Bio-Produkte: Erikas Huldigung fällt diesmal aus
Mehr noch: In Zeiten der Pandemie hat das Verlangen des Bockes eine metaphorische Bedeutung. Die tierische Kreatur trotzt Corona und schafft dem der Natur entwöhnten Menschen Perspektiven – inmitten absoluter Idylle. Sabine Denell und Hanspeter Dill haben gleichwohl in den vergangenen Monaten genug schwierige Momente durchlebt und manchmal durchlitten. Was vor wenigen Tagen in einer schwierigen Entscheidung gipfelte. „Wir haben das Heideblütenfest nun doch sicherheitshalber abgesagt“, erklärt Sabine Denell, Tierärztin von Beruf und seit mehr als 20 Jahren die Gebieterin über Generationen von Ziegen. Geplant war es für das Wochenende 22. und 23. August.
Virus ist zu gefährlich
Die Entscheidung sei den beiden nicht einfach gefallen. Zumal es in wirtschaftlicher Hinsicht zurzeit super laufe. „Das ist paradox, wir verkaufen soviel Käse wie selten zuvor“, merkt Sabine Denell an. Und dennoch habe man sich die Frage stellen müssen, wie die coronabedingte Logistik etwa bei einem Heideblütenfest – es wäre inzwischen das 22. seiner Art gewesen – hätte funktionieren sollen.
„Nehmen wir nur einmal Kremserfahrten oder Hofführungen, die wir bei unseren Festen immer anbieten“ – dies mit den Regelungen der Eindämmungsverordnung in Einklang zu bringen, sei doch schlicht nicht möglich. „Ebenso ist doch dann auch das Schaukäsen ein Ding der Unmöglichkeit“, erklärt Denell.
Unverantwortlich wäre, wenn etwas passieren würde und damit die Gesundheit von Menschen oder die Existenz des Hofes aufs Spiel gesetzt würde. Obgleich das Heideblütenfest, das immer dann stattfindet, wenn die Erika blüht, alles andere als Ballermänner und -frauen anlockt.
Hanspeter Dill ist sich aber der Gefahren, die von dem Covid-19-Virus ausgehen bewusst. „Wir haben ja auch in den Lockdown-Zeiten, als es wieder erlaubt wurde, unseren Ziegenkäse in Berlin verkauft“, erinnert er. Und zwar im Capriolenhof-Fenster, Bochumer Straße 11, Berlin-Moabit und beim Ökomarkt in der Domäne Dahlem. "Ich bin aber immer wieder mit einem mulmigen Gefühl, also voll Angst, heimgekehrt, in der Sorge, ich könnte mich angesteckt haben und der Hof müsste geschlossen werden“, merkt Dill an.
Sabine betont: „Fakt ist, dass die Leute oft die Köpfe zusammenstecken, oft unbewusst sich viel zu nahe kommen“, dem wolle man nicht Vorschub leisten. Und dann Listen ausfüllen, Maskenpflicht verordnen, Desinfektionsstellen schaffen, „dies wäre zu viel gewesen für unseren kleinen Betrieb“, erklärt Denell. Neben ihr und ihrem Lebensgefährten Hanspeter arbeitet nur noch Eva Fitzek festangestellt auf dem Capriolenhof.
Vor Arbeit können sich die drei freilich zurzeit nicht retten. Fragt sich nur: trotz der Pandemie oder vielleicht wegen ihr? "Der Zulauf ist super, Pfingsten etwa sind wir so gut wie leer gekauft worden, manchmal haben wir einfach keinen Käse mehr zum Nachliefern“, beschreibt Sabine Denell die paradoxe Situation. Mit anderen Worten: "Wir kommen mit dem Melken einfach nicht mehr hinterher“, lacht die Expertin. Und Hanspeter Dill kann sich eine kleine Stichelei nicht verkneifen: „Wenn die Kommunen, wie vor Jahren groß verkündet, die einzige Zufahrtsstraße durch den Wald tatsächlich gründlich ausgebessert hätten, wäre uns wahrscheinlich jetzt alles über den Kopf gewachsen.“
Bootstouristen zu Gast
Dieser Tage nämlich haben Viele die Heimat als Urlaubsland wieder entdeckt. Auf Erkundungstour begeben sie sich häufig mit dem Hausboot. Und gehen vor der Regowschleuse vor Anker. Oft aus Neugier, nicht selten aber auch notgedrungen. Weil die sanierte Schleuse in Zaaren noch nicht automatisch funktioniert, der Schleusenwärter aber um 18 Uhr Feierabend macht, verbringen Skipper die Nacht an der Regowschleuse. Und lernen so aus Neugier den Capriolenhof kennen, "und unsere tollen Produkte“, erklärt Dill. Und er fügt hinzu: Immerhin sei ihr Käse „der beste seiner Art nördlich der Alpen“.
Immer Leben in der Bude
Das liegt möglicherweise am Prinzip der Entschleunigung, einem besonderen Bestandteil der Rezeptur für den Käse. 1996 hatten Dill und Denell eine Genehmigung für den Ausbau des Hofes beantragt, den sie drei Jahre zuvor vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde gepachtet hatten. 2008 wurde die Baugenehmigung erteilt. Seitdem werkeln die Beiden mehr oder weniger zielstrebig und gelassen an ihrem Capriolenhof. 2023 gibt es also ein wichtiges Jubiläum zu feiern. Der Capriolenhof wird 30 Jahre alt. Ob George die Party noch erlebt, sei dahingestellt – aber Corona dürfte abgehakt sein.
Zertifizierter Öko-Hof
Zurzeit leben auf dem Capriolenhof rund 120 zu melkende Ziegen und dutzende Überläufer – das sind Tiere, "die nächstes Jahr in Milch kommen". Vor allem handelt es sich um die Rasse der Toggenburger. Zicklein in Hülle und Fülle wachsen heran, Böcke machen sich bemerkbar, Pferd, Esel, Hund und Katzen bevölkern den Hof.
Es werden rund 70 Tonnen Milch pro Jahr zu Käse verarbeitet und 25 Tonnen Milch an die Zicklein verfüttert. Eine Ziege gibt durchschnittlich 650 Liter pro Jahr.
20 Sorten Käse werden hergestellt. Er wird auch in Berliner Sterne-Restaurants verkauft. Die Homepage lautet: www.capriolenhof.de.⇥pilz


