Blindenführung: Vitrinenstücke zum Anfassen
Ein heller, kräftiger Schlag erfüllt den Raum. Elke Neitsch tritt einen Schritt zurück. „So hat es vor 500 Jahren geklungen, wenn die Glocke zum Beispiel bei einem Brand betätigt wurde“, sagt Guido Strohfeldt. Am Donnerstagnachmittag führt er Elke Neitsch und weitere Interessierte durch die Räume des Fürstenwalder Museums. Es ist keine gewöhnliche Führung – Portraits bedeutender Persönlichkeiten oder Karten, auf denen Strohfeldt den Verlauf von Handelswegen zeigen könnte, bringen den Museumsleiter dieses Mal nicht weiter: Statt des Sehens stehen die Sinne Hören und Fühlen im Mittelpunkt.
Anlässlich der Woche des Sehens, die bundesweit bis 15. Oktober mit verschiedenen Aktionen begangen wurde, hat der Behindertenbeirat der Stadt Fürstenwalde mit Unterstützung des Landkreises Menschen mit Handicap zu Führungen durch das Stadt- und Brauereimuseum eingeladen. Neben den Beiratsmitgliedern nimmt Karsten Becker an der Museumstour teil. Er hat psychische Probleme und engagiert sich in der Interessengruppe „Menschen mit Handicap“. Im Fürstenwalder Museum war er schon mal, „aber das ist lange her“, sagt er.
Die Glocke, die Elke Neitsch in einem der Ausstellungsräume läutet, hing im Mittelalter im Alten Rathaus. Im Museum kann jeder Besucher das Metall fühlen und mit seinen Fingern die Inschrift entlangfahren. Andere Stücke, etwa aus der Stein- und Bronzezeit, lagern in Vitrinen. Besondere Stücke aus dem Depot, die wohl auch hinter Glas gezeigt würden, lässt Guido Strohfeldt die Besucher am Donnerstag fühlen. „Das ist ja richtig scharf, schärfer als mein Küchenmesser“, entfährt es Elke Neitsch, als eine 5000 Jahre alte Steinaxt aus Feuerstein in ihren Händen landet.
Blindenverein: Kaum Mitglieder
Elke Neitsch erblindete vor 30 Jahren; sie engagiert sich nicht nur im Behindertenbeirat, sondern auch im Blindenverein Fürstenwalde/Strausberg. „Schade, dass sich so wenige angemeldet haben“, sagt sie. Vier Absagen gab es wegen Krankheit, sie kamen aus den Reihen des sechs Mitglieder starken Blindenvereins in Fürstenwalde. Tatsächlich, so Neitsch, gebe es in der Stadt viel mehr Sehbehinderte. Leider blieben diese unter sich.
Durch das Museum bewegt sich Elke Neitsch an der Hand ihres Mannes. „Jemanden, der einen führt, braucht man schon“, meint sie. Ansonsten käme sie mit den vom Museum angebotenen Audioguides gut zurecht. Guido Strohfeldt verweist außerdem auf die Hörstationen, die sich in den Räumen selbst befinden. „Dort erfährt man etwas über die Befreiung Fürstenwaldes 1813 oder hört Tagesbucheintragungen aus dem Zweiten Weltkrieg“, sagt er.
Anfragen für Blinden-Führungen durch das Museum habe es bisher nicht gegeben. „Es kommt aber vor, dass telefonisch nachgefragt wird, ob das Museum barrierefrei ist.“ Ist es, bis auf den Keller, wo die Gesteinssammlung ausgestellt ist: Dort hält der Fahrstuhl nicht. Er „spricht“ auch nicht, zumindest aber können Sehbehinderte auf den Knöpfen die Zahlen der Stockwerke ertasten. Einen Verbesserungsvorschlag hat Elke Neitsch noch: „Die letzte Stufe zum Keller könnte noch einen hellen Streifen als Markierung für Sehbehinderte bekommen“, regt sie an.


