Ärztemangel
: Kranke brauchen langen Atem

Wer in Fürstenwalde einen Hausarzt sucht, hat schlechte Chancen. Praxen verhängen Aufnahmestopps, Mediziner-Nachwuchs fehlt.
Von
Annemarie Diehr
Fürstenwalde
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Wer bis ins Wartezimmer kommt, kann sich glücklich schätzen. Oft nehmen Ärzte überhaupt keine neuen Patienten an.

dpa/Daniel Karmann

Unzählige Telefonate hat Sven Arnold hinter sich. „Wir suchen einen Hausarzt, finden aber keinen, der meinen Schwiegervater annimmt“, wendet er sich an die MOZ. Nicht einmal ein Rezept für das benötigte Medikament wollten die angefragten Mediziner dem älteren Herren ausstellen, der kürzlich von Briesen ins Betreute Wohnen nach Fürstenwalde gezogen ist. „Ich wollte einen Termin für meinen Mann machen, doch momentan nehmen sie keine neuen Patienten auf, nicht einmal privat versicherte“, schildert eine Buchholzerin, die am Freitag die Praxis von Franziska Brünig in der Jahnstraße verlässt, ein ähnliches Erlebnis. Sie sei hier schon Patientin gewesen, bevor Frau Dr. Pfützner in Rente gegangen sei, sagt die 48-Jährige.

Laut Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) ist Dr. Franziska Brünig neben Dr. Manuela Schütz eine von zwei Allgemeinmedizinerinnen, die sich seit 2017 in Fürstenwalde niedergelassen haben. Was sie dazu veranlasst hat und ob ihre älteren Kollegen Probleme haben, Nachfolger zu finden, ist nicht zu erfahren. Presseanfragen lassen die kontaktierten Mediziner unbeantwortet.

Fast die Hälfte ist 60 und älter

Aktuelle Anfragen von Ärzten, sich in Fürstenwalde niederzulassen, gebe es nicht, teilt KVBB-Sprecher Christian Wehry mit. Über die Zahl der Hausärzte, die demnächst in Ruhestand gehen, kann er nur allgemein Auskunft geben: Von den 27 im Umkreis von zehn Kilometern in Fürstenwalde niedergelassenen Medizinern seien elf 60 Jahre und älter. „Das heißt nicht, dass sie in den nächsten fünf Jahren in Ruhestand gehen“, sagt Wehry. Eine Altersgrenze für praktizierende Ärzte wurde vor zehn Jahren abgeschafft.

Im Hinblick auf die Einwohnerzahl im sogenannten Mittelbereich Fürstenwalde (Stand 30.06.2019) beträgt der Versorgungsgrad mit Hausärzten 87,9 Prozent; bei 100 Prozent wäre er ausreichend. „Das ist kein dramatischer Hausärztemangel“, sagt der KVBB-Sprecher. Bei Fachärzten sei der Versorgungsgrad im Kreis sogar so hoch, dass keine weiteren Zulassungen angestrebt werden. Bei Augenärzten etwa liege er bei 123,7 Prozent; jedoch ist die Hälfte der Mediziner 60 Jahre und älter.

Bevor Rolf-Dieter Gestewitz in Rente gegangen ist, hat er seine HNO-Praxis in der Karl-Marx-Straße bei der Kassenärztlichen Vereinigung ausgeschrieben. Ein Nachfolger fand sich nicht. Um die ambulante Versorgung sicherzustellen, hat das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Helios Klinikum Bad Saarow die Praxis erworben. Dr. Gestewitz, teilt Sprecherin Anja Paar weiter mit, war dort noch vom Januar 2018 bis Juni 2019 beschäftigt. Der Praxisbetrieb wird seitdem von zwei angestellten HNO-Ärzten abgesichert. Die Patienten wurden übernommen.