Medizin: Spezialprothese für junge Frau ohne Hüfte und Oberschenkel
In ihrer Heimat in Polen gab es für sie keine medizinische Hilfe. Dann erfuhr der frühere Superintendent der evangelischen Kirche, der mittlerweile verstorbene Günter Kuhn, von der Geschichte, vermittelte einen Kontakt zum Klinikum in Bad Saarow. Dort gab es die ersehnte Hilfe — mittels mehrerer Operationen. Am Montag war Iwona Lewandowska wieder zur Behandlung am Scharmützelsee.
Eine neue Prothese soll sie bekommen, die einfacher anzuziehen ist als ihre bisherige. Möglich wird das wiederum durch einen operativen Eingriff vor zwei Jahren. Dr. Jens Osel, der Chefarzt der Klinik für Traumatologie und Orthopädie am Helios Klinikum, setzte ihr ein künstliches Hüftgelenk ein, um es zu stabilisieren. Einen noch komplizierteren Eingriff hatte der Mediziner bereits im Jahr 2010 bei Iwona Lewandowska vorgenommen. Er drehte das rechte Fußgelenk des Mädchens, damit dieses fortan die Funktion des Knies ausüben konnte. Das Klinikum übernahm dabei stets sämtliche Kosten. Das Geld für die neue Prothese bringen das Krankenhaus und das Sanitätshaus Schadock aus Fredersdorf–Vogelsdorf je zur Hälfte auf.
Die Idee, aus dem Sprunggelenk ein Knie zu machen, sei aus der Tumorchirurgie bekannt, erläutert Dr. Osel. Er selber habe bei Iwona Lewandowska einen solchen Eingriff erstmals vorgenommen. Zu der Missbildung des rechten Beines sei es gekommen, weil die Zellteilung nicht richtig funktioniert habe. „Die Ursache dafür wissen wir nicht“, so der Chefarzt. Am Montag besprach er mit seiner Patientin sowie Iken Höntzsch und Christin Rabe vom Sanitätshaus aus Fredersdorf–Vogelsdorf, wie die neue Prothese noch für einen optimalen Sitz angepasst werden muss.
Trotzdem auch eine Krücke nötig
Die Operationen und die Prothese machen das Leben für Iwona Lewandowska einfacher. Beschwerlich bleibt es oft trotzdem. Trotz Prothese braucht die junge Polin auch eine Krücke, um laufen zu können. Das Treppensteigen falle schwer, erzählt sie, das Sitzen in Bus und Straßenbahn sei unbequem. „Auf der 200 Kilometer langen Autofahrt aus meinem Heimatort Zary nach Bad Saarow müssen wir immer mehrere Pausen einlegen.“ Eine Einkauftstasche zu tragen, ist für Iwona Lewandowska nicht möglich. Zehn Minuten ist sie jedes Mal beschäftigt, um ihre Prothese anzuziehen. "Aber ich bin Dr. Osel dankbar, dass ich dank seiner Hilfe überhaupt laufen kann“, sagt sie.
Als sie im vergangenen Jahr mit ihren Mitschülern in Polen bei einem großen Ball ihre bestandenen Abiturprüfungen feierte, trug Iwona Lewandowska ein langes Kleid, damit ihre Prothese nicht zu sehen war, und an den Füßen Sportschuhe. „Damenschuhe passen leider nicht“, schildert sie. Doch ihren Weg geht sie unbeirrt weiter. In Breslau hat sie ein Studium in Medizinischer Chemie begonnen, ab Sommer soll es mit dem erhofften Studienplatz in Medizin klappen.
„Das Phänomen, dass Menschen, die als Kinder und Jugendliche viel mit Ärzten zu tun haben, sich später für ein Medizinstudium entscheiden, habe ich schon oft erlebt“, sagt Dr. Osel. „Mein Interesse an dem Fach ist in der Tat auch durch meine eigenen Behandlungen entstanden“, bestätigt Iwona Lewandowska. Ob sie Orthopädin werden wolle, wisse sie aber noch nicht. „Die Fachrichung ist noch offen.“ Der Bad Saarower Chefarzt indes bot ihr am Montag schon mal einen Praktikumsplatz an.

