Kunst: Roland Rother hat in Wilmersdorf seine Spuren hinterlassen
Auf die Frage nach dem Urheber schlägt er vor, ihn zu besuchen. Ein ganzes Stück außerhalb des Ortes, am Friedhof rechts vorbei, findet man drei bewohnte Grundstücke. Dieses kleine Vorwerk war jüngst Randthema in der Gemeindevertretersitzung. Die drei Familien haben kein Trinkwasser, hieß es, die letzten beiden Sommer haben ihre Brunnen trockengelegt. Der Zweckverband weigert sich, eine Leitung zu verlegen. Zu teuer.
Wir erreichen das alte Gartentor. Ein grauhaariger Mann in Strickjacke und ausgebeulter Hose wirft uns einen prüfenden Blick zu und ruft dann freundlich: „Kommt rein!“ Dann gehen wir unversehens durch eine Galerie der besonderen Art. Der herbstliche Garten, durch den die Gemäuer alter Gebäude zu sehen sind, strahlt einen fast morbiden Charme aus. An den Wegen, neben Bäumen und Sträuchern, findet man eine Unzahl von Plastiken. Einer Skulptur wächst eine kleine Birke aus dem Arm.
Der Hausherr bleibt an einem weiblichen Torso stehen. „Das ist mein Erstlingswerk“, sagt er und streicht über den bräunlichen Ton. Roland Rother ist Bildhauer mit Diplom, hat die Kunst ab 1970 in der Hochschule in Berlin–Weißensee studiert. Irgendwann sagt er: „Ich bin ein Fossil. Ich arbeite noch mit Hammer und Meißel wie die alten Ägypter.“ Was nicht ganz stimmt. Seine Materialien sind vielfältig, Stein, Bronze, Holz, Gips, Ton, Keramik. Und, wenn man so will, Schrott. Fundstücke werden zu Vögeln und anderen Lebewesen.
Viele seiner Werke im Garten und auch im Atelier des Hauses kennt man irgendwie, von Besuchen in Städten und Dörfern der Region, von Berlin bis Eisenhüttenstadt. Auch das Bode-Museum und die Nationalgalerie besitzen echte Rother. Viele Werke haben aber den Garten nie verlassen, blieben im Stadium des Modells. Eins gar, ein sechs Meter großer Hahn, wurde von Frankfurt (Oder) bestellt und – geschreddert, weil für die Ausformung in Bronze kein Geld da war. „Der Auftrag wurde bezahlt, aber das Kunstwerk ist verschwunden.“ Auf die Oderstadt, in der er lange lebte, ist der Bildhauer nicht mehr gut zu sprechen.
Zu DDR-Zeiten konnten Künstler von ihrer Arbeit leben, sagt Rother. Viele im Westen kennen das gar nicht. Sie müssen ihren Lebensunterhalt in einem anderen Beruf erarbeiten, die Kunst ist ihr Hobby. Das sei heute auch hier so, wenn man seinen inneren Antrieben folge und nicht der Mode, sinniert der Mann, als wir später in einer von einem kleinen Ofen erwärmten Stube sitzen. Rother ist in diesem Jahr 75 Jahre geworden. Eine Galerie, die sein Schaffen mit einer Personalausstellung würdigt, fand sich nicht. Doch Rother hadert nicht damit, jedenfalls nicht öffentlich. Auch das mit dem Wasser will er nicht an die große Glocke hängen.
Die warme Stube ist – im Unterschied zu Garten, Atelier und Lager – gefüllt mit Miniaturen. „Große Sachen mache ich eigentlich nicht mehr“, sagt der Künstler. Dafür Medaillen. Mit solchen filigranen Werken beteiligt er sich alle zwei Jahre an Ausstellungen der International Art Medal Federation. 2020 ist Tokio das Ziel. Auch eine Medaille für Bonn ist in Arbeit, zum 250. Geburtstag Beethovens. „Zwei Biographien habe ich dafür gelesen“, erzählt der Bildhauer. Er legt die fast fertige Miniatur aus Bronze auf den Tisch, ein virtuoses Spiel mit der Silhouette des Musikers. „Das dürfen Sie aber noch nicht fotografieren.“
„Das hat kein anderes Dorf“
„Es sind Hingucker, das hat kein anderes Dorf“, sagt Renate Lange. Die Wilmersdorferin kommt gerade vorbei, als wir bei einem der Schilder im Ort sind. Dann rätselt sie, was die eine Seite darstellt. „Es geht um Tanz?“, fragt sie. „Wenn man will“, antwortet Rother und fügt hinzu: „Es gehe nicht darum, was es ist, sondern wie es auf jemanden wirkt.“ Bei einer Arbeit mitten im Dorf hat diese Maxime nicht ganz gestimmt. Am Teich, direkt an der Straße, steht eine Stele. Als sie fertig war, rief spontan ein Nachbar: „Großartig“ und hielt den Daumen hoch. Die Stele ist ein Feuerwehrmann.
In offiziellen Kurzbiografien steht, das Rother 1991 nach Wilmersdorf kam. Doch tatsächlich ist er dort schon viel länger aktiv, erzählt Rother. Mit seinem Freund, dem Maler Jürgen Jentzsch, mit dem er in Frankfurt als Schüler schon einen Zeichenzirkel besuchte und sich später auf der Kunsthochschule bewarb, suchte er ein großes, preiswertes Atelier in der Natur. Ein LPG-Vorsitzender empfahl ihm das Forsthaus an der Madlitzer Mühle. Aber das ließ dies Stasi nicht zu, weil sie dort ihr Ferienobjekt baute.
Dann führte ihn ein Tipp zum alten Kuhstall in Wilmersdorf. Sie begannen das Haus herzurichten. Doch als Rother es 1984 kaufte, war sein Freund längst im Westen. 1991 zog der Bildhauer samt Familie endgültig in das Dorf, das rund 190 Einwohner hat. Anfangs waren sie skeptisch, erinnert er sich. Doch dann mischte er sich ein, initiierte die Gründung des Dorfklubs „Wilmersdorf Ost“. Deshalb steht auf den drei Schildern „Echt Ost“. Beim Feuerwehrmann wollte er auch, dass andere mitmachen. Ein Baumstamm wurde aufgestellt, doch die Mühsal der Kunst ließ Mitstreiter abspringen, das Projekt schleppte sich hin. Aus dem Stamm trieben Pilze. Da sagte Bredow, damals Ortsvorsteher und Feuerwehrchef, zu ihm: „Roland, mach was“. Er hat ihn in Beton gegossen.
Inzwischen ist man ein wenig stolz in Wilmersdorf. „Welches Dorf hat schon solch einen bedeutenden Künstler?“, sagt Bredow. Er will ihn überreden, bei der nächsten Veranstaltung Natur-Kultur in Odervorland Garten und Atelier für Besucher zu öffnen. Rother neigt leicht den Kopf und blickt skeptisch. Nein, das ist nichts für ihn. 2020 ist er 50 Jahre Bildhauer, mit akademische Ausbildung. Einer, der in vielen Orten Kinder hat – im künstlerische Sinne. Im Stillen hofft er sicher, dass ihm einer davon doch noch eine Ausstellung widmet.

