Historie: Von der Correspondenz-Karte zum Fotogruß
Museumsleiter Guido Strohfeldt muss gleich mehrmals ins Archiv gehen, um alle Fürstenwalder Ansichtskarten hervorzuholen. Acht Aktenordner stehen am Ende auf dem Tisch aufgereiht. Sie alle enthalten Postkarten der vergangenen 122 Jahre. „Wir haben noch einmal so viele Mappen mit Karten der Dörfer“, berichtet er. Die älteste aus dem Bestand ist eigentlich eine Scherzkarte: „Gruß aus Fürstenwalde a. Spree bei Nacht“, steht unter zwei schwarzen Bildflächen, daneben ist ein Nachtwächter zu sehen. „Diese Postkarte wurde am 22. November 1897 nach Rixdorf versandt und ist einen Tag später dort angekommen, wie der Eingangsstempel verrät“, so Strohfeldt.
Die eigentliche Geburtsstunde der Postkarte liegt allerdings noch weiter zurück: Vor genau 150 Jahren, am 26. Januar 1869, äußerte sich der österreichische Ministerialrat Professor Emanuel Hermann in der „Neuen Freien Presse“ über eine „neue Art Correspondenz mittels Post“. Er forderte die österreichische Postverwaltung auf, Postkarten herauszugeben. Die Einführung der sogenannten „Correspondenz-Karte“ gelang noch im selben Jahr am 1. Oktober. Diesem Beispiel folgten bald darauf der Norddeutsche Bund, Baden, Württemberg und Bayern.
Mit den heutigen Ansichtskarten sind jene der ersten Generation kaum vergleichbar. Eine Seite war für den Vermerk von Namen und Wohnort des Empfängers sowie Stempel und Briefmarke vorgesehen. Auf der Rückseite schrieben die Absender ihren Text. Die später entstandene Bildpostkarte erlebte erst um 1900 ihren großen Aufschwung. Für das Bürgertum galt es als Statussymbol, aus der Sommerfrische oder von den Bildungsreisen einen Gruß zu verschicken.
„Die beliebtesten Motive in Fürstenwalde waren schon vor 100 Jahren der Dom, das Rathaus und die Spree. Viele Bürger ließen aber auch von einem Fotografen eigene Fotopostkarten von ihrem Haus oder der Familie anfertigen“, sagt Guido Strohfeldt. Gerade diese Karten seien eine bedeutenden Bildquelle für das Museum, da viele alte Häuser nur in diesem Zusammenhang fotografisch erfasst worden seien. Es habe damals mehr als 30 Postkartenverlage in der Stadt gegeben und 1881 den ersten Briefkasten, der übrigens selbst auf einer Postkarte verewigt wurde.
Zur Museumssammlung gehören aber auch etliche Kuriositäten. Zum Beispiel die Postkarten des Grünheider Restaurants „Vater Fielitz“ am Peetzsee, die um 1930 den schwergewichtigen Sohn des Gastwirtes zeigen – inklusive Angabe seines Gewichts von 190 Kilo. Oder die Karte mit dem Bild des Bismarck-Turmes in den Rauener Bergen von 1907. Der Turm wurde nie gebaut, die Karte dennoch in Umlauf gebracht. Gern verschickten die Spreestädter 1910 auch das Foto mit dem größten und kleinsten Polizisten Deutschlands, die zeitgleich in Fürstenwalde und Ketschendorf arbeiteten.
Zu DDR-Zeiten änderte sich dann die Motivwahl: Nun wurden oft Plattenbauten und wiederaufgebaute Stadtviertel abgebildet. „Es sollte dargestellt werden, was die Leute und das Land nach dem Krieg geleistet haben“, erklärt der Museumsleiter. Heute ist die Auswahl an Fürstenwalder Ansichtskarten deutlich kleiner. Das liegt unter anderem an der Konkurrenz durch die sozialen Netzwerke. „Ich kenne das ja selbst von mir. Ein Foto mit dem Smartphone ist im Urlaub schneller verschickt als eine Postkarte geschrieben“, so Strohfeldt.



