„Das ist ja wunderbar“, entfährt es Christian Voss, als er den Barocksaal des Gutshauses Sieversdorf betritt. Der 34-Jährige ist freischaffender Barockgeiger und – wenn nicht gerade eine Pandemie grassiert – in ganz Europa als Solist oder im Ensemble auf Tour.
Nach Sieversdorf ist er gekommen, um ein Video zu drehen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das durch das milliardenschwere Rettungspaket der Regierung „Neustart Kultur“ ermöglicht wurde.
Christian Voss besucht mit seinem dreiköpfigen Team besondere Orte in Brandenburg, die sich für einen stilvollen Auftritt von Künstlern eignen. Dabei sucht er gezielt nach kleinen, aber feinen Auftrittsorten. „Hier stimmt alles“, schweift sein Blick durch den Saal des Gutshauses: der alte Blüthner-Flügel, der riesige gemusterte Teppich, die Stuckdecke, der mit Ornamenten verzierte Kamin, die barocken Möbel.

Freundeskreis organisiert kleine, feine Konzerte

Christian Voss und Iddo Zhang, der ebenfalls Barockgeige spielt, packen ihre wertvollen Instrumente aus, stellen sich vor die extra für das Projekt angeschafften Kugelkopfmikrofone und spielen. Alles wird gefilmt von Hendryk Voss, der eigentlich Balletttänzer ist. Auch die Hausherrin Julia von Stünzner wird interviewt.
Die 52-Jährige wohnt nicht nur mit ihrer Familie im Gutshaus, sie stellt seit vielen Jahren den Barocksaal für öffentliche Konzerte zur Verfügung. Was ihre Schwiegermutter Elke von Stünzner und Silvia Scheffler vor 27 Jahren begannen, führt sie heute gemeinsam mit Gerd von Hobe fort.
Julia von Stünzner und Gerd von Hob, die dem Verein "Freundeskreis der Kunst- und Denkmalpflege auf Gut Sieversdorf" vorstehen. Am 3.Adventssonntag (11. Dezember) wird zu einem Konzert mit Violine und Klavier in den Saal des Gutshauses der Familie von Stünzner eingeladen.
Julia von Stünzner und Gerd von Hob, die dem Verein „Freundeskreis der Kunst- und Denkmalpflege auf Gut Sieversdorf“ vorstehen. Am 3.Adventssonntag (11. Dezember) wird zu einem Konzert mit Violine und Klavier in den Saal des Gutshauses der Familie von Stünzner eingeladen.
© Foto: Ruth Buder
Der 54-Jährige ist der Vorsitzende des etwa 40 Mitglieder zählenden „Freundeskreises der Kunst- und Denkmalpflege auf Gut Sieversdorf“, Julia von Stünzner ist seine Stellvertreterin.
Noch ein Konzert steht in diesem Jahr an: Am kommenden Sonntag (11. Dezember) werden Timon und Helena Paege im Barocksaal ein Konzert auf Violine und Klavier geben. Beide haben im Opernkinderorchester der Staatsoper Unter den Linden in Berlin gespielt, beide sind heute Jungstudenten am Julius-Stern-Institut der Universität der Künste in Berlin.

Veranstalter sind auf Spenden angewiesen

Die Veranstalter hoffen auf ein volles Haus – etwa 60 Personen haben Platz. Wie immer ist der Eintritt frei. „Wir möchten das Gefühl vermitteln: Jeder kann kommen. Aber wir rechnen natürlich damit, dass unsere Gäste spenden“, sagt Julia von Stünzner.
Denn das Geld ist, wie bei vielen Kulturvereinen ein Problem. Maximal vier Künstler könnte man sich bei einer Veranstaltung leisten, schon bei den Vorabsprachen werde ihnen gesagt, wo die finanziellen Grenzen des Vereins lägen.
„Aber viele, die uns kennen, finden diese Wohnzimmeratmosphäre so schön, dass sie immer wieder gern kommen.“ Oft gibt es danach noch ein Gläschen Wein, Kaffee und Kuchen. „Wir wollen damit die Möglichkeit schaffen, dass auch auf dem Lande Menschen sich begegnen können“, so Julia von Stünzner.
Dass höchste Qualität bei den „Sieversdorfer Konzerten“ geboten wird, liegt vor allem an dem Sachverstand des Vorsitzenden, der sich immer für Musik interessierte, in seiner Freizeit Orgel und Klavier spielt.

Ambiente des Gutshauses bei Frankfurt (Oder) spielt eine Rolle

„Wir können uns keine großen Stars leisten, aber geben sehr guten Künstlern eine Bühne und bieten ein kleines, aber feines Musikprogramm in einem sehr schönen Ambiente“, so Gerd von Hobe, der seit 2016 in Sieversdorf lebt.
Nach der Zwangspause durch Corona bemüht sich der Vereinsvorstand, wenigstens vier Veranstaltungen, Konzerte oder Lesungen, im Jahr zu organisieren – im Saal des Gutshauses und auch in der mittelalterlichen Feldsteinkirche gegenüber.
In den Anfangsjahren habe es viel mehr Veranstaltungen gegeben. „Aber zu dieser Zeit war das Angebot auch viel kleiner, rundherum wird inzwischen auch viel Kultur geboten“, erklärt die stellvertretende Vorsitzende den Rückgang.
Das Video, das Christian Voss und sein Team in Sieversdorf gedreht haben, soll im Frühjahr auf allen Social-Media-Kanälen zu sehen sein. Der in Reicherskreuz lebende Musiker, der auch schon auf der Burg Beeskow und in der Marienkirche Drehs hatte, ist überzeugt, „dass das Projekt eine Win-Win-Situation bietet, für die Künstler und die Veranstalter. Die kleinen Säle sind im Kommen.“

Freundeskreis träumt von Outdoor-Festen im Odervorland

Gerd von Hobe könnte sich allerdings auch mal etwas Größeres vorstellen: „Ein Outdoor-Fest mit tollen Jazzmusikern in unserem denkmalgeschützten Ambiente zwischen Gutshaus und Kirche.“
Das nächste „Sieversdorfer Konzert“ findet am 3. Adventssonntag, 11. Dezember, um 16 Uhr im Barocksaal des Gutshauses statt. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Anmeldungen sind wegen der beschränkten Platzkapazitäten erforderlich unter Tel. 033608 179975 oder E-Mail: buerosieversdorf@ewe.net.