Jubiläum: Das Cello muss weg – Hans-Joachim Scheitzbach nimmt Abschied vom Bogen

Selten werdender Moment: Hans-Joachim Scheitzbach spielt auf seinem Cello. Bald wird er es verkaufen und seine musikalische Karriere beenden.
Jana Reimann-GrohsEs gehe ihm gut, sagt der Cellist eine Woche vor seinem 80. Geburtstag, während er begeistert die gelbgefärbten Blätter eines Baumes vor seinem Haus in Woltersdorf „wegen des tollen, goldenen Herbstlichts“ lobt. Hans-Joachim Scheitzbachs Alltag ist von Klassik bestimmt. Er zählt auf: „Gestern Abend ein Konzert, heute ein Konzert, morgen zwei Konzerte und am Wochenende an beiden Tagen“. Er spielt sie noch selbst. Das hohe Alter ist ihm nicht anzusehen – so flink wie er den Bogen über sein Cello schwingt.
Auch zu Hause wird der alten Zeit gehuldigt – viel antiquarisches Inventar schmückt das Tee- und Wohnzimmer. Dazu ein Keller voller Noten: Bach, Beethoven, Rossini, modernere Musik von Stendel und Penderecki, dessen Interpretationen Scheitzbach in den 70ern international bekannt gemacht haben. Privat hört er am liebsten die Romantiker. Doch der leidenschaftliche Musiker gibt auch Impressionisten zum Besten. Ein kleiner Flügel steht dem Virtuosen im Arbeits- und Musizierzimmer zur Verfügung. Darauf liegen mehrere Bögen zum Spielen seines eigentlichen Instruments: dem Cello. Dessen kleine barocke Schwester ist an der Wand wie ein Gemälde aufgehängt. Es sei nicht spielbar, deutet Scheitzbach an – genüge den heutigen Ansprüchen nicht. Trotzdem darf es bleiben. Ganz im Gegensatz zum weit gereisten, treuen Wegbegleiter. Von ihm will sich der 80-Jährige kommendes Jahr trennen. Das Instrument soll verkauft werden, sagt er – im Glücksfall an jemanden, der sich genauso dafür begeistert, wie er es Zeit seines Lebens getan tat.
Unvergessliche Auftritte
Scheitzbach blickt auf eine 60-jährige Karriere zurück, die ihn auch ins Ausland führte: Erst Studium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, 1960 ein Engagement für das Leipziger Gewandhausorchester und Mitglied des Leipziger Streichquartetts. 1967 wird Scheitzbach Solocellist der Staatskapelle Dresden und wechselt zur Komischen Oper nach Berlin. Seitdem lebt er im Brandenburgischen Woltersdorf und organisiert Kammermusik- und Serenaden- Konzerte. Scheitzbach machte Rundfunk und Schallplatten; 1980 erhielt er den Kunstpreis der DDR.
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Nun stehen die letzten Weihnachts- und Silvesterkonzerte seines Lebens an. Zur Probe liegen Werke von Schubert und Brahms sortiert auf dem Teppich bereit. Wenn Scheitzbach sie dann am Notenständer aufblättert, den Bogen ansetzt und daraus ein lebendiges Stück macht, lauscht ihm das Publikum gebannt. Verlässlich strömen die Klassik-Fans zu seinen Kammermusik-Konzerten. Er staune selbst, wie interessiert sie seien, betont er. Seine begleitende Moderation soll die Zuhörer aufklären: „Ich öffne die Ohren für das, was gespielt wird“.
Generationswechsel folgt
Die Liebe zum Cello entdeckte Scheitzbach als Elfjähriger. In seinem Heimatdorf Nauenhof bei Leipzig gab ihm der Musiker Fritz Neuhaus Privatunterricht. Er nahm den Jungen ans Operettentheater mit. „Da waren auch Geigen, aber das Cello hatte den sonoren Klang – der gefiel mir am besten. Ich habe mir dann auch ein Cello gewünscht.“ Zu seiner Frau Sigrid fand Scheitzbach 1960 im akademischen Orchester der Hochschule Leipzig. Die studierte Physiotherapeutin überzeugte mit Cellospiel und Esprit.
Alles läuft auf eine bescheidene Verbeugung hinaus. Das Ende seiner Karriere läutet Scheitzbach zum Jahreswechsel ein. „Ich habe ein wunderschönes Coupé für das Silvesterkonzert vorbereitet“, kündigt er an. Am 31. Dezember wird er ein allerletztes Mal in der Schlosskirche Schöneiche spielen. „Ich habe Glück gehabt, überhaupt bis zur 80 gekommen zu sein. Das ist eine schöne Zahl. Nun ist eben Schluss." Die Nachwuchstalente sind dran – „und die machen es gut“, ist Scheitzbach überzeugt. Der Cellist ist recht streng mit sich selbst und verkündet vorsorglich sein musikalisches Ende: Rein biologisch habe er bisher ganz gut spielen können – besser werde er nicht: „Das gibt der Körper nicht mehr her. Ich müsste weiter jeden Tag üben“.

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MOZ.deEs sei an der Zeit, das Cello ruhen zu lassen, schrieb der Haus- und Hofcellist schon im August an die Komische Oper. Sein Dank gilt allen Helfern der vergangenen Jahrzehnte. Wo sollte die Aufzählung der Weggefährten auch enden? Der Abschied vom Bogen klingt wie ein jähes Ende. So ganz perspektivlos ist er aber aus Scheitzbachs Sicht nicht. Zwei eigene Kinder, acht Enkel und vier Urenkel hat er neben der Musik hervorgebracht. Sein größtes Hobby jedoch sind zehn Kutschen, die er regelmäßig ausfährt. Hinterm Haus stehen Stute Tina und Wallach Olli auf der Weide bereit. „Seit 45 Jahren pflegen wir das mit den Pferden.“ Frau und Kinder haben in Hoppegarten reiten gelernt, erzählt er. „Ich konnte das nicht, weil ich so viele Auftritte hatte und Konzerte an der Oper“, bedauert er.
Ziemlich flott springt der 80-Jährige auf den Kutscherbock auf, wenn es zur Spazierfahrt in die Umgebung hinausgeht – selbstverständlich passend gekleidet zum Gefährt. Was ihn 2020 ohne sein Cello erwarte? Er wisse es selbst nicht genau, antwortet Scheitzbach. Nur so viel stehe fest: In Zukunft wird er weiter das Kochen seiner Frau überlassen, mit ihr gemeinsam das Leben genießen und möglichst aktiv bleiben. Scheitzbach ist daran interessiert, was sich im Dorf abspielt. Wird eine Straße neu gemacht, verfolgt er die Arbeiten. „Ich nehme auch sehr intensiv daran teil, was musikalisch geschieht. Ob das in Berlin ist, hier im Ort oder im Bezirk Frankfurt.“ Ein kleiner Trost also für alle Scheitzbach-Fans: Von der Bühne des Lebens verabschiedet sich der Vollblutmusiker noch lange nicht.
Vier Fragen an Hans-Joachim Scheitzbach
Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten geprägt?Das waren die beiden Professoren von der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig: Walter Schulz und Friedemann Erben.
Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Orts wären?Ich würde immer versuchen, zwischen den Gemeindemitgliedern der verschiedenen Parteien Harmonie herzustellen.
Was wünschen Sie sich seit Jahren?Dass ich weiterhin gesund bleibe.
Möchten Sie nochmal 17 Jahre alt sein?Nein, das ist vorbei. Mit 80 Jahren habe ich alles durchlebt.⇥jrg