Jugendclub: Junge Leute führen ihr Domizil

Clubrat: Martin Wiegold (vorn rechts) begleitet die Beratung zur Skatepark-Einweihung.
Anke BeißerMit der Verpflegung ist alles klar. Mit dem Schminkstand auch. Für die Aufsicht an den Feuerschalen fragen wir zwei aus der Feuerwehr. Wie machen wir das mit der Spendenbox?“, Fabien Grünagel arbeitet Punkt für Punkt auf seiner Liste ab. Rund ein Dutzend Jugendliche hat sich um einen Tisch vorm Havemann-Klubhaus geschart und stimmt die Planung für die Einweihung der Skateranlage am Mittwoch ab. Was die Box betrifft, setzt sich der Vorschlag durch, an jedem Stand eine zu platzieren und mit einem Schild „freiwillige Spende“ zu versehen. Das Geld soll in ein nächstes Projekt fließen, eine Schutzhütte auf dem Areal von Bolzplatz und Skatepark, die auch außerhalb der Club-Öffnungszeiten als Treffpunkt dienen würde.
Fabien Grünagel führt routiniert durch die Zusammenkunft. Am Ende sind alle Aufgaben verteilt, alle Absprachen getroffen. Der 20-jährige gehört zum Stammpublikum im selbst geführten Clubraum, eine Form der Clubarbeit, die Grünheides Jugendkoordinator Martin Wiegold im Mai 2018 gestartet hat. Der Clubrat zählt etwa 25 Mitglieder im Alter von 9 bis 23 Jahren. Es gibt keinen Vorsitzenden. Stattdessen setzt sich je nach Interessen der eine oder andere für ein konkretes Projekt den Hut auf. Martin Wiegold verfolgt die Diskussionen, mischt sich nur ein, wenn er das Gefühl hat, dass seine Hilfe und sein Rat benötigt werden oder wenn ihn die jungen Leute fragen. Und es funktioniert.
Das Engagement der Heranwachsenden ist sehr vielfältig. Es reicht von der Babysitter-Ausbildung über einen Graffitiworkshop und die Aufräumaktion mit dem Ortsvorsteher bis hin zur Unterstützung bei gemeindlichen Veranstaltung wie Osterfeuer und Fischerfest. Für letzteres haben die jungen Leute den Kuchenbasar bestückt. „Und wir haben für Schmalzstullen gesorgt“, erzählt Tara Adlung.
Dass der Bolzplatz einen intakten Rasen hat, ist zu einem Teil Niklas Raguse zu verdanken. Damit das Grün gut gedeiht, hat er es – abwechselnd mit Fabien Grünagel – regelmäßig gegossen und gedüngt. „Das waren den Sommer über unsere zwei Platzwarte“, sagt der Jugendkoordinator. Der Beispiele gibt es noch mehr. Lara Penting etwa wollte etwas für gesündere Ernährung tun. Also regte die 18-Jährige ein Gemüsebeet an. Der Anklang war groß; es wurde von den Clubgängern sogleich angelegt, bestückt, gepflegt und die Ernte verarbeitet.
Für Mittwoch laden die jungen Leute nun an ihren Skatepark und zum Bolzplatz am Havemann-Klubhaus ein. Von 16 bis 20 Uhr können Kinder und Familien das Grünheider Freizeitangebot kennenlernen. Es gibt Getränke und Leckeres vom Grill. Für die musikalische Umrahmung sorgt Felix Jahnke. Der 18-Jährige ist sozusagen der Club-DJ. Und so wird er aller Voraussicht nach auch bei der Aftershowparty ab 20 Uhr an den Reglern stehen.
Kommentar: Ernst nehmen, dranbleiben
Über die Jugend und ihr Verhalten wird seit tausenden Jahren lamentiert. Ob Aristoteles, Platon oder Sokrates, ihre Klagen klingen genauso wie die heutige Kritik am rüpelhaften, rebellischen, respektlosen Nachwuchs. Klar sollen sich Jugendliche ausprobieren und gegen den Strom schwimmen, um ihren Weg zu finden. Ärgerlich ist natürlich, wenn sie ihre überbordende Energie in Krawall und Zerstörung umsetzen. Womöglich passiert das mangels Alternativen. Grünheide hat ein Rezept im Umgang mit Jugendlichen gefunden, die Früchte trägt. Hartnäckigkeit, gegenseitiges Vertrauen, Verlässlichkeit, Eigenverantwortung und Mitsprache sind offenbar die richtigen Zutaten.
Vor zwei, drei Jahren war rund um die Festwiese Vandalismus ein Thema. Der Jugendkoordinator fand offenbar die richtige Worte und die richtigen Aktionen, um Abhilfe zu schaffen. Die Jugendlichen wurden in die Pflicht genommen, Zerstörung zu beseitigen. Ihnen wurde aber auch die Chance gegeben, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wohl fühlen, das sie mitgestalten können. Und was aus eigener Hände Arbeit erwächst, dass wird auch geachtet. Diese schlichte Regel scheint zu stimmen. Erwachsene werden zum Begleiter, zum Partner und sind nicht nur bloße Bestimmer. Sicher gehört Mut dazu, sind Rückschläge nicht ausgeschlossen. Geduldiges Dranblieben erweist sich als vorteilhafte Tugend der reiferen Generation.⇥Anke Beißer