt sie den Familienbetrieb in der Großen Müllroser Straße aufrecht, ihr Mann kämpfte an der Front. Unmittelbar nach dem 8. Mai 1945 baute sie die Bäckerei wieder auf. Eine am 17. Juli 1945 auf ihren Namen provisorisch ausgestellte, behördliche Genehmigung, Kohlen aus zerstörten Häusern für die Bäckerei zu holen, wird im Museum Viadrina zu sehen sein. Ebenso das Notizbuch von Erwin Stiegemann, in dem er Brot- und Kuchenrezepte notiert hatte, um sein Gedächtnis wach zu halten. Er kehrte erst am 28. Dezember 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Stadt bereits zu einem gigantischen Menschenumschlagplatz entwickelt. Mindestens 1,5 Millionen Kriegsgefangene und Zivilverschleppte wurden bis 1950 im Frankfurter Heimkehrlager in die Freiheit entlassen. Die herausfordernden Nachkriegsjahre werden in der mit vielen Partnern vorbereiteten Ausstellung breiten Raum einnehmen. Sie soll am 17. Mai eröffnet werden.