Zweiter Weltkrieg
: Erinnerungen, die nicht verblassen wollen

Zum Jahrestag des Kriegsendes erinnern sich die Zeitzeugen Jürgen Luban und Wolfgang Andres an die Geschehnisse in Fürstenwalde im Jahr 1945.
Von
Hvorje Miloslavic
Fürstenwalde
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  • Das durch Kampfhandlungen zwischen dem 16. und 21. April 1945 zerstörte Zentrum von Fürstenwalde: Zu sehen sind der St. Marien Dom, das Rathaus sowie linksseitig das Schuhhaus Albrecht.

    Das durch Kampfhandlungen zwischen dem 16. und 21. April 1945 zerstörte Zentrum von Fürstenwalde: Zu sehen sind der St. Marien Dom, das Rathaus sowie linksseitig das Schuhhaus Albrecht.

    Museum Fürstenwalde
  • Schwer beschädigt durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss wurde der Fürstenwalder Dom.

    Schwer beschädigt durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss wurde der Fürstenwalder Dom.

    Museum Fürstenwalde
  • Schreckliche Erinnerungen: Wolfgang Andres zeigt die Stalle, an der im April 1945 der Munitionstransport getroffen wurde.

    Schreckliche Erinnerungen: Wolfgang Andres zeigt die Stalle, an der im April 1945 der Munitionstransport getroffen wurde.

    Hrvoje Miloslavic
  • Jürgen Luban besucht zum Jahrestag jenen Ort in der Kirchhofstraße, an dem einst das Haus stand, das er 1945 mit seiner Mutter bewohnte. Wolfgang Andres hat noch immer die Bilder von den Soldaten, die durch die Explosion eines Munitionszuges am Kleinbahnübergang verletzt oder getötet wurden, vor Augen.

    Jürgen Luban besucht zum Jahrestag jenen Ort in der Kirchhofstraße, an dem einst das Haus stand, das er 1945 mit seiner Mutter bewohnte. Wolfgang Andres hat noch immer die Bilder von den Soldaten, die durch die Explosion eines Munitionszuges am Kleinbahnübergang verletzt oder getötet wurden, vor Augen.

    Hrvoje Miloslavic
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Es ist der 16. April 1945. Der Zweite Weltkrieg erreicht Fürstenwalde. Und Jürgen Luban ist sechs Jahre alt.  Als Kind sei man zur damaligen Zeit „mit dieser Misere groß geworden“, sagt der heute 80–Jährige rückblickend.

Wolfgang Andres ist schon etwas älter. Aus prominentem Munde will der damals fünfzehnjährige Hitlerjunge an jenem Morgen erfahren haben, was seiner Heimatstadt blühen werde. Denn der am Flugplatz Fürstenwalde stationierte, hoch dekorierte Fliegeroffizier Hans Ulrich Rudel verkehrt in der Nachbarschaft von Andres Elternhaus in der Dr.-Golz–Straße. Bei einem seiner Besuche habe er von diesem erfahren, dass ein Ultimatum der Roten Armee zur Übergabe der Stadt von den NS–Behörden abgelehnt und die Stadt zur „Festung“ erklärt worden sei.

Erinnerungen von Zeitgenossen und die lokalhistorische Forschung scheinen in diesem Punkt nicht ganz übereinzustimmen, wie eine Nachfrage bei Guido Strohfeld vom Museum Fürstenwalde ergibt. Die militärische Bedeutung der Stadt habe auf ihrer Funktion als Verkehrsknotenpunkt basiert. Propagandistische Durchhalteparolen und militärische Halte– und Rückeroberungsbefehle hätten erst am 22. April, zwei Tage nach Sprengung der Spreebrücke, eine gewisse Wirkung entfaltet. Gründe seien eher strategischer Natur gewesen, erklärt Strohfeldt. Galt es doch, den Rückzug der Garnisonstruppen aus Richtung Frankfurt (Oder) abzusichern und eine Einkesselung der Truppen durch die Rote Armee zu verhindern.

Mörderischer Knall

Die infrastrukturelle Bedeutung kommt Fürstenwalde und seinen Bewohnern jedoch teuer genug zu stehen. Immer wieder gibt es im Laufe des Vormittages Angriffe sowjetischer Jagdbomber, berichten Jürgen Luban und Wolfgang Andres. Gegen 11.30 Uhr kommt es dann zum Inferno: Ein „mörderischer Knall“ zerreißt die Luft, erinnert sich Luban. Ein nahe dem Kleinbahnübergang abgestellter Munitionszug wurde getroffen. Die Detonation hat auch einen Truppentransport in schwere Mitleidenschaft gezogen. Trotz mehrerer hundert Meter Entfernung ist aufgrund der explosiven Kettenreaktionen an ein Verlassen des schützenden Kellers in der Kirchhofstraße nicht zu denken gewesen, betont Jürgen Luban.

Als sich die Lage etwas beruhigt, läuft Wolfgang Andres zum Kleinbahnübergang in der Forststraße, um „erstmalig das Grauen des Krieges“ mit eigenen Augen zu sehen. Schreiende, verwundete Soldaten versuchen dort, einen nahe gelegen Panzergraben zu erreichen. Andres sieht, wie im unzureichenden Schutz der Hauseingänge in der Martin–Luther–Straße und der Küstriner Straße Männer „mit furchtbaren Verletzungen“ notdürftig versorgt werden. Fassaden sind beschädigt und sämtliche Fensterscheiben der Häuser in der Umgebung zu Bruch gegangen.

Am Abend, gegen 21 Uhr, erfolgt ein weiterer Bombenangriff. Im Luftschutzkeller werden die Menschen „hin und her geschleudert“, sagt Andres. Am nächsten Tag begutachtet er entsetzt die großen Schäden. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der schreckliche Anblick von Soldaten, die tags zuvor den Angriff auf den Munitionszug überlebt haben. In der Nähe seines Hauses in der Dr. Golz–Straße richten sie sich im Freien ein. Das Angebot, einen Luftschutzkeller aufzusuchen, lehnen die Männer ab. Viele von Ihnen kommen beim Luftangriff am späten Abend um, berichtet Andres. Körperteile seien sogar in den Kronen der Bäume zu sehen gewesen, fügt er hinzu.

Jürgen Luban erlebt den abendlichen Fliegerangriff im Keller in der Kirchhofstraße. Eine Bombe schlägt an der Ecke zur Töpferstraße ein. Die gewaltige Explosion verschüttet den Keller. Irgendwann, nachdem sich die Lage beruhigt hat, hören die Eingeschlossenen Männerstimmen und eine fremde Sprache. Französische Kriegsgefangene, die nach Verschütteten suchen, befreien den kleinen Jürgen und seine Mutter aus dem Keller. Im Haus gegenüber haben Bewohner weniger Glück. Eine Frau ist zwischen zwei zusammengestürzten Stockwerken eingeklemmt. Sie überlebt nicht.

Schizophrenie des Krieges

Die Erinnerungen an den Krieg tragen maßgeblich zu Lubans pazifistischer Haltung bei. Und die bringt ihm später große Probleme mit den Behörden in der DDR ein. „Mein Vater hat 1945 als Berufssoldat in Budapest den Nachschub für die Truppen auf dem Balkan mitorganisiert, Russen haben meine Stadt bombardiert und französische Kriegsgefangene haben mich und meine Mutter aus einem verschütteten Keller befreit“, stellt Luban fest. „Krieg ist schizophren“, fügt er hinzu.

Doch zurück ins Jahr 1945. Luban und Andres verlassen mit ihren Angehörigen Fürstenwalde bevor die Spreebrücke am 20. April gesprengt wird in Richtung Lebbin sowie Wilmersdorf bei Pfaffendorf. Dort lebten sie einige Tage im Frieden. Sie sehen, wie sich deutsche Truppenverbände in Richtung Westen zurückziehen, um, wie sie später in Erfahrung bringen, im Kessel von Halbe zwischen dem 24. und 28. April aufgerieben zu werden. Einige Tage später kommt es zur ersten Begegnung mit Angehörigen der Roten Armee, die Luban und Andres auf sehr unterschiedliche Weise erlebt haben.

„Eine Ehre soll es sein, fürs Vaterland zu sterben“, fragt Wolfgang Andres verächtlich. „So ein Unfug“, erbost er sich. Parallelen zwischen der NS–Diktatur und heutigen populistischen Strömungen in Deutschland sind für den 89–Jährigen evident. Die Erinnerung an den 16. April 1945 will Andres vor allem als Mahnung verstanden wissen: „Uns geht es heute gut – es können aber wieder andere Zeiten kommen.“