Nachfrage steigt: Hilfe für psychisch kranke Mieter

Basteln für psychisch kranke Menschen ein individuelles Betreuungspaket in der eigenen Mietwohnung: Frank Tschentscher, Leiter des Ambulanten Dienstes der Hoffnungstaler Stiftung, Anke Thieme von der Wohnungswirtschaft und Marcus Reichmuth, Teamleiter der Hoffnungstaler Stiftung, in der Küstriner Straße 34.
Manja WildeHühner–Nudel–Eintopf wird es bei ihr heute zu Mittag geben, sagt Sabine Reichmuth. Die 32–Jährige lächelt. Etliche Kilo hat sie in den zurückliegenden Monaten zugenommen. Sehr schlank ist die junge Frau aber noch immer. „Jetzt bin ich zufrieden mit meinem Gewicht, vielleicht wird es noch mehr“, sagt sie. Es klingt zuversichtlich.
Anke Thieme, die bei der Fürstenwalder Wohnungswirtschaft GmbH (Wowi) für die Vermietung zuständig ist, staunt, dass Sabine Reichmuth so offen plaudert. „Früher war sie sehr verschlossen und in sich gekehrt“, erinnert sich Frank Tschentscher, Leiter des ambulanten Dienstes der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, noch gut. „Wir zielen mit unserer Unterstützung darauf ab, die Menschen wieder in die Selbstständigkeit zu führen“, ergänzt sein Kollege, der Heilpädagoge Marcus Reichmuth. Um dies zu erreichen, haben Wowi und Stiftung in der Küstriner Straße 34 ein besonderes Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen geschaffen.
Sabine Reichmuth lebt seit fünf Jahren dort. Nachdem sie die Förderschule verlassen hatte, starb ihr Vater. Eine schwierige familiäre Situation, eine Essstörung und weitere Erkrankungen zehrten an der jungen Frau. Aus ihrer alten Wohnung musste sie ausziehen, weil nach der Sanierung die Miete zu hoch war. Ihr gerichtlicher Betreuer vermittelte Sabine Reichmuth den Kontakt zur Hoffnungstaler Stiftung Lobetal. Und die wiederum entwickelte zu jener Zeit mit der Wowi das Konzept für das Projekt.
„Wir bekamen damals mit, dass die Stadt das Obdachlosenheim, das sie in der Küstriner Straße betrieb, auflösen will“, sagt Wowi–Geschäftsführer Thomas Buhl. In Erbbaupacht übernahm das städtische Unternehmen das viergeschossige Gebäude. Gut 225 000 Euro investierte die Wowi in die Sanierung und den Umbau der großen in kleine Wohnungen. Neun Einraum– und drei Zweiraum–Einheiten entstanden für psychisch Kranke; zwei weitere Wohnungen wurden Büro, Hausmeister– und Gemeinschaftsraum.
„Wir haben mit der Hartz–IV–Behörde über die Miete verhandelt“, weiß Buhl noch. Auf 5,50 Euro pro Quadratmeter, etwas mehr als die damals für Hartz–IV–Empfänger zulässige Höhe in Fürstenwalde, habe man sich geeinigt. Eine „schwarze Null“ erwirtschafte das Projekt seither. Alle Wohnungen sind belegt; es gibt eine Warteliste. Das Besondere ist, dass die Wowi mit jedem Mieter einen Mietvertrag schließt — und nicht mit der Hoffnungstaler Stiftung.
Deren Betreuer sind aber täglich vor Ort. Das funktioniert ganz gut. „Wir hatten erst zwei Räumungen in den fünf Jahren“, sagt Buhl. Für die Klientel sei das ein gutes Ergebnis. Bei 31,5 Jahren liegt der Altersdurchschnitt der Mieter. „Es gab auch Bewerber, die ihre Chance nicht zu nutzen gewusst haben, aus der Obdachlosigkeit kamen und dann hier die Wohnung zerlegten“, erinnert sich Anke Thieme. Sie wurden an die Luft gesetzt.
Sabine Reichmuth ist da anders. Ihre Betreuer bastelten ihr ein optimales Angebot. „Am Anfang war es intensiver, weil es ihr nicht so leicht gefallen ist, etwas zu essen“, sagt Frank Tschentscher. Beim Einkaufen und Essen Zubereiten erhielt die Klientin Hilfe. Mehrere Jahre arbeiteten er und seine Kollegen darauf hin, dass die junge Frau eine Therapie annimmt, so Tschentscher.
2018 war es dann so weit: Sabine Reichmuth verbrachte mehrere Monate in einer Klinik. Seither geht es ihr besser. Der nächste Schritt soll der Besuch einer Tagesklinik in Fürstenwalde werden. „Es wäre schön, wenn dort ein Platz frei wäre“, sagt die 32–Jährige selbst. Und dann? „Praktikum in einer Gärtnerei“, antwortet Sabine Reichmuth. Sie sieht glücklich aus bei dem Gedanken.
Das Heranführen an das Leben außerhalb des geschützten Hauses ist das Ziel. „Hier sollt ihr nicht alt werden“, gibt Tschentscher den Klienten oft mit auf den Weg. Doch so lange die Frauen und Männer in der Küstriner Straße 34 leben, werden sie umsorgt. Selbst wenn für jeden Bewohner im Schnitt nur vier Betreuungsstunden in der Woche zur Verfügung stehen, bedeutet dies doch, dass die Stiftung eine 40–Stunden–Kraft für das Haus einstellen kann.
„Wir könnten locker zwei, drei solcher Häuser füllen“, weiß Anke Thieme. „Der Bedarf nimmt zu“, hat Buhl festgestellt. „Wie viele Mieter mit gerichtlich bestellten Betreuern wir jetzt haben, ist irre“, verdeutlicht er. Die Familie könne oft nicht das Leben dieser Menschen ordnen. „Wenn sie allein gelassen werden, zahlen sie oft keine Miete, verwahrlost die Wohnung und es wird unterm Strich für alle teurer“, erklärt der Wowi–Geschäftsführer. Für Projekte wie die Küstriner Straße 34 wünscht er sich von Land und Bund darum mehr Unterstützung.
