Portrait
: Einen Wunsch in den Himmel schießen

Die Fürstenwalderin Juliette Schlüter verzichtet seit größtenteils auf Feuerwerk – für ihre Hündin und andere Tiere.
Von
Lisa Mahlke
Fürstenwalde
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Für jedes Familienmitglied eine Wunschrakete: Juliette Schlüter verzichtet unter anderem für Hündin Marley auf ein großes Feuerwerk. Aber auch ihre vierjährige Tochter freut sich, wenn Tischfeuerwerk und Co. nicht so laut knallen.

Lisa Mahlke

Es riecht nach Zimt in Juliette Schlüters Wohnzimmer. Die junge Frau zupft sich weiße Hundehaare von ihrer schwarzen Hose, Hündin Marley läuft aufgeregt von einem zum anderen. Gar nicht mehr so aufgeweckt und fröhlich ist der Langhaardackel-Jack-Russell-Mix in der Silvesternacht. „Sie hat Angst und verkriecht sich unter einer Decke“, sagt ihr Frauchen. Auch in den Nebenaufgängen und über Familie Schlüter wohnen Hunde. Wegen der verängstigten Tiere und der Unmengen Müll haben sie beschlossen: Eine Rakete pro Person reicht.

Juliette Schlüter zeigt die Wunschrakete, die sie und ihr Mann seit drei, vier Jahren immer für Silvester kaufen. Daran ein kleiner weißer Zettel, auf den jeder einen Wunsch schreibt. Dann kommt die Plastikkappe der Rakete ab, der Wunsch rein und beides wird zusammen in den Himmel geschossen. „Letztes Jahr habe ich mir einen Familienurlaub gewünscht“, erzählt die 26-Jährige. Tatsächlich waren sie, ihr Mann und die gemeinsame Tochter 2019 zusammen an der Ostsee, in Stralsund. Die Frau mit den smaragdgrünen Haaren kommt ins Schwärmen. Am Wasser könnte sie sich gut vorstellen zu leben. Liebevoll berichtet sie aber auch: „Ich stecke immer Grüße für meinen verstorbenen Vater in die Wunschrakete.“ Was sie sich dieses Jahr wünscht, weiß sie noch nicht, aber es wird wohl wieder etwas für die Familie sein.

Leidenschaft fürs Feuer

Früher war Silvester bei ihr viel größer: Über 100 Euro gab sie für Raketen, Böller, Batterien aus. „Je mehr und länger und toller, desto besser“, erinnert sie sich. Dieses Jahr hat sie neben den drei Raketen nur Knallerbsen, bengalische Lichter, Wunderkerzen und Tischfeuerwerk. Letzteres „macht nicht Peng, sondern nur Pfff“, ahmt sie das Geräusch nach. Weder Tochter noch Hund bekämen Angst. Müsste sie sich aber zwischen Feuerwerk und Feuer entscheiden, fiele die Entscheidung definitiv auf letzteres.

Denn seit fünf Jahren spielt sie buchstäblich mit dem Feuer, ist Teil der fünfköpfigen Feuershow-Gruppe Sternenstaub. „Das macht mir tierisch Freude“ – und das merkt man auch. Die Erzieherin zeigt mit einigen Handbewegungen, wie sie die Feuerpoi, brennende Bälle an Ketten, in Bewegung bringt und Figuren zaubert. Wörter wie „cool“, „Spaß“, „geil“ fallen immer wieder, während sie erzählt. Man könne viel mehr machen als mit Pyrotechnik. Etwa mit Feuersalz oder Chemikalien aus der Apotheke Feuer rot, grün, blau brennen lassen. Zu diesem Hobby kam sie über ihren Mann. Als eine Artistin wegen einer Panikattacke ausfiel, sprang sie spontan ein. Kurz vor den Feuershow-Auftritten verboten: Haarefärben. Um ihren Schopf zu schützen, trägt sie Kopftuch. Verbrannt hat sie sich trotzdem schon mal – dritten Grades an der Hand. Trotzdem kommt sie von ihrer Leidenschaft nicht mehr los. Nur in der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt verzichtete sie. „Ich hatte viel zu viel Schiss, dass etwas passiert“, sagt sie und streckt die Arme in die Höhe. „Wenn man schwanger ist, soll man sich nicht mal strecken.“

Überhaupt stehe ihre Tochter an erster Stelle. Sternenstaub-Aufträge nehmen sie und ihr Mann nur an, wenn die Schwiegermutter Zeit hat, sich währenddessen zu kümmern. Bis die Vierjährige alt genug für Feuer ist, darf sie mit LED-Lichtern spielen. Ein wenig Interesse ist aber schon zu spüren: „Wonach riecht die Kerze?“, fragt sie ihre Mutter. „Das ist Zimt“, sagt Juliette Schlüter.

Sechs Fragen an Juliette Schlüter

Welche Person hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten geprägt? Mein Onkel. Er war immer für mich da, hat mich nie verurteilt. Ich kann ihm blind vertrauen. Deshalb war mein erstes Tattoo auch ihm gewidmet – und er hatte sogar Tränen in den Augen, als ich es ihm gezeigt habe.

Was würden Sie als erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeisterin von Fürstenwalde wären? Ich würde etwas für Kinder, Jugendliche, Obdachlose machen und die Straßen verbessern. Aber was ich davon als erstes machen würde, weiß ich nicht.

Möchten Sie noch einmal 17 Jahre alt sein? Nein. Das ist zwar noch nicht so lange her. Aber ich finde es schön, wie es jetzt ist.

Träumen Sie gerne? Klar. Es wäre schlimm, wenn nicht. Dann wäre das Leben ganz schön trostlos.

Was wünschen Sie sich seit Jahren? Mein allergrößter Wunsch ist, dass mein Kind gesund bleibt und wird. Das können sicher alle Eltern nachvollziehen.

Was hält Sie hier? Würden Sie woanders hinziehen? Meinen Lebensabend möchte ich nicht hier verbringen. Wir wollen gerne irgendwann ans Wasser, da wäre es schlecht in der Stadt. Und ich würde niemals nach Berlin ziehen.⇥⇥Lisa Mahlke